Gegen den Sonntagnachmittagfernsehhelden – Tommy Krappweis

Katrin Hemmerling im Gespräch mit Tommy Krappweis über die Entstehung von „Mara und der Feuerbringer“


Lesung Tommy Krappweis
„RTL Samstag Nacht“ und „Bernd, das Brot“. Das sind die zwei gängigsten Assoziationen, die man hört, wenn man den Namen Tommy Krappweis fallen lässt. Dabei ist Tommy mehr als ein ehemaliges Mitglied des „Samstag Nacht“-Ensembles und der geistige Vater von Bernd. Seit längerem ist er auch als Autor einer Fantasy-Trilogie bekannt und wer einen Blick in seine Vita wirft, bemerkt bald, dass viel mehr in diesem Menschen steckt, als man ahnt, dass man mehr Werke von ihm kennt, ohne sich dessen bewusst zu sein. Das Musikvideo von Stefan Raabs „Maschendrahtzaun“? Die Pro7-Märchenstunde? Bei beiden hatte Tommy seine Finger im Spiel. So ganz nebenbei beweist er mit der Band HARPO SPEAKS sein musikalisches Talent und spätestens seit dem berühmt-berüchtigten Promi-Dinner wissen wir, dass er auch kochen kann – ganz in Anlehnung an seine Trilogie „Mara und der Feuerbringer“.
Und es war auch „Mara und der Feuerbringer“, die Tommy eine Einladung zur Ring*Con bescherte, wo ich die Möglichkeit hatte, ihm ein paar Fragen zu stellen. Zu „Mara“. Und zu einigen anderen Themen auch.
Wir treffen uns am ersten Abend der Ring*Con nach der Opening Ceremony und suchen uns ein kleines Eckchen am Bücherstand. Gerade, als wir mit dem Interview beginnen wollen, wird Tommy von zwei Besucherinnen darauf angesprochen, dass sie ihn aus „RTL Samstag Nacht“ kennen. Einen kurzen, aber herzlichen Wortwechsel später ist Tommy bereit, mir Frage und Antwort zu stehen.

KATRIN HEMMERLING: Du wurdest gerade auf „RTL Samstag Nacht“ angesprochen. Du hast ja nicht nur „Samstag Nacht“ gemacht; wenn man nun jemanden fragt: „Wer ist Tommy Krappweis?“. Was ist dir die liebste Antwort?



TOMMY KRAPPWEIS: Das ist egal. Es ist ja auch okay, wenn jemand keine Ahnung hat, wer ich bin. Es soll ja auch Leute geben, die sagen „Papst … wessen?“. Das ist kein Problem. Es kommt auf das Alter an. Viele Leute, die mittelalt sind, sagen „Ach, das ist der aus ,Samstag Nacht‘, der immer mit dem Nontschew!“ und dann gibt es die „Bernd das Brot“-Fans und seit neuestem auch die „Mara“-Fans. Es gibt sogar Leute, die sagen „Hat der nicht die Pro7-Märchenstunde gemacht?“. Oder „Der spielt doch in München immer mit der Band!“.

Was davon liegt dir momentan am meisten am Herzen?

TOMMY: Mich freut es einfach, wenn die Leute irgendwas gut finden, das ich gemacht habe. Es freut mich natürlich nicht, wenn sie etwas gut finden, das ich gemacht habe, was Scheiße war, aber da ist der Schnitt noch ganz okay. Es gibt eigentlich nichts, worauf mich jemand anspricht und ich sage „Um Gottes Willen, ich muss ihm sofort die Nase amputieren.“

Gibt es denn Arbeiten, von denen du sagst, dass du sie lieber nicht gemacht hättest?

TOMMY: Natürlich.

Aber die gibst du jetzt nicht preis?

TOMMY: Ich habe mal eine Moderation für eine Sendung gemacht, was bestimmt schon 15 oder 20 Jahre her ist. Eine Sendung, in der es um „Best of Werbespots“ ging. Das war von vorne bis hinten grauenvoll. Also ich war auch grauenvoll, die Sendung war grauenvoll. Oder es gibt auch Standups, in denen 4.000 Leute dich angeschwiegen haben. Wo ich dann offensichtlich Sachen gesagt habe, die nicht lustig waren.

