Historisches Fantastisch angereichert:
Mark Bredemeyers „Runenzeit“

Mark Bredemeyer - „Runenzeit 1 – Im Feuer der Chauken“Germanen – kennt jeder: Ungewaschene Barbaren, die mit wilden Schreien aus dem Unterholz hervorspringen und ohne Sinn und Verstand ihre Gegner angreifen. Eventuell noch die Stichworte „Hammer“, „Wotan“, „Runen“ und dazu den Gedanken, dass es bestimmt was mit den alten Nazis zu tun hat. Die waren ja ganz wild danach. Man geht also meist etwas vorsichtig an dieses Thema heran, doch bei der vorliegenden Trilogie ist das völlig unnötig, ganz im Gegenteil lädt sie dazu ein, sich intensiver mit einer faszinierenden und zu Unrecht selten beachteten Epoche zu befassen.

Ohne zu viel vom Inhalt zu verraten und damit Spannung und Lesevergnügen vorwegzunehmen, darf man erwähnen, dass die Trilogie von dem Studenten Leon Hollerbeck handelt, der einen gemütlichen Abend mit seiner Freundin in seinem kleinen, rustikalen Häuschen in der Gegend von Bremen verbringen möchte, als plötzlich sein Leben auf den Kopf gestellt wird. Durch eine Erscheinung in seinem ­Kamin wird er an einen anderen Ort versetzt, an dem alle Leute seltsam gekleidet sind und eine ihm unverständliche Sprache sprechen. Zuerst davon überzeugt, in die Hände krimineller Spinner gefallen zu sein, die in komischen historischen Verkleidungen durch die Gegend rennen, wird ihm schließlich nach und nach klar, dass die Wirklichkeit doch anders ist, als er sich das denkt.
Von einem Schmied vom Stamm der Chauken aufgenommen, der ihm nach und nach die Grundlagen des einfachen Lebens und vor allem die Sprache beibringt, erkennt er schließlich, dass er sich zwar geographisch nicht vom Fleck gerührt hat, er aber auch nicht mehr in der bisherigen Gegenwart ist. Das Land nennt sich nicht Deutschland, es wird noch als Germanien bezeichnet, das Jahr ist 1 nach Christus. Ohne zu wissen, warum er von der Erscheinung in seinem Kamin in die Vergangenheit versetzt wurde, bleibt ihm nichts anderes übrig, als sich mit den Umständen abzufinden und zu lernen, unter diesen Umständen zu überleben.

Mark Bredemeyer - „Runenzeit 2 – Krieg um Germanien“All das, worüber wir uns heutzutage kaum Gedanken machen – Feuer, Nahrungsmittel, vor allem aber der Umgang mit Waffen zur Jagd oder der Verteidigung – muss erlernt werden, wobei sich schnell eine Freundschaft zu dem Schmied aufbaut. Auch einen neuen Namen erhält er, da sein eigentlicher Name Heiterkeit bei dem Germanen auslöst. Fortan wird Leon Hollerbeck Witandi genannt, was soviel wie „Der Wissende“ ­bedeutet.
Schließlich brechen sie zu einer großen Versammlung, einem Thing, auf, in dessen Verlauf er in eine Schlacht mit den Römern gerät. Hier lernt er, dass für uns unbedeutende Hilfsmittel wie eine Taschenlampe für diese einfachen Menschen wie das Werk von Göttern aussieht. Doch seine Taschenlampe ist nicht das einzige Artefakt, was in dieser Schlacht eingesetzt wird. Gibt es noch weitere Personen, die fremd in dieser Zeit sind? Anders als bei anderen Zeitreiseabenteuern aus Film und Literatur hat Leon Hollerbeck kein modernes Arsenal zur Verfügung, die vergleichsweise wenigen Artefakte, die in der Vergangenheit landeten, werden recht plausibel in die Geschichte eingebaut, zwar mit mächtigen Auswirkungen, aber durchaus mit Beschränkungen.

