Echtes 1973: „Bloß weg hier!“
von Frank Böhmert

Frank Böhmert - „Bloß weg hier!“Wir leben in guten Zeiten. Hierzulande, wo es fließend sauberes Wasser und Strom und Essen und all das gibt. Ich kann ein Buch lesen und spontan meine Empfindungen dazu per Twitter in den Äther schicken. Und sofort Antworten erhalten von dem Mann, der das Buch geschrieben hat, dieses Buch über eine Kindheit in West-Berlin. Und per Twitter die Frage diskutieren, ob es auf Seite 94 oben ein Tempus-Problem gibt oder nicht. So viel sei gesagt: gibt es nicht. Aber man könnte trefflich über die Erzählperspektive streiten, übers Handwerk also. Machen wir später. Beschäftigen wir uns zuerst mit dem Wesentlichen.

Unseren jugendlichen Lesern sei verraten, daß es Zeiten gab, da man nicht einfach so nach Berlin fahren konnte. Als Wessis, die so alt sind wie der Berliner Frank Böhmert, der Autor von „Bloß weg hier!“, Jugendliche waren, da lag Berlin, West-Berlin also, in der „Zone“, „drüben“, was ungefähr gleichbedeutend war mit „auf dem Mond“, denn um da hinzukommen, mußte man Leib und Leben riskieren und an der halben Sowjetarmee vorbei durch ein feindseliges anderes Deutschland fahren, wo sie nur darauf warteten, daß man einen Fehler machte, damit sie einen einkassieren konnten – hat man alle Nase lang gehört, daß es Leute gab, die von der Transit-Autobahn verschwunden sind, die nie wiedergekommen sind, echt!

So ungefähr fühlte sich das an, wenn man als Zehntkläßler Anfang der 80er die obligatorische Bildungsfahrt ins geteilte Berlin unternahm, in dieses Eiland der Coolness, diesen kümmerlichen Rest einer verfemten kaiserlichen Vergangenheit (Nazideutschland war auf allen Wahrnehmungsebenen eine Ausnahmeerscheinung, ’45 gottlob mit allem Dreck verbrannt – was für ein Irrtum!), dahin, wo es echte Punks gab, nicht nur diese Kopien aus den Kölner Vorstädten, die sich auf der Domplatte mit glattgescheitelten Poppern prügelten, und Neon-Kneipen und besetzte Häuser und das Multikulti-Wunder Kreuzberg – unsere Lehrer zählten merklich zu denen, die die 68er Prügelknaben angehimmelt hatten …

Wir befinden uns im Herbst 1973. Ölkrise. Oliver Karsunke hat wieder mal Streß in der Schule. Olli ist ein bißchen dick, nicht gerade der Klassenheld, aber er hat eine freche Schnauze und ordentlich Wumms in den Fäusten, er kann sich wehren, hat vor niemandem Angst, auch nicht vor Lehrern. Er träumt davon, berühmt zu werden, daß ihn jemand wahrnimmt. Doch er ist allen egal, sogar seinen Eltern. Denkt er jedenfalls.
Eines Tages haut er aus der Schule ab, streunt umher und trifft im Grunewald auf den „Brillenbubi“ Bernd, der sich verlaufen hat, während er mit seiner Klasse einen Ausflug macht. Und weil Bernd indirekt daran schuld ist, daß Ollis Schrippen in den Dreck fallen, droht Olli dem Verlorenen Prügel an. Kein guter Start. Unglaublicherweise rauft sich diese Zufallsbekanntschaft zusammen und Olli erbietet sich, Bernd den Weg nach Hause zu zeigen. Ausgerechnet nach Kreuzberg …

