Bestenfalls mittelprächtig:
„Engelssturz“ von Timothy Zahn

Timothy Zahn - „Engelssturz“Der 1951 in Chicago geborene Timothy Zahn wurde vor allem durch Star-Wars-Romane bekannt. Heyne bringt nun einen etwas älteren Titel dieses Autoren auf den hiesigen Markt. „Engelssturz“ ist in keinem werbewirksamen Media-SF-Universum angesiedelt, der Roman gehört nicht einmal zu irgendeinem Zyklus. Stilistisch haben wir es mit einer Space Opera zu tun, die den Klassikern des Golden Age verpflichtet zu sein scheint.

Das grundlegende Szenario dürfte sattsam vertraut sein: Die Menschheit hat weite Teile der Galaxis besiedelt, auf die große Expansion folgten Autonomiebestrebungen der in den Weiten des Alls verstreuten Kolonien. Jetzt versuchen aggressive Regionalmächte, eigene kleine Imperien zu begründen. Eine dieser Mächte hat sich den wunderbaren Namen Pax gegeben, verfügt aber über eine beeindruckende Flotte, deren Schmuckstück die gigantische „Komitadji“ ist. Die Pax richtet seinen begehrlichen Blick auf den Planetenbund von Empyrea, der sich durch eine einzigartige Besonderheit auszeichnet: Im Herrschaftsbereich des Bundes liegt das schwarze Loch Angelmass, das Partikel exotischer Materie aussendet, die auf Menschen eine eigentümliche Wirkung haben: Wer immer ein derartiges Partikel trägt, scheint zu keiner Lüge mehr fähig!

Alle PolitikerInnen von Empyrea wurden verpflichtet, solche „Engel“ genannten Partikel zu tragen, was auf das politische Tagesgeschäft des Staatenbundes unübersehbare Auswirkungen hatte: PolitikerInnnen, die nicht lügen können! Die Pax aber erklärt die „Engel“ kurzerhand für eine nichtmenschliche Invasion und schickt ihr mächtigstes Raumschiff aus, den Planetenbund von Empyrea zu erobern.

Zahn hat seinen Roman um eine Gruppe von ProtagonistInnen herum aufgebaut, die er geschickt auf beiden Seiten des sich anbahnenden Konfliktes ansiedelt: Der Wissenschaftler Kosta, der vom Geheimdienst des Pax einem Crashkurs als Agent unterzogen und auf eine verdeckte Mission nach Empyrea geschickt wird, ahnt nicht, dass er in Wirklichkeit auffliegen soll, um so eine ganz andere Mission zu verdecken. Kommodore Vars Lleshi, der die „Komitadji“ befehligt, ist ein integrer und loyaler Militär, fähig und willens seinen Eroberungsauftrag auszuführen; dabei steht er unter der misstrauischen Beobachtung durch den Adjutor Telhorst, einer Art politischem Führungsoffizier. Die passionierte Kleinkriminelle Chandris Lalasha stolpert auf der Flucht vor einem gemeingefährlichen Ex-Lover erst über den Pax-Spion Kosta, um dann auf dem Raumschiff der Geschwister Hanan und Ornina zu landen, deren Broterwerb darin besteht, in der Peripherie des schwarzen Lochs Angelmass nach „Engeln“ zu suchen. Und dann ist da noch der empyreanische Politiker Forsythe, der dem segenbringenden Wirken der „Engel“ nicht traut und deshalb den ihm zugedachten einem treuen Untergebenen, dem geistig etwas zurückgeblienenen Ronyin „anvertraut“ hat …

Mit dem Genre und seinen Untiefen vertraute LeserInnen ahnen schon, wie sich das vorliegende Szenario en détail wie en gros entwickelt: es gibt auf beiden Seiten Gute und weniger Gute. Die Guten auf Seite der Angegriffenen reifen, die Guten auf der Seite der Invasoren entdecken ihre wahre Bestimmung – oder gehen zumindest aufrecht unter; denn anders als im „richtigen“ Leben hat in einem derartigen Szenario eine militärische Invasion natürlich keine Aussichten auf dauerhaften Erfolg. Aber auf die wirklich Bösen, Verblendeten wartet kompromisslos die gerechte Strafe …

Insgesamt ist „Engelssturz“ damit ein bestenfalls mittelprächtiger Jugendroman, bei dem ein klischeegesättigtes Szenario durch einzelne, unbestreitbar mitreißende Szenen gebrochen und einem nur allzu absehbaren Finale entgegen geführt wird. Etwaige Hindernisse sind bei dieser Art von Trivialliteratur bekanntlich einzig dazu da, überwunden zu werden. Warum ausgerechnet dieser, mit einigem Wohlwollen bestenfalls mittelprächtige Roman aber in den Genuss einer leicht überformatigen, damit also herausragenden Publikation gekommen ist, wissen wohl nur die Verantwortlichen im Hause Heyne.

Peter Herfurth-Jesse

Timothy Zahn
„Engelssturz“
Science-Fiction-Roman
Originaltitel: „Angelmass“ (2001)
aus d. Amerikanischen von Martin Gilbert
deutsche Erstausgabe
Heyne, München 2011
608 Seiten
ISBN 3-453-52856-7

 

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