Post-Larp-Blues

Der Tag danach: emotionaler Fall-Out des Liverollenspielens

Mädchen mit Kapuze
Es ist Montag. Düster, grau und nass. Mich schmerzen blaue Flecken an meinen Armen und Beinen. Der Flur ist blockiert von nassen, modernden Sachen: Zeltplanen, Wollgewandung, Stiefel. Es kostet Kraft, die Wohnungstür zu öffnen, weil sie durch die Kiste mit meinem Kettenhemd blockiert ist. 8 Stunden Bürolangeweile warten auf mich.
Das alles wäre ja nicht so schlimm. Junggesellenalltag. Nur kommt heute noch ein Faktor dazu: die Post-Larp-Depression.

Viele Fandoms kennen die eine oder andere Art von Nach-dem-Event-Blues. Ob Anime oder Furries, Re-Enacter oder Festivalbesucher: bei jedem setzt nach einem tollen Wochenende eine Phase der Ernüchterung ein: oh Scheiße, der Alltag hat auf mich gewartet.
Wenn man Vertreter aller Fandoms dazu befragt, was sie dazu bringt sich ein Wochehende mit ihrem absurden Hobby um die Ohren zu schlagen (und man darf hier Modellfliegen, Oldtimerfahren oder Wettgrillen getrost zu den Fandoms zählen. Es gilt für fast alle Hobbies, dass der harte Kern zur Convention-Sucht neigt), dann klingen die Antworten sehr ähnlich: weil es den Teilnehmern erlaubt, mal ganz was anderes zu machen, die Routine und Real-Life-Sorgen zu vergessen, und sich im Kreis einer Gemeinschaft Gleichgesinnter zu betrinken (letzteres wird nicht gerne offen zugegeben). Sogar normale Urlauber haben oft melancholische Tage nach der Heimkehr.

Entzugserscheinungen

Junge in RüstungIch jedoch behaupte: Larper erwischt es am ärgsten. Die 24-48 Stunden nach dem Out-Time lasten extrem schwer auf der Seele. Man hat keinen Enthusiasmus für irgendwas, die Flashbacks von den eindrucksvollen In-Time-Momenten machen es einem schwer, sich abzulenken. Man grübelt immer und immer wieder nach, wann man sich den nächsten „Hit“ besorgen kann. Noch 6 Wochen bis zum Drachenfest? Eine Ewigkeit.

Es gibt eine Reihe von Faktoren, die zum Post-Larp-Blues (und zu den Entzugserscheinungen der anderen Fandoms) beitragen, als da wären:

  • Körperliche Erschöpfung: die Vollplatte fühlt sich zwar am Körper leichter an als in der Transportkiste. Aber das ändert nichts daran, dass 25 Kg bei 30 Grad Celsius an Leistungssport-Niveau heranreichen, zumal für ungeübte (also alle nicht-Denethors unter uns).
  • Schlechte Ernährung auf Con: wird mit zunehmender Erfahrung seltener. Larp-Noobs erzählen auf Con Larp-Anekdoten. Alte Larp-Hasen ezählen Kochgeschichten. Aber trinken tun sie beide zu wenig, außer:
  • Alkohol. Ein Kater ist am nächsten Tag vorbei. Zwei Kater in Folge hängen einem schon mal ein paar Tage lang nach.
  • Schlafentzug. Einerseits wegen der Trink- & Singgelage, andererseits weil der Plot ruft – und Nachtwache muss ja auch wer schieben.
  • Trennung von Freunden. Man muss Larp-Kameradie nicht überbewerten. Aber es ist schon so, dass eine eingeschworene Gemeinschaft mit gleichen Vorlieben und einem Grundgebot der Toleranz schnell und eng zusammenwächst. Ganz zu schweigen von:
  • Larp-Romanzen. Gibt es immer wieder, vor allem wenn In-Time und Out-Time sich vermischen. Zum Glück sind auf Con Latexwaffen Pflicht, weswegen längerfristige Konsequenzen eher selten sind.
  • Statusverlust. Wer seit Samstag Abend als Ritter Hero von Nimmerfehl Ruhm und Ansehen genossen hat, jetzt aber wieder Student X oder Kassenaufhilfe Y ist, den wird diesen (fiktiven) Statusverlust natürlich deprimieren.