Wie hält man so etwas durch?

TOMMY: Man sieht es biographisch. Du musst es einfach biographisch sehen und sagen „Dies ist der schrecklichste Moment meines bisherigen Lebens und ich werde das jetzt einfach in die Schublade namens biographisch legen.“ Dann mach ich diese Schublade zu. Und wenn ich irgendwann mal wieder einen Moment habe, in dem ich das brauche, wie zum Beispiel jetzt in diesem Interview, dann mach ich die Schublade auf, hole kurz dieses grauenhafte Gefühl heraus und mache sie dann wieder zu.

Ursprünglich stammst du ja aus dem Comedygenre. Wir befinden uns nun hier auf einer Fantasyconvention und „Mara“ ist momentan die bekannteste Arbeit von dir. Wie bist du auf Fantasy gekommen?

TOMMY: Eines der frühesten Fantasybücher, die ich gelesen habe, war „Jim Knopf“. Eindeutig Fantasy, auch wenn man es landläufig nicht so nennen würde. Ich habe eigentlich schon immer Spaß gehabt an dieser Art von Themen und mich für die herkömmliche Belletristik oder Thriller kaum interessiert und ganz viel Fantasy gelesen. Ich habe mit zehn Jahren das erste Mal versucht, „Der Herr der Ringe“ zu lesen und bin glorios gescheitert. Dann mit 12 nochmal, mit 14 nochmal und ab da alle zwei Jahre. Ich habe sehr früh Douglas Adams für mich entdeckt – auch so ein Grenzgänger zwischen Humor und SciFi und irgendwie auch Fantasy, höchst bizarr –, Terry Pratchett, aber auch Stephen R. Donaldson mit den „Chronicles of Thomas Covenant“, ich weiß nicht, ob du das kennst?

Leider nicht.

TOMMY: Höchst verstörend! Oder „Die Flußwelt der Zeit“ von Philip José Farmer: wo die ganze Menschheit auf einem Planeten wieder erweckt wird und alle bekannten Leute von Jimi Hendrix bis Göring sind dann auf dieser Welt. Es stellt sich heraus, dass die im Großen und Ganzen nicht aus ihrer Haut können, auch wenn sie jeden Tag umsonst Essen kriegen und sich auch sonst um nichts kümmern müssen, haben sie trotzdem – wie sagt man im Englischen? – „issues“.

Klingt sehr lesenswert!

TOMMY: Fantastisch! Und die „Chronicles of Thomas Covenant“ stecken auch ein bisschen in „Mara“. Dieser Typ – mal abgesehen davon, dass er leprakank ist – steckt in dieser Welt fest, die sehr „Herr der Ringe“-esk ist und weigert sich anzuerkennen, dass das real ist, weil er in dieser Welt gesund ist. Und er weiß, wenn er aufgibt und wieder in dieser Realität aufwacht, dann hat er Lepra und dann erschießt er sich wahrscheinlich. Und bei Mara ist es so, dass sie die ganze Zeit sagt „Das ist nicht wahr, das kann nicht sein! Das kann nicht sein!“. Irgendwann gibt sie halt auf, dann hat sie keine Wahl mehr. Da waren eine sehr große Inspiration diese „Chronicles“.

Das kommt im Buch ja auch sehr gut durch, dass sie ganz am Anfang immer sagt, sie wolle das nicht.

TOMMY: Ich hatte halt irgendwie keine Lust mehr auf diese Sonntagsnachmittagsfernsehfantasyhelden, die ein großes Flammenschwert kriegen und dann so lange auf dem Bösewicht herumhauen, bis der endlich fertig ist. Da hatte ich keinen Bock drauf. Ich wollte eine Figur, die realistischer ist, die sagt „Ich will das gar nicht, ich versuche gerade, normal zu sein und jetzt kommst du mir mit so was!“. Und die Mama von ihr ist dann auch noch so schräg. Das war das, was mich an der Figur gereizt hat.

Wie kommst du dann darauf, gerade ein 14jähriges Mädchen als deinen Hauptcharakter zu wählen?

