Story statt Special Effects: „In Time“

Szenenbild „In Time“Die Idee ist so genial wie simpel: Im Jahr 2161 gibt es kein Geld mehr auf der Erde. Das einzige gültige Zahlungsmittel ist Zeit. Jeder Mensch hört mit Vollendung des 25. Lebensjahres auf zu altern. Statt dessen aktiviert sich eine genetische Uhr (auf der Innenseite des rechten Unterarms). Ein Jahr bekommt man geschenkt. Zusätzliche ­Lebenszeit muss man sich dagegen verdienen – ebenso wie man für alles, was man zum Leben benötigt, bezahlen muss. Ein Kaffee im Restaurant kostet 4 Minuten. Eine Fahrt mit dem Taxi kostet ein paar Stunden. Ein rassiger Sportwagen schlägt mit 56 Jahren zu Buche. Springt die stetig rückwärts laufende Gen-Uhr auf Null, stirbt man.

Andrew Niccol (»Gattaca«) hat aus diesem Plot nun einen reinrassigen SF-Film ­gemacht. Justin Timberland spielt Will Salas, einen gewöhnlichen Fabrikarbeiter in einem der großen Ghettos, wo die Menschen selten mehr als ein paar Tage auf ihrer Lebensuhr übrig haben. Als seine Mutter stirbt, weil sie aufgrund einer Fahrpreiserhöhung des öffentlichen Nahverkehrs nicht rechtzeitig zu Hause ist (Zeit kann problemlos auch von Mensch zu Mensch übertragen werden), beginnt Salas das System in Frage zu stellen und entwickelt einen Plan, es in seinen Grundfesten zu erschüttern …

»In Time« ist ohne Frage ein gut und ­professionell gemachter SF-Film. Er lebt von der Originalität seiner Grundidee, deren Potential allerdings nicht in seiner ganzen Breite ausgenutzt wird. Die massiven kulturellen Veränderungen, die eine Gesellschaft erfährt, für die Lebenszeit zum quantifizierbaren Wirtschaftsgut wird, werden nur angedeutet. Das führt zwar zu einigen ebenso amüsanten wie verstörenden Episoden, bleibt in seiner linearen Inszenierung jedoch zu sehr an der Oberfläche.

Auch der eher banale Plan des Protagonisten, das System durch ein Überangebot an Lebenszeit ins Wanken zu bringen, ist nur bedingt brauchbar. Kein einzelnes Land bringt beispielsweise das globale Finanzsystem zum Einsturz, indem es einfach Geld druckt. Insofern bleibt der Regisseur dem Zuschauer auch eine genauere Erklärung seiner Pointe schuldig, und der Film wirkt am Ende irgendwie unfertig. Dennoch ist »In Time« für SF-Fans ein sicherer Griff, weil er nach langer Zeit endlich einmal wieder versucht, eine Geschichte zu erzählen und nicht mit Bombast-Optik und Computereffekten von der Tatsache ablenkt, dass dem Genre wirklich neue Ideen schon lange ­fehlen.

Übrigens: SF-Autor Harlan Ellison strengte im September 2011 eine Klage gegen die Macher des Streifens an. Angeblich sollen sie sich mit ihrem Drehbuch allzu eng an die Kurzgeschichte »,Bereue, Harlekin!‘ sagte der Ticktackmann« gehalten haben. Nachdem Ellison das Werk jedoch gesehen hatte, zog er seine Klage wieder zurück.

Rüdiger Schäfer

»In Time«
Kino, SF
109 min.
FSK 12

 

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