In der Folge erleben die beiden eine Kette kleiner Abenteuer, während sie sich auf Umwegen dem Ziel nähern. Natürlich wird Bernd längst vermißt, was die Rettungsaktion noch erschwert und um Komplikationen bereichert. Währenddessen lernen wir eine ganze Menge über die deutschen 70er und etwas über die Berliner 70er – das ist nicht immer dasselbe gewesen. Und der Text ist so voller halbverschütteter Details, daß ich sofort nachschauen muß, ob dieses und jenes wirklich so gewesen ist …
Tubifex? Als alter Aquarianer denke ich da sofort an Würmer. Bei Böhmert wird das zum Synonym für Flockenfutter. Aber das war doch dieses Tetrazeugs, oder war das in Berlin anders? Daß Nunchakus irgendwann cool waren, weiß ich noch, die haben wir uns aus Besenstielen und Kettenstückchen selbstgebastelt, aber gab es 1973 schon ein Waffenproblem an deutschen Schulen? Vielleicht war das in Berlin anders … Daß Oliver Karsunke mit seinem Hang zum Altertumsforscher über Dendrochronologie Bescheid weiß, finde ich dagegen gar nicht verwunderlich. C.W. Cerams populäre Bücher waren damals gängige Geschenke. Und die Sache mit dem Anrufbeantworter (in der Tat ein seltenes Ding in kleinbürgerlichen Familien), oder daß das Baujahr einer Bahnstation bekannt ist, oder das mit den Werwölfen …
Ich atme durch, lasse den Kleinkrieg mit den Details und konzentriere mich auf die Geschichte. Die hält im kleinen Rahmen Entwicklung für mich bereit, bietet ihren beiden Hauptfiguren die Chance, Chancen wahrzunehmen und Herausforderungen zu bestehen. Nur ein Tag im Leben zweier Jungs, aber ein wichtiger Tag voller Fehler und der Gelegenheit, was richtig zu machen. Dieser Aspekt hat mir wirklich gut gefallen!

Warum aber habe ich dieses seltsam unzufriedene Gefühl, als ich das Buch zuklappe? Es sieht alles rund aus: die äußerst gefällige Verpackung (Golkonda überzeugt mit liebevoller Ausstattung!), eine gefühlvoll formulierte Erzählung, die ein stimmiges Schlaglicht auf eine seltsam graubraune Zeit in unserer Vergangenheit wirft (irgendwann kurz vor dem Anbruch des Heute), ich bin ansatzweise dabei, wünsche Bernd, daß er gesund bleibt, und Olli, daß ihm endlich jemand zuhört, wirklich zuhört. Aber ich bin nicht wirklich drin in der Geschichte, so wenig, daß mich Fragen nach der Plausibilität irgendwelcher zweifelsohne gut recherchierter Details rausreißen.
Daß ich auf Seite 94 oben ein Tempus-Problem vermute, liegt daran, daß Olli selbst erzählt, und zwar der erwachsene Oliver Karsunke. Der sich unablässig selbstreflektierende Oliver Karsunke quatscht immer wieder in die Olli-Geschichte rein und das stört mich. Mich interessiert Olli in seinem Universum, in seinen kleinen Welten: das kleine West-Berlin, dieser fragile Mikrokosmos, der sich sogar ein Stück Autobahn leistet (die aber viel älter ist als die Teilung – wissen wir), die kleine Olli-Welt mit den ignoranten Eltern, den verhaßten Lehrern und den zu wenigen Freunden, das nach innen gekehrte kleine Olliversum voller Träume (einer wie Schliemann werden, Schlagzeilen in der B.Z. kassieren) – die Kommentare des großen Oliver brechen diesen kleinen Kreis immer wieder auf.
Als einleitenden Erzähler und als Autoren des Epilogs hätte ich den großen Karsunke hingenommen, doch mittendrin führt seine Anwesenheit und Besserwisserei dazu, daß die Geschichte immer wieder aus dem Tritt gerät und gefühlt in Häppchen zerfällt.

Und? Ich kann „Bloß weg hier!“ als Dokument empfehlen. Es ist ein authentisches, nachvollziehbares Stück (wem der Angriff auf die Bande ein wenig dick aufgetragen erscheint, dem sei gesagt, daß auch ein fiktiver Alltag ein wenig Heldentum verträgt), geeignet, Erinnerungen zu wecken, die einem wie Nachrichten aus einer fernen, surrealen Vergangenheit erscheinen. Meine einzige Kritik beschäftigt sich mit Stilmitteln und das ist so, als hätte ich dieses zu Brauntönen vergilbte Farbfoto in der Hand und ärgerte mich über die mit Kuli draufgekritzelte Notiz – an dem Bild ändert das nichts.

1973 bin ich auf der Autobahn Rollschuh gelaufen. Ich hatte es vergessen. Jetzt weiß ich es wieder. Danke.

Manfred Müller

Frank Böhmert
„Bloß weg hier!“
Golkonda Verlag, Berlin, D 2011
Klappbroschur, 138 Seiten
ISBN 978-3-942396-10-3
€ 14,90

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Über muellermanfred

Manfred schreibt seit 1989 für den Fandom Observer und hat das Heft von 1992 an ein paar Jahre lang als alleiniger Chefredakteur betreut. Kümmert sich heute vor allem um den FO im Internet. Beruf: Grafiker. Fährt gern Rad.
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