Durchschnitt: Harald Giersches „Prototypen …“

Harald Giersche (Hrsg.) - „Prototypen und andere Unwägbarkeiten“Harald Giersche ist mit seinem Verlag schon seit einigen Jahren im Bereich der phantastischen Kurzgeschichte tätig. Die vorliegende Sammlung ist die umfangreichste Veröffentlichung aus der Kurzgeschichtenbandreihe „fantastic episodes“ und trägt die Nr. 5. Unter den 14 Autoren finden sich viele bekannte Namen wieder, was eine entsprechende Erwartungshaltung beim Leser auslösen dürfte.

In „Das erste Orakel“ von Christian Endres wird die Suche eines einzelnen Mannes nach dem mystischen Ersten Orakel geschildert. Dieser ist förmlich besessen davon und durchstreift bis zur völligen Selbstaufgabe die Weiten der Galaxis. Als er selbst nicht mehr daran glaubt und kurz vor dem Ende seiner Suche steht, findet er doch noch das Erste Orakel. So war seine Suche zwar erfolgreich, allerdings wird er dadurch keinen Nutzen mehr für sich haben.

Letztlich war seine Suche ein Akt der Selbstzerstörung. Der Schlussabsatz lässt dies mehr als deutlich werden und dürfte in dieser Konsequenz ein wenig überraschend daherkommen. Insgesamt eine unterhaltsame Geschichte.

Die zweite Geschichte spielt vor dem Hintergrund der Tschernobylkatastrophe, die aus unserem Bewusstsein schon längst verdrängt wurde. Für die Arbeiter und Wissenschaftler, die damals mit untauglichen Mitteln die Katastrophe versucht haben einzudämmen, ist diese ein Teil ihres Lebens geworden. Dirk Ganser beschreibt in „Das Leuchten in der Ferne“, wie sich möglicherweise die Lebenssituation der Menschen rund um diesen lecken Atommeiler Jahrzehnte nach der Katastrophe darstellt. Die Nachfahren der Arbeiter und Wissenschaftler messen weiterhin die Strahlung rund um den Meiler, ohne dabei überhaupt noch zu ahnen, was sich hinter dem fernen Leuchten verbirgt. Völlig ritualisiert gehen sie ihrer Aufgabe nach. Das Handlungsszenario ist keineswegs neu und bildet den Handlungsrahmen diverser Kurzgeschichten und Romane. Insofern bietet die Handlung auch wenig Überraschendes und ist leicht vorhersehbar.

Wenn es um die Weiterentwicklung von Kriegsgeräten geht, war der Mensch schon immer sehr erfindungsreich. In „Der Entwicklungsplanet“ stehen den neuesten Kampfrobotern ihre Vorgängermodelle als Übungspartner zur Verfügung. Diese ausrangierten Modellreihen werden ein wenig aufgerüstet und können immerhin auf die im Kampf gesammelten Erfahrungen zurückgreifen. Letztlich sind sie aber nichts anderes als Kanonenfutter, die über ein eigenes Bewusstsein verfügen aber bei weitem nicht eigenständig agieren können. Dem System zu entkommen ist unmöglich und so bleibt Ihnen nur die Einsicht nie eine Chance zu haben, aus diesem System auszubrechen. Die von Sven Klöpping verfasste Geschichte ist aufgrund ihrer Erzählperspektive, nämlich aus der Sicht eines alten Robotermodells, und der flotten Erzählweise am kurzweiligsten zu lesen.

Miriam Pharo

Miriam Pharo

Das Szenario aus „Der Junge“ könnte durchaus auch den Hintergrund für einen Blockbuster bilden. Miriam Pharo schildert eine Welt, in der die Apokalypse stattgefunden hat. Nur sehr wenige Menschen haben die Katastrophe überlebt und diese sehen sich einer Gefahr ausgeliefert, der sie völlig unvorbereitet entgegen treten. Dass die Vernichtung der letzten Überlebenden durch menschliche Abbilder durchgeführt wird, macht deutlich, wie perfide nicht nur wir agieren würden. Diese Geschichte bleibt einem aufgrund ihrer konsequenten Umsetzung bei der Ausrottung der Menschheit im Gedächtnis haften.

„Der Tag der Zikade“ spielt in den Weiten unseres Sonnensystems. Die Menschheit hat den Exodus vollzogen und ist vollständig zu den Sternen aufgebrochen. Nur noch einige wenige sind zurückgeblieben. Nun, da der Exodus abgeschlossen ist und sie ihre Überwachungsaufgaben als abgeschlossen betrachten können, machen sie sich selbst in die Weiten des Kosmos auf. Eigentlich ein Szenario wie für eine positive Utopie geschaffen. Aber die menschlichen Eigenschaften wie Liebe, Starrsinn usw. können selbst den einfachsten Plan zunichte machen. Dies muß auch Joe Finrich erfahren, der aufgrund menschlicher Schwächen von seinen Kollegen und Kolleginnen letztlich im Stich gelassen wird. Da er über einen sehr verständnisvollen Charakter verfügt und sich leicht zu etwas bewegen/überreden lässt, findet er sich am Ende ganz alleine in einer schrottreifen Raum­station wieder. Lucas Edels Handlungsträger ist ein besonderer Typ Mensch. Jemand, der pflichtbewusst bis zum Schluss auf seinem einsamen Posten ausharrt und dem es durchaus recht ist, dass er in seiner Einsamkeit weiterhin verbleiben kann. Jemand, der keinen Menschen um sich haben muss, um ein „glückliches“ Leben zu führen. Eine der besten Geschichten dieser Zusammenstellung.