TOMMY: Ich wollte nicht den 25-30jährigen Studenten, den die meisten Leute im Fernsehen als Hauptfigur wählen. Es sollte ursprünglich eine Mysteryserie fürs Fernsehen werden. Da habe ich eine Hauptfigur gesucht, die ungewöhnlich ist und mich nicht langweilt und kam auf ein 14jähriges Mädchen. Dann habe ich mir gedacht, wenn die jetzt auch noch keinen Bock auf den ganzen Scheiß hat und das auch noch mit nordisch-germanischer Mythologie, was einfach noch nicht so besetzt ist, und das jetzt auch noch mit den original Fakten, dass man lernt, warum der Dienstag Dienstag heißt und all diese Geschichten. Das hat mir einfach selbst so viel Spaß gemacht, das wollte ich unbedingt erst als Fernsehserie sehen, habe aber dann beim Pitchen schon gemerkt, dass das kein Fernsehsender kauft. Das ist zu abgefahren. Da sollte es eher ein Typ sein, der 25 Jahre alt ist, vielleicht einen Bruder hat und die machen zusammen irgendetwas mit Vampiren. Gerade bei den Deutschen, die da ja eher zu tendieren, das Amerikanische nachzumachen, anstatt etwas Eigenes zu machen. Dann habe ich mich eben selber zensiert und mir gesagt, dass ich das vergessen kann. Aber ich wollte es trotzdem schreiben, weil es aus meinem Kopf musste und ich sonst durchgedreht wäre.

So ähnlich wie bei Stephen King, der gesagt hat „Es muss geschrieben werden, sonst explodiert mein Kopf“?

TOMMY: Genau!

Hast du dich denn vorher für die germanische Mythologie interessiert oder war das etwas, von dem du wusstest, dass es fast keiner kennt und du dich erst einlesen musstest?

TOMMY: Es ist bei mir immer so, dass mich Themen erst dann interessieren, wenn ich etwas damit anfangen kann. Ich habe früher auf Super 8 schon immer Buster Keaton toll gefunden und habe mich dann für Stummfilm und Slapstick interessiert und habe Treppenstürze und so geübt. Ich weiß jetzt ganz viel über Stummfilm-Comedy der 20er-Jahre und gar nichts bis wenig über die Filme der 70er und 80er. Das ist ganz singuläres Interesse. Ich bin unheimlich schlecht in Erdkunde. Wie viele Kontinente haben wir?

Tut mir leid, ich habe Erdkunde das letzte Mal in der 8. Klasse gehabt.

TOMMY: Freut mich sehr, gut so! Ich hatte immer eine 6 in Mathe. Bei der germanischen Mythologie war es auch so. Ich brauchte ein Thema, das noch nicht besetzt ist. Und dann hat es mich aber so gepackt und so schnell, dass ich nicht mehr aufhören konnte.

Das merkt man aber auch im Buch. Du erzählst es so schön. Man lernt, aber man hat nicht das Gefühl, dass einer vor dir steht und doziert.

TOMMY: Das war der Plan.

Für mich hat’s auf alle Fälle funktioniert.

TOMMY: Super! Ich glaube auch, dass es deswegen funktioniert, weil es eben so Spaß macht. Es macht so Spaß. Hast du den dritten Band schon gelesen.

Nein, den kriege ich noch, aber ich habe den zweiten Band gelesen. Das soll jetzt nicht beleidigend für dich klingen, aber ich habe beim Lesen die ganze Zeit Google aktiviert gehabt, um zu schauen, wo du warst.

TOMMY: Nein, das ist überhaupt nicht beleidigend. Hast du in Osnabrück nach dem Varusschlachtmuseum geguckt?

Ja. Und ich bin rund um Hermannsdenkmal schon Oldtimerrallye gefahren.

TOMMY: (lacht)

Und das finde ich eben witzig, wenn man die ganzen Geschichten um das Denkmal kennt. Außerdem habe ich ja jetzt eine Motivation, nach Osnabrück zu fahren und mir das Museum anzusehen.

TOMMY: Du solltest es dir anschauen. Du kennst das Buch und du wirst den Delphin in exakt der Vitrine finden.

