Eine Reise in den wilden Schwarzwald
Kerstin Pflieger – „Die Alchemie der Unsterblichkeit“

Kerstin Pflieger - „Die Alchemie der Unsterblichkeit“Ich mag Genre-Literatur, und ich lese seit Jahrzehnten entsprechende Romane. Mein klares Motto: Lässt man sich auf ein entsprechendes Genre ein, muss man als Leser eben die jeweiligen Prämissen akzeptieren.
In der Science Fiction gibt es eben den Hyperraum und den Überlichtflug, auch wenn die heutige Wissenschaft glaubhaft begründet, dass das Mumpitz ist. Und in der Fantasy gibt es unwidersprochen Schulen für angehende Zauberer, in denen zehnjährige Jungs auf Besen fliegen können. Das alles akzeptiert der Genre-Leser in mir, ohne mit der Wimper zu zucken – es muss nur in sich schlüssig sein.
Vor allem am Anfang macht es mir der Roman »Die Alchemie der Unsterblichkeit« nicht leicht. Dabei müsste mich das Erstlingswerk der jungen Autorin Kerstin Pflieger, das im Sommer 2011 im Goldmann-Verlag erschienen ist, doch eigentlich ansprechen: Es spielt in Karlsruhe, wo ich lebe, und im Nordschwarzwald, wo ich aufgewachsen bin. Nur muss ich als Leser irgendwann akzeptieren, dass die Prämisse der Autorin nichts zu tun hat mit dem wahren Schwarzwald.

Doch der Reihe nach: Man schreibt den September 1771. Icherios Ceihn ist ein junger Inspektor, der von der in Karlsruhe ansässigen »Kanzelley zur Inspektion unnatürlicher Begebenheiten« in einen ungewöhnlichen Auftrag geschickt wird. Er soll im nördlichen Schwarzwald eine Reihe grausiger Morde aufklären – und er tritt eine Reise an, die sein wissenschaftlich geschultes Weltbild erschüttern wird.
Im Nordschwarzwald hausen nämlich Vampire und Werwölfe, sie leben mit Menschen zusammen. Die Region wird als Dunkles Territorium bezeichnet, das man von Karlsruhe aus nur erreicht, nachdem man einen langen Tunnel durchquert hat. Auf der Strecke dazwischen passiert man Ortschaften wie Galenbach (das könnte die real existierende Kleinstadt Gernsbach sein) oder Glashütte, das am Ufer eines Baches namens Schönmünz liegt, und Schwarzenberg. In der Tat kommt man, wenn man von Karlsruhe in meine Geburtsstadt Freudenstadt fährt, an Schönmünzach und Schwarzenberg vorbei; den dunklen Tunnel habe ich allerdings in all den Jahrzehnten nie gesehen.

Dann erreicht Icherios das Dorf Dornfelde (neben meinem Heimatdorf liegt die Kleinstadt Dornstetten …), das als Mixtur aus Burg und Stadt geschildert wird. Es wimmelt von Adeligen, sogar der Bürgermeister trägt ein »zu« im Namen. Im Verlauf des Romans wird es aber ohne jegliche Erläuterung zu einem »von«, eines der vielen Mirakel des Romans, bei dem zwischendurch auch mal Namen vertauscht werden.
Karlsruhe selbst scheint im Jahr 1771 übrigens eine echte Großstadt zu sein, mit vielen Gassen, in denen Bettler im Dreck liegen, und einem großen Schloss mit vielen Türmen. Umgeben ist die Stadt von einer Mauer, vor der sich die hungernde Bevölkerung drängt … All diese Darstellungen real recherchierbarer historisch-geografischer Ereignisse und Örtlichkeiten sind so daneben und damit zugleich witzig, dass ich mit viel Vergnügen weiterlas.

Fehlendes Lektorat

Stilistisch machte das ganze Buch nämlich keinen besonderen Spaß. Eine saubere Erzählperspektive existiert nicht, die Handlung springt zeitweise völlig willkürlich von Kopf zu Kopf. Daran hat man sich als Leser dieser Art von Genre-Literatur allerdings schon gewöhnt, auch daran, dass Augen ständig leuchten und funkeln – was sie nun mal beim besten Willen nicht können. Dass sich Augen zwischendurch sogar mal berühren, ist eine weitere Besonderheit, die mich bei Genre-Literatur dieser Güteklasse nicht mehr sonderlich stört. Dass sie auf einem Bild in einem Medaillon allerdings leuchten, also vom Papier weg, das ist schon richtig fortschriftlich.

Tatsächlich ist der Roman sehr amüsant, vor allem am Anfang, wenngleich das von der Autorin sicher nicht so beabsichtigt war. Nicht nur einmal legte ich das Buch bei der Lektüre kopfschüttelnd zur Seite, wunderte mich lautstark und kam nicht aus dem Grinsen heraus. Seien wir ehrlich: Im Verlauf der Handlung fasst das Buch langsam Tritt, und die Geschichte wird immer packender, so dass ich vor allem gegen Ende mit großem Interesse dem Geschehen folgte.

Erzählen kann Kerstin Pflieger, das zeigt sie vor allem im letzten Drittel, aber es fehlte bei diesem Roman ganz eindeutig ein Lektorat, das sie unter anderem strukturell betreute. Warum sie im Anhang ebendiesem Lektorat so überschwänglich dankt, ist mir nicht ganz klar – das wirft schon die eine oder andere Frage auf …
Immerhin hat der Verlag dem Buch der neuen Autorin ein sehr schönes Äußeres spendiert: Das Cover ist in der Art eines Schattenschnittes gehalten und spricht tatsächlich an. Zielgruppe dürften wohl Leserinnen und Leser sein, die auch Romane von Christoph Marzi mögen.

»Die Alchemie der Unsterblichkeit« soll der erste Roman einer »neuen spannenden Mystery-Serie« sein; zumindest das verspricht der Rückentext des Taschenbuches. Das beweist wieder einmal, wie wenig Rücksicht heutzutage die Klappentexter auf tatsächliche Genre-Benennungen und -Eingrenzungen nehmen, zeigt aber auch, dass der Verlag durchaus Potenzial in der Autorin und ihrer Hauptfigur sieht. Bei Icherios Ceihn gibt’s noch viele ungeklärte Geheimnisse, und die Leser können sich darauf womöglich freuen.

Ich werde beim nächsten Abenteuer aber sicher nicht mehr dabei sein – das eine reichte mir. Obwohl … wenn sich die Autorin weitere bekannte Örtlichkeiten vornimmt und sie in ein seltsames Paralleluniversum verlagert, könnte das glatt wieder unfreiwillig witzig werden.

Klaus N. Frick

Kerstin Pflieger
„Die Alchemie der Unsterblichkeit“
Goldmann-Verlag
Paperback, 352 Seiten
ISBN 978-3-442-47483-7

Links

 

Das könnte Dich auch interessieren:

Abgelegt unter Bücher und getaggt mit , , , , . Setz ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort auf Eine Reise in den wilden Schwarzwald
Kerstin Pflieger – „Die Alchemie der Unsterblichkeit“

  1. Pingback: Autorenblog Kerstin Pflieger » Blog Archive » Leitfaden für verirrte Schwarzwaldexperten ;)