Unermüdlich bis zuletzt: Viktor Farkas

Nina Horvath erinnert an den verstorbenen Viktor Farkas (1945–2011):

SFGW Weihnachtsfeier 2010

Weihnachtsfeier der Science-Fiction-Gruppe Wien 2010: Viktor Farkas (Mitte) nimmt die Geschenke in Augenschein


Erst langsam sickert die Nachricht, dass Viktor Farkas verstorben ist, in der Fanwelt durch. Mich selbst erreichte die traurige Kunde an Viktors Todestag an Allerheiligen, als ich gerade eine Science-Fiction-Lesung hinter mich gebracht hatte. Ich stand bei Lesungsgästen am Tisch und scherzte mit ihnen, als ein Handy klingelte und das Ganze in einer Art „stiller Post“ an mich weitergetragen wurde.

Aufgrund der Situation hatte ich erst später Gelegenheit, in mich zu gehen – und eine Art, dies zu tun, ist dieser kleine Bericht über einen ganz besonderen Menschen. Es soll weder eine literaturwissenschaftliche Abhandlung werden, noch ein offizieller Nachruf – das überlasse ich lieber anderen, versierteren Personen. Nein, ich möchte einfach erzählen, wie Viktor „so war“, um die Erinnerung an ihn aufrecht zu halten, aus meiner eigenen, völlig subjektiven Sicht.

Obgleich ich ihn leider erst in seinen letzten Lebensjahren kennengelernt habe, ist mir dieser sympathische Science-Fiction-Fan und Autor nicht nur ans Herz gewachsen, er hat mich gerade in einer Zeit, wo ich selbst noch nicht so recht über meine eigenen Ziele Bescheid wusste, maßgeblich beeinflusst.

Erstkontakt

Zum ersten Mal Kontakt hatte ich zu Viktor 2005 und, obgleich er wie ich in Wien lebte, wie das heutzutage oft so ist, über das Internet. Wir hatten damals die Anthologie „Fantastisches Österreich“ in Arbeit, das erste Projekt, bei dem ich organisatorische Tätigkeiten übernahm. Ich hatte damals so gut wie keinen Kontakt zu der österreichischen Szene, sondern lediglich virtuelle Kontakte, die allesamt nach Deutschland mündeten. Nachdem sich herauskristallisierte, dass unsere öffentliche Ausschreibung auf der Suche nach österreichischen Autoren, die bereit waren, eine phantastische Geschichte beizusteuern, zwar viel in den Foren kommentiert wurde, aber wenig brauchbare Resonanz lieferte, beschloss ich, in Fanzines und Anthologien aus meinem Bücherregal entsprechende Autoren zu suchen und einfach direkt zu fragen. So tastete ich mich weiter vor, nachdem einige Schriftsteller noch Namen von Kollegen nannten, geriet auf diesem Wege auch an Viktor. Seine Science-Fiction-Geschichte „Schuss auf einen Unsichtbaren“ fand dann auch Eingang in die Anthologie. Für mich war das aber der Wahnsinn: Ein Bestsellerautor gibt seinen Text in die Hände eines engagierten, aber unerfahrenen Hobby­teams, und das nur, weil ihm die Idee gefällt!

Eine gewisse Scheu

Dennoch sollte noch geraume Zeit vergehen, bis ich Viktor durch einen Zufall kennen lernen durfte. Zu diesem Zeitpunkt fand eine Science-Fiction Ausstellung im Wiener Museumsquartier statt. Die Ausstellung selbst war zwar nicht umfangreich und bestand vor allem aus Schautafeln, einigen ausgestellten Büchern und einer Videosequenz. Doch der Eintritt war immerhin frei und das abendliche Rahmenprogramm interessant, unter anderem erzählte Franz Rottensteiner über seine Arbeit. Ich war zu dieser Zeit abends fast immer allein und wollte natürlich die Chance, den Herausgeber „der schwarzen Bücher mit der rosa Schrift“ (gemeint ist das Reihendesign der Phantastischen Bibliothek Suhrkamp, die mir seit meiner Jugend interessante Lesestunden beschert) „in echt“ zu sehen.
Nach dem Vortrag – der übrigens sehr interessant war – stellte sich ein Mann bei der Organisatorin vor. Viktor Farkas!

Natürlich wurde ich hellhörig, wagte es aber kaum, mich selbst zu erkennen zu geben. Viktor war von Anfang an sehr freundlich und erinnerte sich auch, wer ich war. Für mich war das ein tolles Erlebnis und auch prägend für mich als Autorin, da es das erste Erlebnis mit einem bekannten Namen aus der Phantastik-Szene war. Ich hatte damals einen gewissen Scheu vor persönlichen Kontakten und großen Respekt vor Autoren, die bereits größere Erfolge zu verzeichnen hatten. Der Respekt ist zwar geblieben, doch mir ist klargeworden, dass fast ausnahmslos alle Autoren durchaus freundliche Menschen jenseits jeglicher Starallüren sind, was die Zusammenarbeit und den Kontakt in die Szene wesentlich erleichtert hat!

