Nichts für Hypochonder: „Contagion“

ContagionSteven Soderbergh fasst gerne mal heiße Eisen an. In Filmen wie »Der Informant«, »Traffic – Macht des Kartells« oder »Erin Brockovich« widmete sich der Amerikaner aktuellen gesellschaftlichen Themen; seine Werke beruhen oft auf wahren Begebenheiten. Mit »Contagion« (englisch für Ansteckung, Infektion) wendet sich der Regisseur, Produzent und Autor einer sehr realen, und in den letzten Jahren durch Schlagworte wie Vogelgrippe, SARS, Schweinepest oder BSE ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gerückten Gefahr zu: Der durch die Globalisierung geförderten Ausbreitung einer tödlichen Infektionskrankheit mit Millionen von Todesopfern!

Schon im Vorfeld des Films wurde dessen angebliche wissenschaftliche Präzision gelobt, und tatsächliche gelingt es Soderbergh gut, die komplexen medizinischen Zusammenhänge während einer möglichen weltweiten Epidemie in eine spannende Handlung zu integrieren. Der Regisseur konzentriert sich dabei immer wieder auf Einzelschicksale und macht dadurch die Dramatik für den Zuschauer auf einem sehr persönlichen Level erfahrbar. Dazwischen sorgen dokumentarisch gefärbte Sequenzen für die Vermittlung des zum Verständnis ­nötigen Detailwissens.

»Contagion« ist ganz sicher keine luftige Samstagabendunterhaltung. Die Bedrohung, die er aufzeigt, ist real und kann uns jederzeit treffen. Einen Ausweg bietet er nicht, weil es keinen gibt. Unser Planet ist zum Dorf geworden, und jeder Händedruck, jedes Niesen, jede Berührung kann die globale Katastrophe einleiten. Der Mensch ist von Natur aus ein Infektionsherd und ein perfekter Brutkasten für alle Arten von Erregern. Die Tatsache, dass er innerhalb weniger Stunden gewaltige Entfernungen zurücklegen, und diese Erreger in rasendem Tempo rund um den Erdball verbreiten kann, macht die Sache nicht einfacher.

Da ich selbst seit rund 20 Jahren in der Pharmazeutik tätig bin, berührt mich der Film möglicherweise stärker als viele andere, denn ich habe die für unsere Verhältnisse oft unfassbaren hygienischen Zustände in anderen (auch europäischen) Ländern mit eigenen Augen gesehen. Doch auch der Laie sollte durch die nicht so sehr schockierenden, als vielmehr sehr aufwühlenden und intensiven Bilder einen Eindruck davon gewinnen, dass wir in Deutschland und vielen anderen modernen Industrieländern auf einer Insel leben. »Contagion« kratzt an der Selbstverständlichkeit unseres Wohlstands ebenso wie an der Arroganz, mit der wir diesen als alltäglich und gottgegeben hinnehmen.

Wer sich den Film ansieht, sollte sich bewusst sein, dass er keine leichte Kost serviert bekommt. Hypochonder sollten um das Kino ohnehin einen großen Bogen machen. Allen anderen sei gesagt: Ja, die in »Contagion« entwickelte Zukunft könnte eines Tages so eintreffen. Aber eine erkannte Gefahr, so sagt man im allgemeinen, ist eine schon halb gebannte Gefahr.

Rüdiger Schäfer

»Contagion«
Kino, 105 min.
FSK 12

 

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