Perry Rhodan NEO: Die Zukunft beginnt von vorn!

PR NEO 1: Frank Borsch - „Sternenstaub“Nach der obligatorischen Schonfrist von knapp 100 Tagen hat sich Clemens ­Nissen das Projekt Perry Rhodan NEO angeschaut. Hier ist sein Fazit.

Im Jahre 1961:
Die Berliner Mauer entsteht. Das Wettrüsten hält die Welt im Würgegriff. Die Grauen des Zweiten Weltkrieges sind noch frisch in Erinnerung. Atomwaffen und ideologische Konfrontation beschwören die Gefahr herauf, dass ein dritter ausbricht, der den gesamten Planeten unbewohnbar machen könnte.

Zwei deutsche Science-Fiction-Autoren, Karl-Herbert Scheer und Walter Ernsting, versuchen, eine neue Heftromanserie ins Leben zu rufen. Sie träumen davon, ein Mensch, der sich von den Machtblöcken lossagt, könnte dem Wahnsinn mit Hilfe von Außerirdischen ein Ende bereiten und die Menschheit einen: Perry Rhodan. Sie lassen den Risikopiloten der US Space Force den ersten bemannten Flug zum Mond antreten, und dort trifft er auf Außerirdische, die technisch weit überlegen sind – aber lethargisch, weil sie sich in Videospielen verlieren. Es gelingt ihm, den Expeditionsleiter der Arkoniden für sich zu gewinnen, und so gründet er mit ihrer Technik in der irdischen Wüste Gobi ein eigenes, kleines Machtzentrum, das zunächst unangreifbar erscheint und von dem letztlich Friede, Eintracht und die Zukunft der Menschheit ausgehen.

Scheer und Ernsting dürften sich gedacht haben: Es ist ein Versuch, und wenn die Serie sich nicht verkauft, dann haben wir eben Pech gehabt. Sie packen die Leser bei ihrer Sehnsucht und fesseln sie mit einer phantastischen Vision: Eine solche Erlösung von der waffenstarrenden Konfrontation erscheint angesichts der Ausweglosigkeit der politischen Großwetterlage wie der Wunschtraum schlechthin. Noch 999 Hefte später ist er nicht ausgeträumt; Roman Nr. 1.000 mit dem Titel „Der Terraner“ setzt der Idee einer friedlichen, geeinten, freien Menschheit, die nach den Sternen greift, ein Denkmal. Geschrieben ist er von William Voltz, der die Serie tiefgreifend ändert: Anstelle flotter Action setzt er auf philosophie­schwangere Mysterien. Der neue Kurs entfacht Begeisterungsstürme. Und die Geschichte geht weiter …

Im Jahre 2011
PR NEO 02: Christian Montillon - „Utopie Terrania“50 Jahre und 2.600 Romane nach dem Serienstart. Der Kalte Krieg ist vorbei, Deutschland wiedervereint. Die Russen sponsern Schalke 04. China unternimmt Stützungskäufe, um westlichen Währungen beizustehen. Eine neue technische Revolu­tion ist über die Menschheit hereingebrochen: Der Siegeszug des Computers. Virtuelle Spiele und Ersatzwelten schlagen viele Menschen in ihren Bann, mancher wird süchtig und versinkt so in Lethargie, wie Scheer und Ernsting es zur Zeit von Schreibmaschine und Rechenschieber ­Außerirdischen angedichtet haben.
Die Perry-Rhodan-Serie läuft und läuft. Aber in gewisser Weise ist sie überholt. Bei der realen ersten Mondlandung anno 1969 trafen Armstrong und Aldrin nicht auf Extraterrestrier, und der Trabant ist der einzige Himmelskörper, den Raumfahrer der Erde bisher angesteuert haben. Der Wettlauf ins All ist beendet. Der Ehrgeiz der Supermächte, einander dort zu übertreffen, findet allenfalls noch in einer satellitengestützten Raketenabwehr Ausdruck, und Außerirdische, die die Menschheit aus ihrer Lethargie wecken und ins Weltall locken könnten, haben sich weder eingefunden noch gemeldet. Eine internationale Raumstation kreist über der Erde, einerseits ein Symbol für neue Formen der Zusammenarbeit, andererseits ein Zeichen für Stagnation in der technischen Entwicklung.

Viele Schriftsteller der Perry-Rhodan-Serie, auch die beiden Gründerväter und William Voltz, leben nicht mehr, jüngere haben ihren Platz eingenommen. Das Team zählt mittlerweile elf Autoren. Und die Serie ist darauf angewiesen, dass sich auch die Leserschaft verjüngt. Dabei will man nicht im Niveau nachlassen, sondern Marke sowie Identität erhalten und Neulesern ein gutes Angebot unterbreiten. Nach langem Hin und Her ringen sich die Macher dazu durch, die Handlung neu starten zu lassen: Perry Rhodan NEO.