Also warst du vor Ort?

TOMMY: Ja, die Mitarbeiter vom Museum haben mir auch ganz viel geholfen. Ich war dort und habe sie befragt. Sie haben den Delphin vorgeschlagen.

Das ist eben das Schöne, man merkt es beim Lesen die ganze Zeit. Beim zweiten Band war es in der Tat so, dass ich immer dachte, ich muss jetzt unbedingt weiterlesen, aber vorher erst noch nachschlagen.

TOMMY: Und es stimmt alles. Es gib nur einen Sache, die nicht stimmt. Der Delphin im Museum ist nur so groß (deutet die wahre Größe an) und der bei mir ist so groß (deutet einen größeren Delphin an), weil es sonst auf dem Stab irgendwie pisselig ausgesehen hätte.

Du denkst also auch filmisch, wenn du schreibst?

TOMMY: Ja, wir sind jetzt auch gerade der Verfilmung wieder 50% näher gekommen.

Damit hast du meiner nächsten Frage auch schon vorweg gegriffen. Du hast neulich in deiner Facebookgruppe die Stills von dem Trailer gepostet. Was hat es damit auf sich?

TOMMY: Das ist ein interner Trailer, den wir gemacht haben, um potentiellen Partnern den – wie sagt man so schön – appeal zu zeigen. Dieses Ding hat einfach gezeigt, was für ein Potential es hat, auch was für ein dramatisches und emotionales Potential und was für ein Bilderpotential es hat. Dafür war das. Dieser Trailer kann aber nicht öffentlich gezeigt werden, weil wir auch Material verwendet haben, das wir woanders hergeholt haben. Deswegen kann es wirklich nur ein paar Leuten gezeigt werden. Die Bilder, die wir dafür gedreht haben, kann ich natürlich zusammenschneiden und posten oder Promo damit machen. Aber das komplette Ding war ein mood tape, wie man beim Fernsehen und fürs Kino immer sagt. Wir wollten nur eine Stimmung vermitteln und den Leuten zeigen, was sie kriegen. Es war so erfolgreich, dass wir jetzt einen sehr sehr großen und sehr potenten Partner im Boot haben. Die haben gesagt, dass sie gerne eine Kinokoproduktion für Band 1 mit uns machen möchten.

Hast du denn Wunschkandidaten oder steht schon etwas fest?

TOMMY: Castingmäßig?

Ja. Jemand, von dem du sagst, dass sie deine Mara sein soll?

TOMMY: Die Mara habe ich schon. Sie heißt Maja Probst. Sie ist fantastisch, sie ist perfekt. Mit ihr haben wir den Trailer gedreht. Sie ist hinreißend. Sie ist so, wie ich sie mir vorgestellt habe.

Bist du an der Verfilmung dann auch noch anders beteiligt?

TOMMY: Ich mache auf jeden Fall das Drehbuch und werde eventuell Regie machen und auf jeden Fall eine kreative Produktionsposition einnehmen. Auf jeden Fall eine Position, wo ich die Möglichkeiten habe, „Go“ oder „Stop“ zu sagen.

In deiner Biographie habe ich gelesen, dass du gesagt hast: „Ich will filmen.“ Du sagst, Schauspielern ist nichts für dich, weil die Drehbücher teilweise einfach Schrott sind.

TOMMY: Mein Problem war immer, dass ich keine Texte lernen konnte, die ich Scheiße fand oder mir nicht erschlossen haben.

Hast du als Schauspieler dann auch diskutiert?

TOMMY: Ohne Ende! Weil ich eigentlich Regisseur war und wusste es nicht. Ich habe jeden Regisseur zur Weißglut getrieben. Darum habe ich auch wirklich dann aus Rücksicht auch damit aufgehört. Wenn ich eine Rolle spiele, dann nur wenn einer meiner Kollegen aus der bumm Film GmbH Regie macht oder ich selbst. Dann ist alles entspannt. Aber ich brauche ganz viel Vertrauen in einen Regisseur, um zu akzeptieren, dass er mir jetzt sagt, wie es geht. Weil ich es ja selber schon so oft gemacht habe.