Science-Fiction-Gruppe Wien

Dennoch sollte es bis 2009 dauern, bis ich Viktor wiedersah. Ich hatte zwar wiederholt die Versicherung erhalten, ich könnte doch einfach mal bei der Science Fiction Gruppe Wien vorbeischauen, hatte mich aber nie getraut. Ich wusste schließlich, dass es eine traditionsreiche Gruppe mit erfahrenen Szenisten und bekannten Persönlichkeiten ist, da wollte ich mich einfach nicht allein dazugesellen.

Erst als der Verein „Earth Rocks“ sein Treffen zusammen mit der Gruppe ankündigte, schaffte ich es endlich. Wie sich gezeigt hat, eine gute Entscheidung: Ich gehe inzwischen immer, wenn ich nicht gerade verreist bin, zu den monatlich stattfindenden Treffen, habe neue Freundschaften geschlossen und bin hinterher immer extrem motiviert, „mein Ding“ durchzuziehen.

Farkas und Horvath

12. Oktober 2006: Viktor Farkas (vorne) und Nina Horvath (rechts) bei der Präsentation von „Fantastisches Österreich“ in Walter Robotkas Buchhandlung „Mord und Musik“

Aber zurück zu dem Tag: Ich begegnete Viktor noch in der U-Bahn. Da ich mir sicher war, dass ein Mensch wie er in dieser Gegend nur zum Treffen der Science-Fiction-Gruppe Wien wollen konnte, sprach ich ihn an, in der Hoffnung, dass er mir den Weg weist. Das tat Viktor auch – und mehr als das. Ich hatte wegen einer Reise, die ich gleich im Anschluss daran antreten wollte (mit Zwischenstopp bei meinen Eltern), einen Koffer dabei und Viktor bot an, ihn für mich zu tragen. Was ich selbstverständlich ablehnte. Schließlich war Viktor zu der Zeit schon ein älteres Semester, dazu nicht sonderlich groß und schmächtig gebaut. Also mehr die Art von Mann, dem man in der Straßenbahn seinen eigenen Sitzplatz anbieten würde. Er aber riss mir mit den Worten „Die modernen Frauen heutzutage!“ das Gepäckstück förmlich aus der Hand und scherzte dann, dass das Schlimmste, was ihm schließlich passieren könnte, wäre, dass seine Arme immer länger würden, bis man ihn schließlich mit einem „Orang-Utan verwechseln könne“.
– Ja, so war Viktor. Ein Gentleman der alten Schule und wie ich später festgestellt habe, häufig zu Scherzen aufgelegt, die er jedoch häufig völlig ernsthaft vortrug und zu denen er erst mit Verzögerung und meist recht dezent lachte. Ich hatte immer das Gefühl, dass er sich mehr freute, wenn jemand anderer seinen Spaß hatte, als sich selbst gehen zu lassen.

Umstrittener Autor

In Zusammenhang mit seinem Tod wird mitunter auch die Betonung darauf gelegt, dass er zu Lebzeiten umstritten war.
Ich hatte da einen anderen Eindruck: Selbstverständlich glaubte nicht jeder an das, was er in seinen Büchern geschrieben hat, immerhin waren da durchaus auch wilde Verschwörungstheorien dabei. Doch selbst als Skeptikerin gegenüber jeglicher Art des „Übersinnlichen“ muss ich eingestehen, dass seine Argumente Hand und Fuß hatten. Und vor allem: Viktor war sensibel genug, um jemanden, der sich bei den Themen sichtlich unwohl fühlte, auch nicht weiter zu bequatschen. Umso mehr schien er sich darüber zu freuen, wenn jemand mit ihm diskutieren wollte – auch über andere Themen, er las ja unglaublich viel und hatte ebenso viel Freude mit DVDs – dann lief er zu Höchstleistungen auf. Ich erinnere mich an eine Szene, wo er sich im Anschluss an einen Vortrag zu Wort meldete: Obgleich es ein vergleichsweise banales Thema war (es ging wohl darum, ob ein bestimmtes Werk zu den besten des Autors Arthur C. Clarke zählt oder nicht), steigerte er sich so in die Sache hinein, dass er aufsprang und das Wortgefecht im Stehen weiterführte!

Obwohl Viktor zuletzt schwer von seinen gesundheitlichen Problemen gezeichnet war – er musste erst eine schwere Herzoperation überstehen, dann eine Chemotherapie – ist das genau die Art, die so typisch für ihn war und die er bis zuletzt beibehielt. Die Kraft, die er in seine Worte legte, hat mich schwer beeindruckt und schnell vergessen lassen, dass er laut seines biologischen Alters tatsächlich mein Vater (eventuell sogar mein Großvater) hätte sein können. Wenn er über Dinge sprach, die ihm am Herzen lagen, blühte er auf und sprach mit einer geradezu jugendlichen Energie aus, was er dachte. Und so möchte ich auch, dass wir uns an ihn erinnern: An einen dynamischen und versierten Diskussionspartner, einen ungeheuren Fan von Science Fiction und einen bis zuletzt unermüdlich arbeitenden und erfolgreichen Autor.

Nina Horvath

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Eine Antwort auf Unermüdlich bis zuletzt: Viktor Farkas

  1. RoM sagt:

    Ein schönes wie gelungenes in memoriam . Ausführlich ohne ausufernd zu sein. Positiv, aber nicht verklärend. Beruhigend, wenn man/frau solche Eindrücke hinterlaßen kann. Grüße gen Austria.