Zeitreise: „The Artist“

„The Artist“Mit SF im Speziellen oder Phantastik im Allgemeinen hat dieser Film zwar nichts zu tun, doch wenn man über einen schwarz-weißen Stummfilm so viel (positives) liest und er sogar für zehn Oscars (darunter »Bester Film«) nominiert wird, sieht man sich ihn auch als Blockbuster-Junkie ausnahmsweise mal im Kino an – und schreibt natürlich im FO darüber.
Zunächst die Fakten: Für ein Budget von 13,5 Mio. Euro drehte der französische Regisseur und Drehbuchschreiber Michel Hazanavicius in 35 Tagen einen 100 Minuten langen Schwarz-Weiß-Film, in dem (bis auf wenige Ausnahmen) kein einziges Wort gesprochen wird. Der Streifen wurde 2011 in Cannes uraufgeführt. Bis Januar 2012 hatte er weltweit über 27 Mio. US-Dollar eingespielt.

Die Handlung: Man schreibt das Jahr 1927. Der erfolgreiche Stummfilmstar George Valentin (Jean Dujardin) hält den langsam aufkommenden Tonfilm für eine kurze Modeerscheinung und verweigert sich ihm vollständig. Ihm gegenüber steht die unbekannte Peppy Miller (Bérénice Bejo), eine von zahllosen Tänzerinnen, die durch eine zufällige Begegnung mit Valentin über Nacht bekannt wird und sich dem neuen Medium bedingungslos verschreibt. In den kommenden Jahren führt die Karriere Valentins stetig bergab, die der jungen Peppy dagegen steil bergauf.
»The Artist« fällt weder durch eine besonders originelle Handlung, noch durch (rein optisch) beeindruckende Bilder auf. Sein wesentliches Element ist die Stimmung, die er beim Publikum erzeugt, und ich würde lügen, wenn ich behaupte, dass die mich nicht tief beeindruckt hätte.

Ein Stummfilm muss zwangsläufig mit anderen erzählerischen Mitteln arbeiten, als die modernen, mit Ton- und Computereffekten gespickten Kinoproduktionen des 21. Jahrhunderts. Er ist elementarer in seinem Ausdruck, dadurch jedoch nicht zwangsläufig ärmer an Substanz. »The Artist« nimmt den Zuschauer an der Hand und entführt ihn in eine Zeit, in der ein Film noch etwas besonderes war, ein Kinobesuch nicht zum Alltag gehörte und an das heutige Überangebot medialen Entertainments noch nicht einmal im Ansatz zu denken war.

Herz-Schmerz-Geschichten sind normalerweise nicht mein Fall, und doch war auch ich nach zehn Minuten gefangen von einer schwer in Worte zu kleidenden Faszination, von einer selten wahrgenommenen, weil sonst von maximaler Reizüberflutung zerstörten Harmonie zwischen Bildern und Musik. »The Artist« kann sich nicht hinter großen Namen (auch wenn Dujardin und Bejo in Frankreich sehr bekannt sind), bombastischer Ausstattung oder einschüchternder Technik verstecken. Er zeigt, wie das Kino einst war, was es ausmacht, und warum es die Menschen seit einem Jahrhundert in seinen Bann zieht.

Muss man »The Artist« im Kino sehen? Ich glaube schon, denn der große Saal, das gemeinsame Staunen und Erleben, gehören zum Gesamteindruck dazu.
Hat ein schwarz-weißer Stummfilm einen Oscar verdient? Warum nicht? Angesichts der Flut an beliebiger Dutzendware, die den Filmfans Jahr für Jahr aufs neue zugemutet wird, ist »The Artist« wohltuend anders, frisch, intensiv.

Hier ist sie also, die Nachricht an all die Star-Wars-, Star-Trek- und SF-Nerds, an die CGI-Jünger und 3D-Apostel: Reist zurück in die Zeit, in der alles begonnen hat! Ich bin sicher, der ein oder andere wird überrascht sein, wenn der Zauber der Vergangenheit einsetzt und man sich am Ende fragt: War das tatsächlich ein schwarz-weißer Stummfilm?

Rüdiger Schäfer

»The Artist«
Kino, Drama, 100 min.
FSK 12

 

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Eine Antwort auf Zeitreise: „The Artist“

  1. RoM sagt:

    Stummfilmklassikern wohnt eine beeindruckende Atmosphäre inne. Möglicherweise auch deshalb, weil dem Betrachter nicht jedes Detail vorgekaut wird und er sich eigene Vorstellungen erschaffen muß, um die Bilder zu interpretieren. Tatsächlich sollte man/frau das eigene Gehirn ruhig im Kino mitführen.