Wie bist du dann, wenn ein Schauspieler mit dir diskutiert?

TOMMY: Super entspannt. Wird dir jeder bestätigen, der jemals mit mir gedreht hat. Der entspannteste Regisseur aller Zeiten und immer pünktlich fertig.

Das ist wichtig in der Branche?

TOMMY: Das ist mir wichtig. Der Beleuchter, der seine Familie zuhause hat, kann nichts dafür, dass ich einen guten Film machen möchte. Und wenn irgendjemand diesen Film falsch geplant hat, vielleicht ich sogar selber, dann sollte ich auch dafür sorgen, dass das Ding pünktlich fertig ist und der Beleuchter nach Hause kann. Ich finde Überstunden – außer, sie sind wirklich gut bezahlt – sind ignorant den Leuten gegenüber, die am Set arbeiten und einfach nur einen Job machen und nicht ihr Leben verwirklichen.

Meinst du nicht, dass sie sich zu einem Teil doch selbst verwirklichen, gerade weil sie da arbeiten?

TOMMY: Natürlich kann das schon sein.

Du bist aber erst einmal grundhöflich?

TOMMY: Ich versuche, den Dreh zu gestalten, dass wir es pünktlich schaffen. Und das heißt dann auch, dass ich mich entsprechend dem Budget verhalte. Wenn das Budget extrem gering ist, dann fahre ich den Aufwand zurück und mache weniger Einstellungen. Dann kriegt der Sender auch etwas, das brillant und großartig ist, weil wir dann die Zeit haben, die Darstellung richtig zu machen, schöne Bilder zu finden. Man muss halt einfach sehen, wie man mit dem Geld klar kommt. Ich sehe nicht ein, dass ich Leute dafür schinde, dass jemand anders nicht genügend Geld bereit hält, um das Produkt haben zu können. Das möchte ich einfach nicht.

Das trifft man ja eigentlich selten.

TOMMY: Das ist bei Regisseuren oft so, dass sie immer gleich eine Vision haben, die sie verwirklichen wollen. Ich sehe es aber ehrlich gesagt eher als Job. Eine Vision wäre es durchaus bei „Mara“. Wenn ich dann wirklich einmal an einen Punkt komme, an dem Überstunden gefragt sind, dann macht mein Team bis nachts um fünf weiter. Da beschwert sich niemand, wenn es denn dann mal nötig ist. Aber es ist halt nicht jedes Mal der Fall. Ich versuche, es in der Regel zu vermeiden.

Man weiß von J.K. Rowling, dass sie in „Harry Potter“ Charaktere einfließen ließ, die nach realen Vorbildern verfremdet waren.

TOMMY: Ich habe das kaum verfremdet. Mara bin ich als Mädchen, als Kind, die stille Seite von mir. Ich habe eine laute und eine stille Seite. Die stille Seite ist so wie Mara. Das mag man jetzt gar nicht so glauben, aber ich bin ein Mensch, der gerne still in der Ecke sitzt, ich finde das toll. Und auch Schreiben ist ein stiller Job. Oder Stop-Motion-Animation, was ich als Kind gemacht habe. Da habe ich mit acht Jahren zwei Wochen in einem dunklen Raum gesessen und habe Lego-Figuren verbogen. Das ist so ein bisschen die Mara-Seite von mir, aber auch so ein bisschen die „Bernd das Brot“-Seite. Die von schräg oben die Welt betrachtet und sich fragt, was eigentlich los ist. „Bin ich bescheuert oder sind’s die anderen oder sind wir alle bescheuert?“. Die laute Seite kennst du ja. Das ist immer dann, wenn ich auf einer Bühne stehe.

Lesung Tommy Krappweis 2Ich habe dich noch leider nicht auf einer Bühne gesehen, aber ich werde mir ja morgen deine Lesung anhören. Du machst Lesungen auf eine ganz eigene Art und Weise.

TOMMY: Ja, manchmal lese ich sogar auch.

Man kennt Lesungen eher so, dass sich jemand einfach hinsetzt und mit einer monotonen Stimme aus einem Buch vorliest. Du machst da schon eher eine Show draus.

TOMMY: Das kann man so nicht sagen. Hast du die Videos gesehen?

