Zwölf Recken und eine Leiche – der SFCDT ist gegessen

Der Tod des SFC Die Terraner – 12 Abstinenzler beenden 18,5 Jahre Fandomgeschichte und verfressen 800 Mark

Terraner Intim 153Am 9. Dezember 1980 sitzen drei einsame Jungs in der (heute längst vergangenen) Kölner Altstadt-Kneipe “Clamotte” und gründen einen Club: Achim Mehnert, ein schmales, kleines Kerlchen mit stellenweise langen oder auch bunten Haaren, Thomas Kass, bebrillter Wermelskirchener (heute Erlangen), sowie der künftige Straßenbahnfahrer Michael Hofmann. „Science Fiction Club Die Terraner, Köln“ wird das Kind getauft. Es beginnt eine lange, wechselvolle Karriere, die in den 80er Jahren immer wieder für Stimmung gut ist.

Der SFCDT (…) war nie ein Hort der phantastischen Literatur. Neben dem Clubzine TERRANER INTIM, das es auf 180 Ausgaben brachte, publizierten die Terraner lediglich eine nennenswerte Fanzinereihe: LONELY WORLDS, später umbenannt in AGENT PROVOCATEUR, von dem keine 20 Ausgaben erschienen – so genau läßt sich das nicht eruieren; zeitweise lief die Reihe zweigleisig und die Numerierung eilte weit voraus, ohne daß ihr Produkte folgten. Nein, SFCDT stand für Party und Chaos. Manch langweiliger Con wurde erst dann interessant, wenn vom Eingang her ertönte „Die Kölner kommen!“, und selbst eher intellektuell orientierte Fans ließen sich gern in Köln blicken, wo es ihnen niemand übelnahm, wenn sie sich mal danebenbenahmen.
Drei Ziele hatten die Gründer (…) festgelegt: ein anspruchsvolles Fanzine herausgeben, einen guten Con veranstalten, und einmal mit einem eigenen Wagen im Kölner Rosenmontagszug mitfahren – letzteres konnte nie verwirklicht werden, wenn sich auch im Golfkriegsjahr 1991, als die Offiziellen des kölschen Fasteleer den Zoch kurzerhand absagten, eine Gruppe Clubmitglieder fand, die eigenmächtig einen Teil des Zugweges entlangstapfte, worin sie es etwa 100.000 weiteren KölnerInnen gleichtaten…

Terraner Intim 156Der Con jedoch wurde 1982 Wirklichkeit: (…) Bis 1996 wurde der ColoniaCon insgesamt 13mal ausgerichtet, davon elfmal im Kölner Jugendpark am Rhein. (…) Dabei spannten die wechselnden Organisatoren den Bogen vom gemütlichen Zusammensein über Klamauk bis hin zu den inhaltlich seriösen Programmentwürfen der späteren Jahre, in denen sich die triviale Invasion in der Con-Szene zwar schon ankündigte, Gäste jedoch noch selbst eingeladen wurden anstatt von Verlagshäusern herangekarrt zu werden. (…)
Fast 200 Science-Fiction-Fans, Geschwister, FreundInnen und Ehepartner sind in achtzehneinhalb Jahren dem SFCDT beigetreten, manchmal bevölkerten über 50 Personen die Mitgliederliste, 26 waren es zuletzt. (…) Seit Mitte der 90er Jahre jedoch ist die Luft raus: selten einmal gab es noch Diskussionen im schmal gewordenen Clubzine; seit Ende 1994 bestand der publizistische Ausstoß hauptsächlich aus dünnen Heftchen mit Umschlag, Liste und Kassenbericht. Als der Club vollends ins Koma fiel, verwaltete Kurt S. Denkena, der seit einigen Jahren in vielen Clubs väterliche Aufgaben übernimmt, die Kasse solange, bis klar wurde, daß mit einer Wiederbelebung nicht zu rechnen sein würde. Er kündigte Ende 1998 ultimativ die Auflösung an – was der Autor dieser Zeilen einige Male zuvor versucht hatte, jedoch nur die Karteileichen aufweckte – und als die Gegenstimmen ausblieben, war der Weg für den Leichenschmaus bereitet.

Über 800 Mark befanden sich noch in der Kasse, als Kurt Denkena den Auftrag zur Ausrichtung der Clubauflösung an Peter Herfurth-Jesse aus Dortmund vergab. Wie praktisch, daß zur angepeilten Zeit die 11. SF-Tage NRW stattfinden sollten – das vereinfachte die Suche nach einem Partyraum drastisch. Jemand dachte noch daran, Herrn Herfurth-Jesse auszurichten, daß ruhig auch ein wenig Fleisch zum Buffet gehören durfte, dann waren alle Vorkehrungen getroffen.

Terraner Intim 164Samstag, 22. Mai 1999, gegen 19 Uhr: zwölf männliche Mitglieder des SFCDT finden sich nach und nach ein, um in lederbezogenen Chefsesseln Platz an der Tafel zu nehmen. Optischer Vorstandsvorsitzender: Bernhard „Ich bin 2 Öltanks“ Kübler. Verblüfft nehmen die Anwesenden das Fehlen jeglicher Getränke zur Kenntnis. Darauf Herfurth-Jesse: „Ich sollte ein Buffet bestellen. Von Getränken war nicht die Rede.“ Irgendwo in den 800 Mark wäre aber doch noch ein wenig Platz für Bier gewesen, vor allem, wenn man bedenkt, daß die üppigen Reste des Mahls, das locker für 30 Leute gereicht hätte, auch noch die Teilnehmer der folgenden OBSERVER-Party verköstigen. Beim Versuch, die diversen Braten aufzuschneiden, fällt auf, daß weder Tranchier- noch Tafelmesser zur Verfügung stehen. Dazu Herfurth-Jesse: „Nach Messern hat niemand gefragt.“ Bis auf ihn selber: der Lieferschein des vegetarischen Party-Service verzeichnet ganz korrekt 20 Messer mit einer Leihgebühr von vier Mark – sie wurden lediglich nicht geliefert …

Gegen 21 Uhr ist es geschafft: der SFCDT ist gefressen. (…)

Manfred Müller

(Auszug aus: FANDOM OBSERVER 120, Juni 1999)

 

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Über muellermanfred

Manfred schreibt seit 1989 für den Fandom Observer und hat das Heft von 1992 an ein paar Jahre lang als alleiniger Chefredakteur betreut. Kümmert sich heute vor allem um den FO im Internet. Beruf: Grafiker. Fährt gern Rad.
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