Frank Lauenroth beschäftigt sich in seiner Geschichte mit den Möglichkeiten, die eine technische Revolution mit sich bringen könnte. Ein Profikiller kommt in den Besitz eines Gewehres, dessen Kugeln durch die Zeit reisen und erst einige Zeit nach ihrem Abschuss das anvisierte Ziel erreichen. Risikoloser kann man die Ausführung seines Jobs gar nicht mehr gestalten. Man schießt aus sicherer Entfernung auf sein Ziel, kann in Ruhe zusammenpacken und verschwinden und erst Minuten später trifft die Kugel und tötet. Einziges Manko: man muss genau vorhersehen können, zu welchem Zeitpunkt des Opfer sich wo aufhält und welche Körperhaltung es gerade einnimmt. Aber ein gewiefter Profikiller mit langjähriger Erfahrung findet solche Möglichkeiten. Die Geschichte besticht vor allem durch die Darstellung der Möglichkeiten, die solch eine Erfindung auch im Hinblick auf den Selbstschutz eines Attentäters bietet.

Wenn man die Geschichte von Thorsten Küper gelesen hat, dann kann man über den Titel „Handlungsreisende“ nur schmunzeln, denn sie besticht einmal mehr durch ihre satirische Ausarbeitung. In Küpers Zukunft wurden die Ressourcen der Erde ausgebeutet und der Planet ist für Menschen nur schwerlich bewohnbar. Ein komfortables Leben außerhalb der Erde können sich aber nur die Wenigsten leisten. Zu ihnen zählt natürlich die obere Führungsschicht jener global agierenden Industriekonglomerate, die für den Niedergang unseres Heimatplaneten verantwortlich sind. Anstatt eines sorgenfreien Lebens in einem Marshabitat, hat Küper für sie ein anstrengendes und sehr kurzes Leben in den Raumschiffwerften und Minen am Rande unseres Sonnensystems vorgesehen. Man kann dies durchaus als ausgleichende Gerechtigkeit ansehen. Den Hinweis auf eine sich erholende Erde, nun da immer mehr der Verantwortlichen das Weite suchen und ganze Industriebereiche abgeschaltet werden, hätte sich Küper hingegen sparen können. Die Geschichte hätte auch ohne diese Passagen funktioniert, zumal eine so rasche Regenera­tion der Erde eher unglaubwürdig ist.

In „Isolierbox“ von Heidrun Jänchen geht es um zwei künstlich erzeugte Wesen, die nach dem gewaltsamen Tod eines der ihren feststellen müssen, dass ihre Schöpfer sie lieber opfern als irgendein Risiko einzugehen. Sie werden nie in Freiheit leben, da sie aufgrund ihrer Andersartigkeit Angst bei den Menschen erzeugen. So beschließen sie ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Eine kurze Geschichte, deren Aussage so oder in ähnlicher Form schon oft häufiger ausgearbeitet wurde.

Eine Zeitreisegeschichte präsentiert uns Heinz Löbel in „Zeiten“. Ein gerade entlassener Forscher nutzt seine Erfindung, um sich in die Zukunft zu verabschieden. Natürlich stellt er dann fest, dass diese sich durch sein Tun zumindest in einem unerwarteten Detail verändert hat. Auch diese Geschichte bietet keinen neuen Ansatz und bleibt einem nur kurz im Gedächtnis haften.

Eine der stärksten Geschichten stammt von Frederic Brake. In „pax vobiscum“ beschreibt er eine Welt, die durch einen jahrzehntelangen Krieg gebeutelt ist. Während die jungen Soldaten noch daran glauben, dass der Sieg in greifbarer Nähe ist und der Heldentod überaus ehrbar ist, sind die Veteranen des Krieges längst völlig desillusioniert. Verstärkt wird letzteres durch die technische Weiterentwicklung, die Soldaten nach und nach zu Cyborgs umwandelt. Während zerstörte Gliedmaßen einfach durch mechanische ersetzt werden, stumpft der Geist immer mehr ab. Das Szenario erinnert einem sehr stark an die Stellungskriege im Ersten Weltkrieg. Der Autor hat diese einfach in die Zukunft versetzt und noch ein wenig weiter pervertiert. In Verbindung mit eindringlichen Beschreibungen breitet Brake eine Welt aus, in der niemand von uns leben möchte. Das bisherige Highlight dieser Ausgabe.