Mark Bredemeyer - „Runenzeit 3 – Der Aufstieg des Arminius“Im Lauf der Geschichte erlebt man nun mit, wie Witandi sich immer mehr in den Stamm der Chauken integriert, freundschaftliche, aber auch romantische Beziehungen aufbaut, schließlich eine Familie gründet. Eingestreut werden auch die Schicksalswege seiner Freundin, die es ebenfalls in die Vergangenheit verschlägt und des mysteriösen Bliksmani, der angeblich göttliche Blitze schleudern und so seine Feinde vernichten kann. Alte Prophezeiungen, magische Rituale und Weissagungen durch Runenwürfe bestimmen das Leben der Menschen, und so reisen Witandi und auch Bliksmani, deren Schicksale miteinander verbunden sind, zurück in die Zeit, aus der sie kamen, wenn auch nicht beide freiwillig. Hier haben beide mit unterschied­lichen Problemen zu tun, unter anderem mit der durchaus berechtigten ­Frage, was das Verschwinden einiger Personen zu bedeuten hat. Aber kann man wirklich die Wahrheit erzählen?
Als es ihnen dann gelingt, wieder in die Zeit der Germanen zurückzukehren, reist Witandi der Familie seiner Frau hinterher, die auf der heiligen Bernsteininsel den Winter verbringt. Auf dem Weg treffen sie auf Iren, werden von Römern überfallen, doch schließlich kommen sie an ihrem Ziel an.
Nach dem Ende des Winters beginnt die Rückreise in das Stammesgebiet der Chauken, doch die Familie wird überfallen und gefangengenommen. Nach ihrer Flucht treffen sie auf ein römisches Heer, begegnen wieder Bliksmani, der diesen Namen ablegt und fortan Arminius genannt wird. Chattische Sklavenhändler und andere Gefahren verzögern ihren Weg, während um sie herum sich alles dem Zeitpunkt eines zumindest für Germanien bedeutenden Ereignisses nähert. Aber ich möchte auch nicht zu viel verraten.

Auch die historischen Zusammenhänge und Hintergründe sind genau und sauber recherchiert und werden selbst durch die technischen Zukunftsartefakte nicht ins Rutschen gebracht. Die bekannte Geschichte nimmt ihren gewohnten Verlauf und wird nicht wie in den meisten vergleichbaren Settings abgewandelt. Mit Geschick und einem guten Blick für Details hat der Autor es verstanden, selbst eine Taschenlampe in die quellenbedingten Lücken einzupassen und daraus eine Erzählung zu weben, die sich gut und stimmig liest. Es bleibt immer spannend, viele überraschende Wendungen machen es zu einer kurzweiligen Lektüre und die immer wieder eingestreuten kulturellen Informationen lassen auch den Lern-Aspekt nicht zu kurz kommen.

Mark Bredemeyer

Mark Bredemeyer

Von den ersten Seiten an wird der Leser mitgenommen auf eine spannende und amüsante Reise, die durch die Verwendung von Fußnoten wenig Fragen offen lässt. Anfangs war ich durch diese Fußnoten, die eher in ein geschichtliches Werk zu gehören scheinen, etwas überrascht, aber man akzeptiert sie schnell, da durch sie die Texte lebendiger werden können. Je nachdem, wer einen Fluss, einen Landstrich oder ein Ding anspricht, werden germanische oder römische Namen und Begriffe verwendet, die dann durch entsprechende Fußnoten ­direkt dem Leser erklärt werden. Kein Blättern an das Ende des Buches, um in einem Glossar nachzuschlagen, eine wirklich gute Idee. Was nicht bedeutet, dass am Ende der Bücher keine Informationen dem interessierten Leser gegeben werden, ganz im Gegenteil. Eine Beschreibung der verschiedenen Germanenstämme, Orte, historischen ­Personen und der germanischen sowie ­römischen Götterwelt vervollständigen zusammen mit den vom Autoren selbst angefertigten Karten das rundum gelungene ­Vergnügen.

