Den Geschichten vertrauen –
Interview mit Gesa Schwartz

Gesa Schwartz - „Grim – Das Siegel des Feuers“5000 Stimmen waren gezählt worden, bevor er im Oktober im Rahmen des Buchmessecons überreicht wurde: der Deutsche Phantastik-Preis 2011, vergeben in zehn Kategorien. Die Wertung in der Abteilung „Bestes deutschsprachiges Romandebüt“ entschied „Grim – Das Siegel des Feuers“ für sich, der Erstling der Autorin Gesa Schwartz. Der Fandom Observer hat sie dazu befragt:

FO: Gesa, herzlichen Glückwunsch zum Gewinn des Deutschen Phantastik-Preises! Der mit dem DPP ausgezeichnete Romanerstling „Grim“ stammt ja nicht von einer Anfängerin; Deine Studien versetzen Dich in die Lage, phantastische Literatur differenziert zu betrachten. Welchen Wert hat ein Preis wie der DPP, wenn man ihn mit diesem Wissenshintergrund entgegennimmt?

Gesa Schwartz: Mir bedeutet der DPP sehr viel, gerade weil er eben nicht von einer Jury vergeben wird, sondern von denjenigen, die ich mit meinen Geschichten erreichen möchte: den Lesern. Sogenannten Literaturkritikern stehe ich auch und gerade aufgrund meines akademischen Hintergrundes mit einer gesunden Skepsis gegenüber, denn ab einem gewissen Grad sind literarische Kriterien immer subjektiv und damit ganz einfach Geschmackssache. Daher empfinde ich auch den immer wieder herbeizitierten Unterschied zwischen U- und E-Literatur als prätentiös. Sich aufzuschwingen und Geschichten auf der Grundlage der genannten Subjektivität abzustrafen oder zu bejubeln, als wäre die eigene Meinung allgemeingültiges Gesetz, halte ich nicht nur für unwissenschaftlich, sondern ganz besonders in der heutigen Zeit auch für ignorant und unangemessen, ebenso wie die Annahme, dass nur derjenige gute Literatur als solche erkennen kann, der in diesem Bereich ausgebildet wurde. Denn Kunst – und Literatur ist ja nichts anderes – passiert nicht auf der akademischen Bühne und auch nicht in wissenschaftlichen Diskursen oder in den Gehirnwindungen selbsternannter Kritiker. Kunst passiert in den Menschen, und zwar unabhängig davon, ob sie sich erklären können, warum ein Kunstobjekt gerade etwas mit ihnen tut und wie selbiges funktioniert. Natürlich schreibe ich meine Texte nicht losgelöst von meinem literaturwissenschaftlichen und philosophischen Hintergrund, das möchte ich auch nicht bestreiten; meine Geschichten funktionieren auf mehreren Ebenen und es freut mich sehr, wenn Leser bestimmte Bezüge herausfinden, wenn sie Hinweise auf andere Werke, Epochen oder Strömungen deuten oder alle Schichten meiner Texte durchdringen. Aber wichtig ist für mich vor allem, dass meine Geschichten ihre Wirkung entfalten, und nicht, dass ein Leser diese Wirkung analysiert. Wenn er in die Welt des Textes eintaucht, dort ohne dass er es merkt von ihr verwandelt wird und anschließend verändert und in gewisser Weise verzaubert in die äußere Welt zurückkehrt, dann hat die Geschichte genau das erreicht, was ich mit ihr anstrebe.