»Ausrüstungspflege macht Arbeit. All das Zeug will nach dem Con natürlich gepflegt, repariert und ergänzt werden«

Mehr Spaß, mehr Risiko

Was aber macht Larper so viel anfälliger als, sagen wir, Cosplayer? Drei Faktoren schlagen hier zu Buche:

  • Tieferes Eintauchen in die alternative Realität: im besten Fall denkt, fühlt und handelt ein Larper 2 volle Tage lang als ein anderer: Name, Ziele, Beruf und Selbstverständnis sind andere, das Aussehen oft auch. Es ist verwandt mit der Technik des Method Acting (dass einem offenbar auch unter die Haut gehen kann). Larper und Re-Enacter legen großen Wert auf Authentizität, auf eine möglichst echte Täuschung von Szene und Teilnehmern – anders als Hobby-Flieger, die völlig im Realen handeln, oder Cosplayern, die zwar auch eine Rolle spielen, aber dennoch durch eine völlig reale Messehalle laufen.
  • Stärkere psychologische Involviertheit in den Charakter. Larper schreiben sich ihre Rollen selber – in langen Winternächten am heimischen Schreibtisch, und dann vor Ort auf Con. Sie bringen damit einen erheblichen Teil ihres Ichs ein – meist Wünsche und Ideale, die sie im Alltag nicht so recht ausleben können (es ist eine alte Larper-Regel, dass jeder Noob erstmal das spielt, was er sein will, nicht was er kann. Pummelige Elfen, magere Zwerge und unmusikalische Barden sind die Folge.) Das macht es schwer, loszulassen.
  • Ausrüstungspflege macht Arbeit. Larper haben unglaublich viel Gepäck. Ein Mitelklassewagen ist schnell voll, und die meisten Gruppen reisen mit Anhängern oder Transportern an. All das Zeug will nach dem Con natürlich gepflegt, repariert und ergänzt werden – oft unter schwierigen Bedingungen. Wie trocknet man ein 8-Mann-Zelt in einer 2-Zimmer-Wohnung? Die Masse an Aufgaben überwältigt viele Spieler, und bleibt tagelang unerledigt – nur um wie das stoffgewordene schlechte Gewissen auf ihnen zu lasten. Besonders hart trifft das natürlich die Orgas – aber über Wahnsinnige wollen wir hier nicht reden.

Junge in Nöten

Hilfe am Tag danach

Was kann man als Betroffener also tun? Wie helfe ich meinem Freund/Bruder/Kumpel, wenn ich sehe, dass er an der Post-Larp-Depression leidet? Abgesehen von Händchenhalten und der praktischen Hilfe bei der Zeltpflege, Rüstungsreparatur und Gewandungsflicken gibt es noch ein paar Tipps:

  • Plane das nächste Larp. Für besonders schwere Fälle: betätige dich als Orga.
  • Nimm dir eine Viertelstunde, um dich an die schönen Seiten des Wochenendes zurück zu erinnern.
  • Hilf anderen. Es gibt nichts besseres, um sich gut zu fühlen.
  • Such dir Leidensgenossen. Triff dich mit deiner Gruppe für einen Stammtisch samt Manöverkritik. Das hilft auch beim nächsten Punkt:
  • Werde ein besserer Larper. Noch sind die Erinnerungen an das Con frisch. Verbessere dein Kostüm, update deine Charaktergeschichte, arbeite an deiner Ausrüstung – denn nach dem Larp ist vor dem Larp, und wer hat je vom Prä-Larp-Blues gehört?

Sollte all das nicht helfen, ist die Post-Con-Depression glücklicherweise vorübergehend. In ein paar Tagen ist sie ausgestanden. Man muss sich auch keine Sorgen um Leib und Leben der Erkrankten machen. Wer je versucht hat, mit einem Latexschwert Harakiri zu begehen, weiß, dass man mit ordentlich verbautem Durchstichschutz nicht mal einen blauen Fleck davon trägt – und dass das Verbluten üblicherweise 500 Sekunden lang dauert. Zeit genug, um sich zu besinnen und Hilfe zu holen. Larper sind also fast unkaputtbar, auch durch den Blues.

Michael Erle

Ausrüstungspflege

 

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Über Michael Erle

Autor von Fiction (Fantasy, SciFi, Thriller) und Non-Fiction-Texten. In viele von meinen Werken spielt Musik eine wichtige Rolle, was sicher auch daran liegt, dass ich mich auch zum Musiker berufen fühle. Im bürgerlichen Leben verdiene ich mein Geld mit Pressearbeit für IT- und Hightechfirmen. Nein, ich kann eure Computer trotzdem nicht reparieren.
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Eine Antwort auf Post-Larp-Blues

  1. JörgZ sagt:

    Oh mann, ich muss dir so recht geben.
    mein letztes Larp ist zwar 6 Jahre her, aber ich kann mich immer noch gut an die Niedergeschlagenheit nach dem Con erinnern.
    Besonders sschlimm war die Depression nach einem selbst organisierten Con. Monatelang geplant, wochenlang gebaut, sich die ganze Zeit darauf gefreut. dann während dem Con festgestellt wie geil alles ist, und wie gut es läuft. aber am Sonntag nachmittag, wenn die meisten Spieler sich verabschiedet haben, und man dann alleine am Zeltplatz steht, wars mir immer zu heulen zumute.
    gruss
    Jörg