Eine faszinierende historische Epoche wird hier sparsam mit fantastischen Elementen angereichert, um ein spannendes Abenteuer vermischt mit einer sehr schönen ­Liebesgeschichte zu erschaffen, die genug Überraschungen bereithält, um das Lesevergnügen bis zum Schluss nicht zu beeinträchtigen.

Mein einziger Kritikpunkt ist die Erzählperspektive. Die Erzählung soll eine Aufzeichnung des Leon Hollerbeck sein, weswegen alle Teile, die er direkt erlebt, in der Ich-Perspektive geschrieben sind. Der Rest der Erzählung, den er eigentlich so dann nicht wissen kann und der folglich auch nicht enthalten sein dürfte, ist in der üblichen Erzählerperspektive gehalten. Mag an meinen persönlichen Vorlieben liegen, aber in diesem Punkt klemmt die Logik, die hier zugrunde gelegt werden soll.

Eine der besten Geschichten, die ich in den letzten Jahren gelesen habe und von mir wärmstens empfohlen.

BERND MEYER

Mark Bredemeyer – „Runenzeit 1 – Im Feuer der Chauken“
A5, gebunden, 464 Seiten, ISBN: 978-3-941757-18-9

„Runenzeit 2 – Krieg um Germanien“
A5, gebunden, 528 Seiten, ISBN: 978-3-941757-19-6

„Runenzeit 3 – Der Aufstieg des Arminius“
A5, gebunden, 512 Seiten, ISBN: 978-3-941757-26-4

Dresdner Buchverlag, je € 24,90

 

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Eine Antwort auf Historisches Fantastisch angereichert:
Mark Bredemeyers „Runenzeit“

  1. Schreibtechnisch gibt es in der Tat einiges zu bemängeln, nicht nur die inkonsequente Erzählperspektive.

    Gerade die spröde, nüchterne, manchmal übertrieben umständliche und bürokratisch anmutende Sprache macht das Eintauchen in die Geschichte sehr schwer. Ein eleganter Stilist ist Bredemeyer wirklich nicht.

    Handwerklich greift er auch daneben: ein Wunder, daß Hollerbeck überhaupt studieren konnte, so armselig ist seine Allgemeinbildung, daß er, als jemand aus dem medial von allerhand phantastischen Ideen durchdrungenen 21. Jahrhundert, Wochen braucht, um auch nur zu ahnen, daß er in der Vergangenheit gelandet ist. „Romani“ ist ja spätestens seit den 80er Jahren ein weltweit geläufiges Synonym für „Römer“ – man denke an „Romani ite domum“ und schreibe das nun hundertmal ans Haus …

    Die Darstellung des Kontrastes zwischen Menschen aus der Gegenwart und denen aus der Vergangenheit gelingt ihm eindrücklich. Was ich jedoch überhaupt nicht abkann, sind die Passagen voller Infodump, die er einschiebt. Die Umgebung und die Fakten hätte er für sich wirken lassen können – die noch unbekannten Informationen hätten vollauf genügt, den rätselhaften Charakter der Zeitreise zu illustrieren. Stattdessen macht Bredemeyer aus seinen Hauptfiguren begriffsstutzige Deppen und läßt einen Centurio gedanklich erstmal die römische Heeresorganisation dozieren …

    Gerade lese ich Band 1 und habe gerade die Einsatzbesprechung für die Razzia auf dem Waffenmarkt miterlebt. Ich hoffe mal, das Ganze nimmt noch Fahrt auf und gewinnt handwerklich an Qualität, sonst müßte ich das Ganze als in die Länge gezogenes Edutainment abhaken.

    P.S.: Daß der Autor Augusta Treverorum an den Rhein versetzt, ist natürlich unverzeihlich!