Preisverleihung DPP 2011

Deutscher Phantastik-Preis 2011: Gesa Schwartz standesgemäß im schwarzen Kleid; ganz links hinten: Klaus N. Frick (etwas verdeckt), rechts hinter Gesa Roman-Sieger Markus Heitz und Eva Bergschneider von phantastik-couch.de, ganz rechts Thomas Thiemeyer („Bester Grafiker“) neben dem stets vergnügten Robert Vogel (Foto: Erik Schreiber)

Bevor „Grim“ einen Verlag fand, hast Du dem Vernehmen nach jede Menge Klinken geputzt. Erst Deine Agentur konnte Dir – wenngleich sehr kreativ, indem sie „Grim“ versteigerte – weiterhelfen. Hast Du sehr an Dir gezweifelt? Oder fehlt den Verlagen einfach nur ausreichend geschultes Personal, um marktfähige Qualität zu erkennen?

Ich war schon immer mein schärfster Kritiker und auch, wenn das mitunter sehr aufreibend sein kann, möchte ich doch, dass das so bleibt. Daher gehören Selbstzweifel für mich zum Schreiben dazu, und natürlich habe ich besonders nach einer Absage umso stärker an mir gezweifelt. Das war alles andere als leicht, aber es hat mir auch geholfen, mich zu verbessern und die Geschichten so zu erzählen, wie sie es verdienen. Die Verbindung der Begriffe „marktfähig“ und „Qualität“ halte ich allerdings für riskant. Ich habe zu oft festgestellt, dass für eine Veröffentlichung nicht immer ein guter Text vorhanden sein muss, ebenso, wie ein guter Text aus welchen Gründen auch immer mitunter einfach keinen Verlag findet. Bis heute ist es mir nicht gelungen, ein wirkliches System in Zu- oder Absagen zu erkennen, und ganz sicher spielt hierbei wie überall sonst auch ein wenig Glück mit. Ich denke aber, dass man sich als Schriftsteller nicht an solchen Mechanismen abarbeiten, sondern diese Energie lieber in die eigenen Texte stecken sollte. Denn spätestens, wenn man dann tatsächlich veröffentlicht wird, ist es notwendig, sich auf das wirklich Wichtige zu konzentrieren, und da gibt es nur eines: der Geschichte zu vertrauen und sie so zu erzählen, wie sie es erfordert.

Verläßt man sich nur auf das Internet, dann wimmelt es auf dem Markt von arrivierten Autoren. Schaut man hinter die Kulisse der bunten Blogs und Webseiten, entpuppen sich die meisten als hoffnungsvolle Newcomer, die gerade mal ein eBook oder einen BoD-Titel vorzuweisen haben – wenn überhaupt. In Foren, Zirkeln und Leserunden lobt man sich gegenseitig; Kritisches liest man selten. Was für ein Gefühl hast Du, wenn Du diese Scheinwelt betrachtest?

Ich bewege mich selten in Foren dieser Art, daher kann ich dazu wenig sagen. Dass Lob allein in den seltensten Fällen zur Veröffentlichung führt, ist den meisten Autoren sicher bewusst. Allerdings kann ich es angesichts der Härte des Verlagsgeschäfts nachvollziehen, wenn sich junge Schriftsteller untereinander Mut zusprechen, und ich sehe nichts Verwerfliches darin. Wenn man dann anschließend einen kritischen Blick hinsichtlich der eigenen Texte entwickelt und den Willen hat, ständig an sich selbst zu arbeiten und sich zu verbessern, hat man m.E. den ersten Schritt in Richtung Veröffentlichung getan. Ob man dies kann und möchte, muss aber jedem selbst überlassen bleiben.

Phantastikboom, Internet und neue Publikationskanäle (Stichwort eBook) spülen jede Menge Nachwuchs an den Strand. Statistisch betrachtet sind darunter jede Menge zweitklassige Talente. Wie beurteilst Du den qualitativen Stand der deutschen Phantastik?

