Auf hohem Niveau:
Maruseks „Wir waren außer uns vor Glück“

David Marusek - „Wir waren außer uns vor Glück“Die zentrale Geschichte beginnt mit einer überaus freudigen Mitteilung für die Eheleute Samson Harger und Eleanor Starke. Sie wurden auserwählt, eines der ganz wenigen Kinder großzuziehen und somit Eltern zu werden. Nicht, dass sie dies Erlebnis nicht schon kennengelernt haben. Schließlich haben beide die heutige Lebenserwartung eines Menschen bei weitem übertroffen und erfreuen sich immer noch bester Gesundheit.

In Marusek Zukunft ist es den Menschen gelungen, mit Hilfe von Nanotechnologie eine gewisse Langlebigkeit zu erlangen. Die Menschen altern nicht mehr und es sterben dank des technischen Fortschrittes auch nur sehr wenige an Unfällen. Die Bevölkerungszahl kann man als statisch betrachten und diese Zukunft als lebenswerte Idylle.
Aber so perfekt ist diese Zukunft nicht, denn die Menschen müssen sich mit Hinterlassenschaften aus ihrer kriegerischen Vergangenheit auseinandersetzen. Auf nanotechnischer Ebene existiert ein Krieg, der auch in dieser so perfekten Welt seine Opfer findet. Für das menschliche Auge nicht sichtbar existieren außerhalb der menschlichen Enklaven Reste von Bio- und Nanowaffen, die Menschen innerhalb kürzester Zeit vernichten können. Die Menschen haben sich entsprechend geschützt und aufgerüstet. Für sie sind allgegenwärtige Körperkontrollen und ein Leben unter abgeschirmten Häusern und Städten zur Selbstverständlichkeit geworden.

In „Wir waren außer uns vor Glück“ beschreibt Marusek, wie Samson Harger aufgrund eines technischen Defektes eines der Überwachungsgeräte all seine technologischen Privilegien verliert. Über Nacht erlebt er einen gesellschaftlichen Abstieg, den er sich nie hätte vorstellen können. Es dauert seine Zeit, bis er erkennt, dass er mittlerweile auf einer anderen Gesellschaftsstufe angekommen ist. Am Ende der Geschichte zieht er seine Konsequenzen und nimmt sein neues Leben an.

Ebenso beeindruckend ist die zweite längere Geschichte, „Das Hochzeitalbum“. Diese ist zeitlich vor „Wie wären außer uns vor Glück“ angesiedelt. Im Mittelpunkt steht die technologische Möglichkeit, jederzeit von sich selbst eine „Photoexistenz“ zu erstellen. Dieses Abbild ist sich selbst bewusst, obwohl es sich nur um eine Datenexistenz handelt. Solche Existenzen werden einfach abgespeichert und können immer wieder aufgerufen werden. Die Menschen haben so die Möglichkeit, die schönsten Momente ihres Lebens auf ewig festzuhalten.
Dies ist durchaus wörtlich zu nehmen, denn diese Augenblicksabzüge verändern sich ja nicht. Sie können nicht altern und sie verharren zumeist auf ihrem zeitlich genau festgelegten Wissensniveau. Was sich als überaus faszinierende Neuerung darstellt, hat natürlich hat natürlich auch seine Schattenseiten. Was geschieht mit all diesen sich selbst bewussten Kopien eines Menschen, wenn dieser z.B. verstorben ist? Inwieweit handelt es sich bei diesen Abzügen um echtes Leben, wie wir es definieren würden? Darf man seine Abzüge im nach hinein verändern?

All diese Fragen und noch weitaus mehr werden von Marusek zumindest angerissen. Neben diesen beiden Novellen sind drei weitere, kürzere Geschichten in diesem Band enthalten, die Maruseks Future History abrunden bzw. ergänzen.

Während die großen Taschenbuchverlage sich fast komplett aus der Veröffentlichung von SF-Kurzgeschichten, die in den letzten Jahren im englisch sprachigem Raume erschienen sind, herausgezogen haben, nutzen immer wieder kleinere Verlage dies aus. Sie produzieren auf hohem Niveau qualitativ hochwertige Phantastikliteratur.
Der GOLKONDA-Verlag von Hannes Riffel ist aktuell die erste Adresse für Liebhaber der SF-Kurzgeschichte. Hier stehen noch einige der interessantesten Autoren der letzten Jahre zur Veröffentlichung an und sollte der Verlag den gewünschten Erfolg haben, so dürften weitere Veröffentlichungen folgen.
Ein Blick auf die Verlagshomepage lohnt sich in jedem Falle. Es gibt hier einige wirklich sehr interessante Autoren/innen zu entdecken.

Andreas Nordiek

David Marusek
„Wir waren außer uns vor Glück“
Golkonda Verlag
USA: 2008
Übersetzung: Jakob Schmidt und Jasper Nicolaisen
BRD, Sommer 2011
Klappbroschur, 223 Seiten

 

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