Phantastisches Schweizermesser:
Die Phantasten e.V.

Simone Edelberg Arcen 2009

Simone Edelberg bei der Elf Fantasy Fair 2009 im niederländischen Arcen

Ende September wurde in München der Verein „Die Phantasten“ gegründet, der sich die interdisziplinäre Förderung der Phantastik auf die Fahnen geschrieben hat. Der Vorstand, der sich mit blumigen Titeln schmückt, möchte Kunstschaffende und Publikum an einen Tisch bringen. Der Fandom Observer sprach mit der ersten Vorsitzenden, der „Herrin des Horrors“, Simone Edelberg.

muellermanfredHerzlichen Glückwunsch zur Vereinsgründung! War das wirklich nötig?

Avatar Simone EdelbergDanke! Ja, das war nötig. Torsten Low und ich kooperieren ja schon lange miteinander. Als wir uns im Juni 2009 auf dem Hamburger NORDCON kennenlernten, haben er und seine Frau Tina mich liebevoll unter ihre Fittiche genommen. Damals war ich noch eine typische »Stadtautorin«; ich hatte zwar schon etliche Lesungen auf dem Buckel, habe mich aber auf meiner ersten Convention doch einigermaßen verloren gefühlt. Das Bild, wie ich mit meinem Samsonite-Köfferchen aus dem Auto stieg und mitten in ein Orklager platzte, werde ich wohl nie vergessen … Ich weiß bis heute nicht, wer verblüffter geguckt hat: die Orks oder ich. In dieser Situation war es gut, von einem Kenner der Szene begleitet zu werden.
Der gegenseitige Erfahrungsaustausch ist uns auch heute noch wichtig. Viele Autoren, Verleger und Vereine kochen ihr eigenes Süppchen. Wir dagegen wollen uns mit anderen Phantasten austauschen, unser Wissen weitergeben und teilen. Natürlich haben wir das schon vorher getan, aber die Gründung des Vereins war der nächste logische Schritt. Wir stellen unsere gemeinsamen Aktivitäten damit auf eine solidere Basis und schaffen mehr Möglichkeiten für weitere Veranstaltungen.

Ein Beispiel: Derzeit organisiere ich mit einigen anderen den mucCON, die erste phantastische Convention im süddeutschen Raum. Unter dem Dach eines Vereins können wir ganz anders auftreten, beispielsweise die Unterstützung des Münchner Kulturreferates einholen. So ist denkbar, dass aus der heuer eintägigen Veranstaltung im Jahr 2012 ein zweitägiges Event wird. Darüber hinaus sind viele andere phantastische Projekte für unsere Mitglieder geplant, die nach einem gemeinsamen Kopf geradezu schreien. Hinzu kommt, dass es einen Verein wie unseren bislang noch nicht gab. Zwar existiert der »Marburger Verein für Phantastik«, aber dieser ist auf Marburg begrenzt, während wir bundesweit – und darüber hinaus – agieren wollen. Gern auch in Kooperation mit anderen Vereinen und Einrichtungen.

muellermanfredDie Phantasten wollen vor allen Dingen fördern: phantastische Genres, den Nachwuchs, Projekte, die Kommunikation untereinander – was kann man ganz konkret erwarten?

Avatar Simone EdelbergSchön, dass du fragst. Aktuell bauen wir unsere Internetpräsenz und einen Verteiler für unseren Newsletter auf. Ein wichtiger Schritt in unserer Kommunikation. Wie diese dann im Detail aussehen wird, bestimmen unsere Mitglieder. Wir betrachten uns ja nicht nur als Förderer der phantastischen Literatur, sondern auch als Förderer der übrigen phantastischen Künste. Egal, ob Literatur, Musik, Fotografie, Comic, Illustration, Film … – alles hat bei uns seinen Platz, solange es nur phantastisch ist.

Vorstand Phantasten e.V.

Apropos Film: Unser „Meister des Schatzes“, Ralf Bodemann, liebäugelt damit, ein phantastisches Filmfestival auf die Beine zu stellen. Wer weiß, vielleicht organisieren wir ja in dessen Rahmen auch einen Wettbewerb?
Was jetzt schon feststeht, ist die alljährliche Literaturausschreibung für unsere Mitglieder. Wir werden dazu aufrufen, uns phantastische Texte zu schicken und diese als gedrucktes Buch sowie als E-Book veröffentlichen. Im Moment haben wir vier Verleger unter den »Phantasten«, deren Know-how in das Projekt einfließt. Es wird Lesungen geben, die von den übrigen Künsten buchstäblich untermalt werden können.