Der Name mag aus Trotz gewählt sein angesichts der leidigen Erfahrung, dass wegen harter Action-Sequenzen Faschismus-Vorwürfe aufgekommen waren. Aber eigentlich sind diese Gerüchte mittlerweile verstummt. Und dass jetzt eine Zwickauer Terrorzelle das Phänomen der Neonazis ins öffentliche Bewusstsein rückt, könnte den Trotz zum Problem werden lassen – immerhin sollen ausgerechnet Neuleser erkennen, dass das NEO bei Perry Rhodan nichts mir Rechtsradikalismus zu tun hat, sondern nur „neu“ heißt. Aber wie stehen die Zeichen? Beginnt wirklich – wie im Untertitel behauptet – die Zukunft von vorn?

Perry Rhodan NEO greift die alte Handlung wieder auf und verlegt sie in das Jahr 2036. Natürlich ist der bemannte Flug zum Erdtrabanten nun kein erster mehr, sondern es existieren – optimistisch angenommen – Mondstationen. Und trotzdem kommen sie wieder an, die Außerirdischen. Und es sind erneut die irdischen Großmächte, die sich an dem kleinen Machtzentrum in der Wüste Gobi die Zähne ausbeißen.

Die Autoren stecken in der Zwickmühle: Einerseits dürfen sie die Vergangenheit einer phänomenalen Erfolgsgeschichte nicht völlig umschreiben, wollen sie sich nicht dem Vorwurf aussetzen, Geschichtsklitterung zu betreiben wie das „Ministerium für Wahrheit“ in George Orwells „1984“. Andererseits präsentieren sie dem heutigen Leser eine Handlung, die vor fünfzig Jahren ersonnen worden ist und damals den Nerv der Zeit traf – die gegenwärtigen politischen Verhältnisse aber nicht mehr im Kern trifft.

Zu allem Überfluss starten sie nicht nur eine kleine Versuchsrakete, sondern operieren an einem mittlerweile titanischen Unternehmen. Die Verantwortung lastet tonnenschwer auf ihren Schultern. Im ersten PR-Neo-Roman „Sternenstaub“ von Frank Borsch merkt man es daran, wie Perry Rhodan die Arkoniden um Einlass in ihr Raumschiff bittet: Was da aus seinem Raumhelm dringt, mutet an wie eine Rede vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen. Bei soviel Druck muss es einen Zusammenbruch geben – oder einen Durchbruch.
Was hat den Kalten Krieg beendet? Was rettet Perry Rhodan NEO? Der menschliche Faktor!

Es sind verdammt gute Autoren, die die Geschicke der neuen Serie bestimmen. Schon am Schluss des ersten Romans nimmt die Handlung Fahrt auf, und im zweiten hat man vollends den Eindruck, dass sie sich freigeschwommen haben. In „Utopie Terrania“ von Christian Montillon tobt ein Nervenkrieg zwischen dem chinesischen General Bai Jun und Perry Rhodans Getreuen, der vollkommen ursprünglich wirkt, nicht wie ein zweiter Aufguss. Die versteckte Suche des von irdischen Geheimdiensten gehetzten, kranken Arkoniden Crest nach Heilung, die Gegenstand der Folgebände ist, lässt ebenfalls nicht die geringste Patina erkennen.

PR NEO 03: Leo Lukas - „Der Teleporter“Wie gut die Autoren sind, zeigt sich auch darin, wie gekonnt sie alte Motive in einen neuen Kontext betten und aus moderner Warte beleuchten – selbst bei Einführung des Mutantenstadls, pardon: Mutantenkorps. Nein, wissenschaftlich ist es keineswegs, anzunehmen, es würden übernatürliche Begabungen in einer solchen Intensität existieren, dass man sie effektiv als Werkzeug oder Waffe einsetzen könnte. Aber: Gibt es überlichtschnelle Raumfahrt? Eben! Einige Mutanten in Perry Rhodan NEO stammen aus Elendsvierteln, und die Art und Weise, wie man ihre Gabe entdeckt und erforscht, welcher Missbrauch ihnen droht und welche ethischen Probleme ihr Einsatz aufwirft, sind wohl selten so eindringlich beschrieben worden wie von Michael Marcus Thurner in PR NEO Nr. 5 „Schule der Mutanten“. Auf diesen Höhepunkt haben Leo Lukas in Roman Nr. 3 „Der Teleporter“ und Wim Vandemaan in Nr. 4 „Ellerts Visionen“ trefflich eingestimmt. Frank Borsch lässt in Nr. 6 „Die dunklen Zwillinge“ erahnen, welche Funktion den Mutanten noch zukommen wird.