Ja, ich habe mir die Lesungen zu „Das Vorzelt zur Hölle“ angesehen.

TOMMY: Da freue ich mich schon drauf, es kommt nächstes Jahr im März raus („Das Vorzelt zur Hölle“ handelt von der Campingerfahrung der Familie Krappweis – Anm.d.Red.). Es ist halt so, dass ich Spaß an der Performance habe und ein leidlich guter Stand-Upper bin, wenn ich ein Thema habe, das mich interessiert und wo ich drin bin. Ich habe einfach Spaß daran, den Leuten auf eine unterhaltsame Art und Weise diese Art von Wissen zu vermitteln; und dabei gleichzeitig noch den Grund mit zu vermitteln, warum Mara und die Bücher so unglaublich anders sind als alles andere, was ich bisher gemacht habe. Ein paar Klischees aufzuzeigen, den Leuten den Sinn dafür zu schärfen, warum die Dinge so sind wie sie sind. Warum sind Bösewichte so, warum sind Helden so. Ich habe einfach Freude daran und ich habe manchmal so viel Freude daran, dass das Lesen manchmal so ein bisschen ins Hintertreffen gerät. Aber ich mache den Leuten dabei so viel Lust auf die Bücher, dass die meisten sie dann hinterher selbst lesen. Manchmal lese ich dann aber auch etwas. In Band 2 gibt es eine Stelle, die man ganz gut lesen kann. Wo sie vor den Nornen stehen, Mara den Stab in den Boden rammt und sagt „Du kannst nicht vorbei!“. Das ist hier für die Ring*Con ganz cool.

Du hast ja auch sehr schöne „Herr der Ringe“-Zitate in Mara eingebaut.

TOMMY: Ja und sie sind als solche dann auch alle als Zitate gekennzeichnet, ich klaue es nicht. Es ist dann auch immer so schön, dass Professor Weissinger es so sagen kann. „Guck mal, der Odin sieht aus wie Gandalf.“

Du verlinkst per Facebook Rezensionen zu Mara und neulich war eine dabei, die das Buch nicht ganz so positiv bewertet hat. Wie sehr trifft dich so etwas?

TOMMY: Ich finde, wenn man im Internet eine Meinung veröffentlicht – egal, ob eine gute oder eine schlechte – dann ist das das Internet und im Internet kann das jeder lesen. Das kann auch der Autor lesen und das können die Leute lesen, die der Meinung sind, dass es stimmt, dass das Buch echt scheiße sind und es können auch Leute lesen, die der Meinung sind, dass das Buch toll ist; und die verteidigen dann das Buch. Beides hat seine Berechtigung. Ich habe mir gesagt, dass ich auf meiner Facebook-Seite nicht nur gute Rezensionen poste, ich finde das blöd.

Stimmt, es klingt immer so ein bisschen nach Selbstbeweihräucherung.

TOMMY: Richtig. Und immer, wenn eine schlechte Rezi kommt, poste ich die auch. Beim letzten Mal ist es auf einmal ausgeartet, weil es mittlerweile schon so viele „Mara“-Fans gibt und sogar welche, die sich persönlich getroffen fühlen. Mehr noch als ich. Dass jemand etwas Scheiße findet, das sie total lieben. Da ist die arme Frau dann komplett in der Luft zerfetzt worden und zwar so extrem, dass ich sowohl bei ihr als auch bei mir gepostet habe, dass ich alles, was irgendwie persönlich beleidigend ist, lösche.

Das habe ich nicht mehr mitbekommen, ich habe dann „nur“ den sachlichen Aspekt der Diskussion lesen können.

TOMMY: Der sachliche Aspekt war auch etwas, das mich schon so ein bisschen geärgert hat, weil sie sagte, dass es ein Kinderbuch für Leseanfänger sei. Entschuldige bitte, das ist es bei aller Liebe nicht. Es ist kein Buch für Leseanfänger, nur weil die Schrift nicht so klein ist.

Ja, ich würde es beim Lesealter für ca. 11 oder 12 Jahre einordnen.

