Virtuos gezeichnet: „Verloren im Intermundium“

Susanne & Sean O’Connell - „Verloren im Intermundium“Diese sehr lesenswerte Sammlung von Kurzgeschichten ergibt ein insgesamt doch eher verstörendes und düsteres Bild – das Intermundium entpuppt sich als der Raum zwischen Dystopien, Welten also, in denen sich gerade Katastrophales ereignet oder schon ereignet hat. So sehr einen diese Welten auch gefangennehmen mögen, so wenig tun sie dies über Sympathie. Ob sich Vishnu nun wieder inkarniert oder die schrecklichen Folgen einer auf den ersten Blick harmlos wirkenden Zeitschriftenbeilage dargestellt werden, überall im Intermundium lauert die Katastrophe, ob als globale Vernichtung oder als persönliches Drama, ob nun auf dieser Erde oder weitab im All. Als das Schrecklichste aber erscheint die Vorstellung, zwischen all diesen finsteren Abrissen eines Lebens, wie es sein könnte, verloren zu sein und die einzige Möglichkeit, einem Alptraum zu entrinnen, liege darin, in einen anderen Alptraum zu wechseln, ohne zu wissen, was einen dort erwartet, nur in der Gewißheit, es dort wohl kaum besser anzutreffen.

Das Intermundium verbindet verschiedenste Welten zu verschiedensten Zeiten miteinander, die alle von Menschen erlebbar sind. Vom Deutschland der ungefähren Gegenwart wie in „See-Affen“ bis hin zum einem 26. Jahrhundert, in dem Aliens einen an Altersschwäche Sterbenden retten und ihm ein virtuelles Fortleben in einer simulierten Umwelt ermöglichen. Mit der versöhnlichen Note, auf der „Für die ganze Ewigkeit“ endet, nimmt diese Geschichte fast schon eine Sonderstellung in der Sammlung ein. Man fühlt sich im Intermundium ansonsten unmittelbar erinnert an dieses Geschichtsfragment, in dem eine Person sagt, „Es hätte auch schlimmer kommen können“ und das mit dem lapidaren Satz endet: „Und es kam schlimmer.“

So weit voneinander entfernt, räumlich, zeitlich oder auch begrifflich, die Geschichten in dieser Anthologie auf den ersten Blick auch sein mögen, es verbindet sie doch ein durchgehendes Leitmotiv, denn die Personen, denen die geschilderten Erfahrungen zuteil werden, sind allesamt nachvollziehbar menschlich – und damit findet sich unter den virtuos geschriebenen Stories etwas Durchgängiges, etwas, das Philosophen schon des öfteren umrissen haben: das Intermundium ist etwas, das in uns allen ist, in unserer Geisteswelt. Man könnte hier in die starke Versuchung geraten, das Intermundium als eine Analogie zum Multiversum aufzufassen, in dem alle möglichen Entwicklungsstränge miteinander verwoben sind, doch ein solcher Erklärungsversuch würde unweigerlich zu kurz greifen. Hier wird der Leser nicht nur mit unwahrscheinlich erscheinenden Denkmodellen und Welten konfrontiert, die von vertraut bis zu unsagbar fremdartig reichen, sondern nahezu unausweichlich wird neben dem Kernthema der SF, „Was wäre, wenn …“, auch noch das Korollar dazu, „Wie würdest du dich denn verhalten, wenn …“ aufgeworfen – und absichtlich unbeantwortet stehengelassen. Da findet auch in „Geschichten für den Quabbakottr“ das Thema von „1001 Nacht“ eine Reprise, in der das scheinbar so Erschreckende, gegen das Scharsad um das Leben ihres Bruders anerzählt, eine überraschende Wendung nimmt, in der sich das Schreckliche als harmlos herausstellt, nur um im letzten Satz nochmals finsterste Abgründe aufzureißen und den scheinbar so heldenhaften Kampf als bedeutungsloses Geplänkel auf einem Nebenkriegsschauplatz herabzustufen.

Fazit: Nichts für den Hard SF-Connoisseur, dafür sind eindeutig zuwenig Roboter und Zeitmaschinen im Spiel. Aber eine veritable Palette alternativer Welten wird geboten, und es fällt leicht, sich zu verlieren in diesem Intermundium … empfehlenswert. Zumindest ich habe es sehr genossen.

Jürgen Voß

Sean & Susanne O’Connell
VERLOREN IM INTERMUNDIUM

Anthologie
eBook, Originalausgabe
Chichili-satzweiss.com, 2011
ISBN: 3-8450-0246-8

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