Eine längere Geschichte hat Nina Horvath mit „Die Duftorgel“ beigesteuert. Im Kern handelt diese Geschichte über die Kommunikation zwischen zwei ganz unterschiedlichen Wesen. Menschliche Wissenschaftler sind auf einen Planeten gelandet, auf dem die beherrschende Spezies sich mittels Gerüchen verständigt. Eine Lautsprache haben sie nie entwickelt, dementsprechend können sie auch nicht hören. In mühevoller Kleinarbeit ist es einer Wissenschaftlerin gelungen eine Duftorgel herzustellen, die aus ganz bestimmten Substanzen die verschiedensten Gerüche generieren kann. Ihr Prototyp kommt bei einer Rettungsmission zum Einsatz, denn die insektenähnlichen Bewohner des Planeten haben eine Forschergruppe angegriffen. Warum dies erfolgte bleibt im dunklen. Die Rettung eines dieser Wissenschaftler gelingt nur, weil die junge Frau in der Lage ist verschiedene Gerüche nachzuahmen, die z.B. die ameisenähnlichen Wesen davon abhält sie anzugreifen. Die Geschichte besticht nicht nur durch die gute schriftstellerische Ausarbeitung, sondern gerade auch durch die interessante Grundidee. Es ist überaus schwierig die Kommunikation zwischen zwei Spezies zu beschreiben. Zumal sie auf zwei ganz unterschiedlichen Fundamenten beruht. Die Verschwörungstheorie des geretteten Wissenschaftlers ihr gegenüber hätte nicht unbedingt mit in die Geschichte hineingehört, deutet aber auf ein anderes Ende hin, als dies dann tatsächlich der Fall ist. Nina Horvaths Geschichte stellt ein weiteres Highlight dieser Anthologie dar.

Uwe Post

Uwe Post

Den amüsantesten Beitrag hat Uwe Post zu dieser Storysammlung beigetragen. In „Träumen Bossgegner von nackten Elfen?“ muss eine Gruppe von Dauerliverollenspielern erkennen, dass sich ihr liebstes Spiel in Auflösung befindet. Mit einem Male wird ihr düsteres Game von fröhlichen, pinkfarbenen Figuren durchdrungen. Wo sich sonst Monster aller Art tummelten, findet man nun bonbonfarbene Landschaften. Uwe Post nimmt die Gamer ein wenig auf die Schippe und verfasst vor dem Hintergrund eines Online-Liverollenspiels eine amüsante und abgedrehte Kurzgeschichte. Ein Beitrag, der aus dem Einerlei der hier veröffentlichten Kurzgeschichten deutlich herausragt.

Über Werbung schreibt Niklas Peinecke in „300 PS intravenöse“. Er beschreibt eine Zukunft, in der es möglich ist, Werbebotschaften mittels genetisch manipulierter Mücken den Menschen nahe zu bringen. Dass solch eine Möglichkeit nicht nur moralisch sehr bedenklich ist, sondern auch darüber hinaus gehende Risiken birgt, muss seine Hauptfigur auf drastische Weise erfahren. Eine Geschichte mit einer Botschaft, die dem Leser sehr eindeutig nahe gebracht wird.

„Wunschkind“ von Merlin Thomas bietet eine Handlung, die mir in ähnlicher Form schon des Öfteren begegnet ist. In einer nahen Zukunft ist es möglich, seine Nachkommenschaft bereits bis ins Kindesalter hinein anhand von Dummies erleben zu können. Nach solch einem Zusammentreffen können die Eltern festlegen, welche Eigenschaften ihr Kind nicht haben darf und hierbei sprechen wir nicht nur über körperliche Äußerlichkeiten. Sie erhalten ein perfektes Kind, wenn sie zahlungskräftig genug sind. Bei dem Projekt Kind braucht nichts mehr dem Zufall überlassen werden. Für die meisten heutigen Eltern dürfte solch ein Szenario nicht vorstellbar sein, aber die Anfänge sind wissenschaftlich gesehen schon möglich. Eine Geschichte mit einer aus meiner Sicht wichtigen Thematik, die leider in der Masse der Geschichten untergeht.

Den Abschluss stammt dann von Harald Giersche, der in „Die Reise“ seine Figur eine strapaziöse Suche nach einer für ihn wichtigen Person auf sich nehmen lässt. Am Ende findet er die gesuchte Person, nur um dann festzustellen, dass er eigentlich nicht das Original ist.

Nach der Lektüre all dieser Geschichten bleibt festzustellen, dass meine Erwartungen nur in Ansätzen erfüllt wurden. Bei der Durchsicht der Autorenriege hatte ich gedacht, dass mich eine interessante Zusammenstellung von Kurzgeschichten erwarten würde. Letztendlich sind nur einige wenige dabei gewesen, die mir ein wenig länger im Gedächtnis haften bleiben werden. Die meisten bewegen sich auf durchschnittlichem Niveau und zählen nicht zu den besseren Geschichten mancher Autoren.

Andreas Nordiek

Harald Giersche (Hrsg.)
„Prototypen und andere Unwägbarkeiten“
Begedia Verlag
Originalausgabe, September 2011
Taschenbuch, 208 Seiten

 

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