TOMMY: Und das sind nun wirklich keine Leseanfänger. Das fand ich beleidigend. Vielleicht hat sie es anders gemeint, aber es hat mich wirklich geärgert. Wenn jemand Mara als Figur unsympathisch findet, kann ich das sehr gut nachvollziehen. Ich glaube sogar, dass ich – wenn sie in meiner Klasse gewesen wäre – ich sie auch nicht so toll gefunden hätte. Das ist total okay. Aber was nicht okay ist, ist dann so etwas, weil es mir schadet.

Es passt ja auch schon nicht zum Leseanfänger, weil sehr viele sagen, dass in „Mara“ so viel Erwachsenenhumor vorhanden ist. Wenn es ein Elternteil liest und dann das Kind, lachen sie an verschiedenen Stellen.

TOMMY: Exakt. Und das ist auch der Witz bei „Bernd das Brot“. An der einen Stelle lachen die Kinder, an der anderen die Erwachsenen und am Schluss hatten alle ihren Spaß. Bei „Mara“ ist das definitiv genauso. Wenn dann jemand sagt, dass es ein Buch nur für Kleine sei, werde ich echt sauer. Da konnte ich dann – so weit ich sachlich sein kann als Autor, der es geschrieben hat – sagen, dass mich das ärgert. Aber all die anderen Sachen fand ich okay, weil es halt ihre Meinung war. Als es dann so ausartete, dass andere sie als blöd bezeichnet haben und meinten, dass sie gar nichts gut finden würde – wir kennen diese Frau nicht. Andere Rezensionen, die sie geschrieben hat, zeigen, dass sie Bücher durchaus positiv bewertet und sie ist beileibe nicht blöd, was eine Unverschämtheit ist, so etwas zu behaupten. Das darf man einfach nicht und ich finde das auch nicht in Ordnung. Ich würde nie einen Thread löschen, weil das Zensur ist, aber persönliche Beleidigungen lösche ich dann. Wenn jemand mich persönlich beleidigt, ist das okay, damit kann ich sehr gut leben und ich habe ja auch meist ganz lustige Antworten darauf. Aber wenn die Leute das untereinander anfangen – das geht nicht.

Lesung Tommy Krappweis 3

(Tommy wirft einen Blick auf meinen Spickzettel und bleibt bei der Frage nach Physical Comedy hängen. Da ich mir darunter nichts Genaues vorstellen kann, erklärt er mir den Begriff.)

TOMMY KRAPPWEIS: Es gibt Visual und Physical Comedy. Visual Comedy ist, wenn Buster Keaton eine Zeitung auseinanderfaltet und die immer größer und größer wird. Am Schluss ist sie dann 10m groß. Physical Comedy ist, wenn er dafür auf eine Parkbank steigt, um sie lesen zu können, die Bank dann mit ihm umfällt und alle anderen Parkbänke dahinter auch. Und Slapstick ist, wenn dann jemand reinkommt und ihm die Fresse poliert.

Was macht da den Reiz für dich aus?

TOMMY KRAPPWEIS: Dass man keinen Text lernen muss (lacht). Ich hatte schon immer Spaß daran, diese Sachen mit Körpereinsatz zu machen. Die einfachste Form von Physical Comedy ist die von Bud Spencer und Terence Hill. Die Komplizierteste dürfte wohl Buster Keaton und Charlie Chaplin sein. Irgendwo dazwischen sind dann noch Mr. Bean sowie Laurel und Hardy. Das hat mich immer schon fasziniert. Dass man es schafft, Leute zum Lachen und gleichzeitig zum Staunen zu bringen. Jackie Chan macht das auch. Er macht einen Stunt, über den man lacht und sich gleichzeitig sagt, dass das doch gerade nicht sein kann. Es ist aber halt so ausgeführt, dass es gleichzeitig auch noch witzig ist.

Wenn man bedenkt, wie ihr damals mit „RTL Samstag Nacht“ angefangen habt – würdest du dich heute in der aktuellen Comedyszene noch wiederfinden? Es ist ja momentan sehr viel dieser …

TOMMY KRAPPWEIS: Stand-Up?

Ja, aber schlechter Stand-Up, wie ich finde.

TOMMY KRAPPWEIS: Das möchte ich nicht unbedingt so werten.