Überhaupt sollte man das NEO nicht zu klein schreiben: Zumindest in diesen ersten Bänden ist die reale Seite, die beschrieben wird, weitgehend unsere Welt, im Wesentlichen unsere heutige, und man erlebt den Genuss, eine phantasievolle, positive Menschheitsvision, wie man sie aus der alten, gewachsenen Perry-Rhodan-Serie kennt, im aktuellen Umfeld ohne ein beiderseits abgehobenes Technologieniveau zu verfolgen. Back to the roots – die Zukunft beginnt von vorn, und zwar heute.

CLEMENS NISSEN S.PS

 

Das könnte Dich auch interessieren:

Abgelegt unter Verlage und getaggt mit , , , , , , , , , . Setz ein Lesezeichen auf den Permalink.

3 Antworten auf Perry Rhodan NEO: Die Zukunft beginnt von vorn!

  1. Gerhard Börnsen sagt:

    NEO ist ein Versuch junge Leser an Perry Rhodan heranzuführen. Man vergißt jedoch, das nicht eine Versetzung der Damaligen Jetztzeit in die Heutige entscheidend ist, sondern die Qualität der einzelnen Romane. Leider hat diese Qualität stark abgenommen. Ein Beispiel: Der Heyne Posbi-Zyklus. Mehr als 250 Seiten hätte man betiteln können als “Das Liebesleben der außerirdischen Kakerlaken”. Nein? Dann lest es selbst und urteilt. Dann die sture 4rer Ebenen-Politik. Bei 4 Ebenen ist man nach 16 Wochen wieder in der Ebene und liest dort weiter. Das macht kein schnellebig moderner Jugendlicher mit. Vor allem wenn die Romane langweilig sind und Personen unrealistisch beschrieben werden. Man will jetzt oder spätetstens nächste Woche wissen wie es weitergeht, nicht erst nach 16 Wochen. Der Inhalt von NEO unterscheidet sich von der Ursprungsserie. Helden werden zu anderen Menschen mit anderen Fähigkeiten. Sie werden zu einem Abklatsch, einem billigen Remake. Umweltprobleme auf der Erde und heutige. politische Situationen? Genau das wollen wir NICHT lesen. Das haben wir jeden Tag in der Realität. Und Änderungen durchführen weil man heute weiß das die Venus keinen Urwalddschungel enthält? Dann könnte man jede 5 Jahre eine Serie umschreiben die immer ein Spiegel ihrer Zeit ist. Eine gute Serie macht es aus, das gute, spannende Romane mit interessanten Abenteuern geschrieben werden. Der Tod einzelner Autoren ist keine Entschuldigung für eigene Unzulänglichkeiten. Fehlt den heutigen Autoren die Lebenserfahrung? Eine Figur nutzt sich nicht ab, so ein Quatsch. Besagter Autor ist nur nicht in der Lage dieser FIgur vernünftiges Leben einzuhauchen. In den letzten Jahren hat man auch alles PR-typische abgebaut. Nicht mehr lange und PR ist nicht mehr von anderen Serien zu unterscheiden. Diese Alleinstellungsmerkmale, gehen sie verloren, führen zur Gleichheit und damit zum Ende. Ich weiß als Kenner der Szene – und da nehme ich kein Blatt vor den Mund, das viele “FANS” die Serie weiter kaufen und ins Regal stellen, aber sie nicht mehr lesen! Für mich trifft zu, dass ich noch einmal von 1 angefangen habe und mein Abbo der Erstauflage nach langen Überlegungen und vielen Mails an die Redaktion gekündigt habe – aus den oben genannten Gründen. Es gäbe noch so vieles darüber zu sagen, aber warum, wenn dem Leser der das Produkt kauft kein Gehör geschenkt wird.

  2. Amtranik sagt:

    Dem Kommentar von Gerhard Börnsen kann ich mich anschliessen. Der Grund für mich die Serie ungelesen ins Regal zu stellen war eben vor allem anderen genau das von Ihm beschriebene Phänomen, das nach und nach und dann immer stärker alles das, was das spezielle Flair einer solch langen Serie ausgemacht hat, verschwunden ist. Somit kein Grund mehr vorhanden war die oftmals unterdurchschnittlichen Romane noch zu goutieren. SF findet man in anderer Form vielfach in weit besserer Qualität. Allerdings hatte die PR-Serie lange Zeit gewisse Alleinstellungsmerkmale. Diese sind für mich völlig verloren gegangen. Ob bewußt oder mit Absicht kann ich nicht sagen. Jedoch ist das was über geblieben ist für mich ein Trauerspiel.

  3. Bruiq Martin sagt:

    Wer diese Romane ungelesen ins Regal stellt, warum kauft er diese dann erst? Die Zeit von PR ist abgelaufen. Die Heftromane siechen dem Untergang entegegen. PRneo ist ein verzweifelter Versuch die Serie am Leben zu halten. Die Zeiten sind dennoch dafür vorbei. Gott sei Dank müssen das die PR-Gründer nicht mehr miterleben, was aus der Serrie geworden ist. Die würden in ihren Gruften rotieren.