Gesa Schwartz - „Grim – Das Erbe des Lichts“

Der Nachfolgeband des preisgekrönten Erstlings, „Grim – Der Erbe des Lichts“, erschien im April bei Egmont Lyx

Ich werde den Teufel tun und über andere Texte oder gar Talente urteilen. Das können diejenigen erledigen, die sich dazu berufen fühlen. Ich bin nicht das Maß aller Dinge, sondern lediglich ein Mensch mit einer Meinung, und obwohl es sicher einige Texte gibt, die mir nicht zusagen, bin ich heilfroh, dass die deutsche Phantastik in den vergangenen Jahren so vielgestaltig geworden ist und dass inzwischen auch Geschichten jenseits des Mainstreams von größeren Verlagen wahrgenommen und veröffentlicht werden. Das zeigt mir, dass der Hunger der Leser nach phantastischen Geschichten beständig wächst, ein Umstand, den ich in keinster Weise verwunderlich finde, wenn ich mir unsere Welt so anschaue. Mir gefällt der Gedanke, dass es viele Menschen gibt, die gegen das anschreiben, was Michael Ende als Zivilisationswüste bezeichnet hat. Dass es unter diesen Veröffentlichungen auch Texte gibt, dir mir selbst nicht gefallen, tut dabei in meinen Augen überhaupt nichts zur Sache. Denn auch Qualität ist subjektiv.

Du sagst gern, daß das Geschichtenerzählen Deine Passion sei – da ist das Medium Internet scheinbar das Beste, was den Erzählern passieren konnte. Letztens hast Du selbst bei lovelybooks.de eine Lesung per Livestream ins Netz gesendet. Aber tut das den Geschichten wirklich gut? Muß die Geschichtenerzählerin nicht raus aus dem Netz und ran ans Lagerfeuer?

Die Geschichtenerzählerin muss auf jeden Fall viel öfter raus aus dem Netz, vor allem dann, wenn Abgabetermine drohen und überall virtuelle Zeitfresser lauern. ;) Und ich hätte nichts dagegen, einmal eine Lagerfeuerlesung abzuhalten, im Gegenteil. Aber in gewisser Weise geht ja beispielsweise eine Livestream-Lesung in eine ganz ähnliche Richtung, wenngleich dabei natürlich die abenteuerliche und romantische Atmosphäre ein wenig fehlt. Doch auch dort können die Zuhörer den Geschichtenerzähler live erleben, sie können direkt mit ihm in Kontakt treten und so für eine Weile ein Teil des Erzählens werden. Dennoch ist es für den Erzähler selbst natürlich schöner, nicht in eine Kamera zu schauen, während er sich mit seinen Zuhörern unterhält, sondern in gespannte Gesichter. Und wenn diese Gesichter dann noch von einem Lagerfeuer erhellt werden, ist es umso schöner. Ich persönlich mag es lieber, in die Welt zu gehen und sie hautnah zu erleben, als sie mir ins Wohnzimmer bzw. in meinen Zirkuswagen zu holen, ebenso wie ich Bücher aus Papier noch immer den ebooks vorziehe. Insofern bietet das Internet zwar viele Möglichkeiten der direkten Interaktion von Autor und Leser, aber als sinnliche Wesen sollten wir nicht die Wirkung einer besonderen Umgebung während einer Lesung und die Möglichkeit der Kommunikation jenseits der Virtualität unterschätzen.

Das Interview führte Manfred Müller per E-Mail.

Gesa SchwartzGESA SCHWARTZ wurde 1980 in Stade geboren.
Sie hat Deutsche Philologie, Philosophie und Deutsch als Fremdsprache
studiert. Ihr besonderes Interesse galt seit jeher dem Genre der Phantastik. Nach ihrem Abschluss begab sie sich auf eine einjährige Reise durch Europa auf den Spuren der alten Geschichtenerzähler.
Zurzeit lebt sie in der Nähe von Hamburg in einem Zirkuswagen.

Homepage: gesa-schwartz.de

 

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Über muellermanfred

Manfred schreibt seit 1989 für den Fandom Observer und hat das Heft von 1992 an ein paar Jahre lang als alleiniger Chefredakteur betreut. Kümmert sich heute vor allem um den FO im Internet. Beruf: Grafiker. Fährt gern Rad.
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