Aber es hat sich doch schon ein bisschen verändert in den letzten Jahren.

TOMMY KRAPPWEIS: Ja, aber es ist auch schneller und pointierter geworden. Wir waren damals langsamer, nicht immer unbedingt besser. Wir waren abgefahrener, wir haben Sketche gemacht, die keine Schlüsse hatten. Wir haben Sachen gemacht, die absichtlich an der falschen Stelle oder keine Pointen hatten und dadurch den Humor transportiert haben. Helge Schneider ist noch so ein Rest, der so etwas macht, den ich toll finde. Wir haben uns mehr in der Tradition von „Saturday Night Life“ und „Monty Python’s Flying Circus“ gesehen. Heutzutage ist das alles dieser Zweieinhalbminuten-Sketch und der Stand-Up mit den klaren, eindeutigen Punchlines und Lachern. Da gibt es natürlich noch andere. Dieter Nuhr zum Beispiel, der eine Zwischenebene hat. Es sind halt einfach andere Zeiten, andere Comedians und ich finde immer wieder etwas, das ich gut finde.

Was findest du aktuell gut?

TOMMY KRAPPWEIS: Ich habe vor kurzem eine Radioshow von Ali Khan gehört. Er ist in München so eine Art Lokalmatador, der ein Grenzgänger zwischen Beleidigung, Kabarett und Wahnsinn ist. Ich habe Tränen gelacht. Und sein Sohn, Nepo Fitz, der ist richtig gut. Er kann singen, sieht cool aus und ist auch abgefahren. Ich kenne noch nicht sein ganzes Programm, aber die Stellen, die ich bei „Ottis Schlachthof“ gesehen habe, fand ich fantastisch.

(Abschließend kommen wir darauf zu sprechen, dass Tommy viel in seinem Leben mit Freizeitparks zu tun hatte und selbst einmal einen eigenen Park eröffnen möchte. Auf die Frage, warum er dies machen möchte, entgegnet er:)

TOMMY KRAPPWEIS: Ich habe noch auf so vieles Lust und ich habe sogar schon eine Idee für eine zweite Trilogie im Kopf. Vorher muss ich allerdings ein paar Runden schlafen und duschen.

Mit diesen Worten verabschiedet er sich von mir, um zwei Besucherinnen der Con die frisch erworbenen Mara-Bände zu signieren und ihnen ein Bernd das Brot dazu zu malen. Am Ende des nächsten Tages wird Tommy berichten, dass ihm vom vielen Signieren während der Con die Hand schmerzt. Wer sich näher mit ihm befasst hat, weiß, dass dieser Erfolg nicht ganz unverdient ist.

Katrin Hemmerling

Ich danke Tommy und Sophia, die das Interview möglich gemacht und sich so viel Zeit dafür genommen haben.

Tommy Krappweis - Signierstunde Ring*Con 2011TOMMY KRAPPWEIS wurde am 9. Mai 1972 in München geboren.

Er besuchte die Münchner Fachoberschule für Gestaltung, stellte eigene Comics aus und machte Straßenmusik in der Münchner Fußgängerzone. Mit 14 Jahren sprach er in Kinderhörspielen, im Alter von 16 hatte er seine erste „Fernsehrolle“ in „Forsthaus Falkenau“.

Nach der Schule arbeitete er in der Westernstadt „No Name City“, wo er mehrmals täglich als „Miss Annie Oakley die großartige Scharfschützin“ auf der Bühne stand und sich im Zielschießen übte. Im Jahr 1994 moderierte Tommy Krappweis sieben Monate lang das Jugendmagazin „Disney TV“ für RTL. Er war Teil des Teams von „RTL Samstag Nacht“, führte Regie und spielte in der Pro7-„Märchenstunde“.

2004 erhielt Tommy Krappweis für die Idee und Realisation der Figur „Bernd das Brot“ den Adolf-Grimme-Preis in der Kategorie „Spezial“. 2009 erschien sein erster Roman „Mara und der Feuerbringer“.

Auszug aus: Wikipedia

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„Mara und der Feuerbringer“ · Fanseite · bummfilm GmbH

 

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