Außerdem wollen wir einen monatlichen phantastischen Stammtisch in München einrichten. Da wir grundsätzlich überregional orientiert sind, sind unsere Mitglieder herzlich eingeladen, auch in ihrer Stadt Stammtische zu organisieren, wobei wir sie gern unterstützen. Wir erhalten inzwischen interessierte Anfragen aus dem gesamten deutschsprachigen Raum. Überall gibt es Phantasten. Diese miteinander zu vernetzen und ihnen Auftritts- und Veröffentlichungsmöglichkeiten zu verschaffen, ist unser oberstes Ziel.

muellermanfredDas liest sich wie ein interdisziplinäres Schweizermesser. Wird diese Initiative denn wirklich gebraucht? Die Regale der Buchhandlungen quellen doch schon über vor phantastischen Titeln …

Avatar Simone EdelbergDer Vergleich mit dem Schweizer Taschenmesser gefällt mir. Ich sehe uns gern als nützliches Instrument für Phantasten jeglicher Couleur, nicht nur für Literaten. Wir fördern neben Autoren auch Zeichner, Maler, Fotografen, Musiker, Filmschaffende und Schauspieler, die sich der Phantastik verschrieben haben, bringen sie an einen Tisch. Und sollte uns eines Tages ein phantastisches Ballettensemble ansprechen, werden wir uns auch mit diesen Künstlern unterhalten und überlegen, wie wir miteinander arbeiten können. Das ist ja das Spannende an unserem Konzept: Wir stellen ein Genre in den Mittelpunkt, sind aber offen für alle künstlerischen Disziplinen. Deren einzelne Vertreter wissen oft nichts voneinander, dabei könnten sie sich gegenseitig wunderbar beflügeln, einander inspirieren. Wir wollen gemeinsam mit unseren Mitgliedern neue Konzepte künstlerischer Zusammenarbeit innerhalb der Phantastik entwickeln, als Experimentierfeld und Freiraum für frische, ungewöhnliche Ideen dienen. Wir lassen phantastische Texte tanzen und phantastische Bilder singen – auf die Ergebnisse bin ich schon jetzt gespannt.

Was die vor phantastischen Titeln überquellenden Regale der Buchhandlungen betrifft: Nun, das sind überwiegend Bücher von Starautoren der großen Publikumsverlage. Wir aber schaffen Auftritts- und Publikationsmöglichkeiten sowohl für vielversprechende Nachwuchstalente als auch für erfahrene Schriftsteller. Dabei holen wir die Literatur nicht nur aus dem Regal, sondern stauben sie auch ab, machen sie lebendig und erlebbar.

muellermanfredErst im Juli wurde die Phantastische Akademie gegründet, der »Verein zur Förderung der phantastischen Literatur in Deutschland«. Auch dort sitzen Fachleute – Autoren und Verleger. Was unterscheidet euch von den Kollegen?

Avatar Simone EdelbergIm Gegensatz zu den geschätzten Kollegen, die sich ausschließlich für die Förderung und Anerkennung der phantastischen Literatur als gleichberechtigter Literaturform engagieren, setzen wir uns für die Fülle des gesamten phantastischen Kunstschaffens ein, in all seinen technischen und ästhetischen Formen. Neben den bereits genannten Disziplinen pflegen und fördern wir Künste wie Bildhauerei, Design, Grafik, Neue Medien und sogar Schmuck und Mode. Das spiegelt sich auch in der Zusammensetzung unserer Mitglieder wider: Schon jetzt sind Maler, Fotografen, Digital Artists und Schmuckdesigner bei uns vertreten. Überdies dient der Verein im Rahmen abwechslungsreicher und vielfältiger Veranstaltungen als Podium der phantastischen Künste. Dabei suchen wir den Austausch und die Kooperation mit anderen Gruppen, Vereinen und Kulturinstitutionen.

muellermanfredWie möchtet ihr gesehen werden? Als programmgetriebene Vertriebsgenossenschaft für Verleger oder sollen die Grenzen zum Fandom durchlässig sein?

Avatar Simone EdelbergAutsch! Wir sind ein gemeinnütziger Verein, keine Vertriebsgenossenschaft. Derartige Ambitionen überlassen wir gern anderen Interessengemeinschaften. Unsere Mitglieder stehen im Mittelpunkt unseres Denkens und Wirkens. Daher gibt es auch keine Grenzen zum Fandom, wir sind ein Teil des Fandoms. Oder mit anderen Worten: Die Phantasten e. V.  sind ein Verein zum Anfassen und Mitmachen.

Das Interview führte Manfred Müller per E-Mail.

PHANTASTISCHES KREATIVFRÜHSTÜCK
Jeden zweiten Sonntag im Monat, 10 Uhr, mit Helmfried Protsch: Text- und Bildgespräche, Schreibspiele und Diskussionen über Neuerscheinungen und Ausstellungen. Unkostenbeitrag für Material: € 2,00
Ort: Café Borstel, Franz-Marc-Str. 9, 80637 München
Termine 2011: 13. November und 10. Dezember

PHANTASTEN-STAMMTISCH
Jeden 4. Samstag im Monat
Ort: Dietrich von Bern, Dietrichstr. 2, 80637 München
Termine 2011: 26. November; der Dezembertermin entfällt aufgrund von Heiligabend.

www.die-phantasten.de

Torsten Low – Gothika 2011

Autor und Kleinverleger Torsten Low liest im Mai 2011 bei der Gothika in Köln

 

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Über muellermanfred

Manfred schreibt seit 1989 für den Fandom Observer und hat das Heft von 1992 an ein paar Jahre lang als alleiniger Chefredakteur betreut. Kümmert sich heute vor allem um den FO im Internet. Beruf: Grafiker. Fährt gern Rad.
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Eine Antwort auf Phantastisches Schweizermesser:
Die Phantasten e.V.

  1. Nina sagt:

    Kritische Fragen und gute Antworten, so mag ich Interviews!