Bettlektüre für die Schwarze Szene: Michael Zandt, »Hapu: Teufel im Leib«

Michael Zandt - „Hapu: Teufel im Leib“Michael Zandt hat nach einer Shortlistung im Deutschen Phantastik-Preis 2011 nun mit „Hapu – Teufel im Leib„ seinen Debutroman vorgelegt. Schon beim Lesen des Klappentextes wird deutlich, dass Zandt sich dabei ganz entschieden von der typischen Kuschelfantasy (Elfen, Zwerge, Vampire) abgrenzen will. Dabei nimmt er in Kauf, seine potentiellen Leser vor ein Rätsel zu stellen: „Hapu […] ist eine junge Frau wie viele andere auch. Sie liebt ihr Motorrad, geht keiner Prügelei aus dem Weg und ist engagierter Fan der Stuttgarter Kickers.“ Das mag einem eher wie die Beschreibung eines typischen jungen Mannes denn einer Frau vorkommen, aber verglichen mit den übrigen Eigenheiten der Protagonistin Hapu stellt diese Charakterisierung tatsächlich noch den normalsten Teil dar.

Hapu ist eine Asartu, eine Art Katzenmensch, die als wohlintegrierte Minderheit in der menschlichen Gesellschaft leben. Sie, wie auch die meistenteils christlichen (!) Dämonen, sind Geschöpfe Luzifers, den die Asartu weiterhin anbeten, auch wenn der Höllenfürst machtlos in einem ewigen Gefängnis schmachtet. Es existiert eine Insel genannt Kemet, auf der orthodoxe Asartu eine eigene, von der Weltgemenschaft geächtete Nation errichtet haben.
Hapu beginnt die Erzählung als etwas planlose Mittzwanzigerin in Baden, die in eine Reihe von Intrigen und Abenteuern verwickelt wird, die sie schließlich nach Kemet und ins Herz der Bemühungen führen, Luzifer wieder zu erwecken. (Es sei an dieser Stelle verraten, dass der Titel des Buches so subtil ist wie der eines Youtube-Videos). Auf dem Weg dorthin mordet und metzelt sie etwas unmotiviert und realtiv wahllos Nebenfiguren und Statisten, die sie teilweise verspeist.

Eine Gemeinsamkeit hat Hapu dabei mit einem anderen fiktiven Menschenfresser: Hannibal Lecter, geschaffen von Thomas Harris und zu Ruhm gelangt im Film „Das Schweigen der Lämmer“. Hapu ist wie Lecter ein Psychopath, die vor allem in der ersten Häfte des Buches keinerlei emotionale Regung zeigt. Dabei unterscheidet sie sich auch von ihresgleichen: die übrigen Asartu werden als überaus menschlich beschrieben, von ihren bürgerlichen Marotten über seelische Leiden bis hin zu einer lähmenden Bürokratie in ihrem Reich Kemet. Hapu ist anders – es wird im Verlauf des Buchs klar, worin diese Andersartigkeit begründet liegt. Es ist durchaus stimmig, dass Hapu ist wie sie ist, sie hat aber die Grenze vom Antiheld hin zum Bösewicht deutlich überschritten. Es ist gerade diese soziopathische Ader, die es dem Leser manchmal schwer macht, ihrem Weg zu folgen. Ein Protagonist, der gar keine nachvollziehbaren oder gar sympathischen Seiten hat, übt eine gewisse, kurzlebige Fasziantion aus, über die Länge eines Romans aber velangt er dem Publikum eine Menge ab.

Zandt bettet den Weg Hapus in eine breit aufgestellte, mythische Kosmologie ein, die bestimmte Elemente der christlichen Glaubens- und Aberglaubenswelt aufgreift und in einen größeren Kontext einbettet. Der Leser erfährt die meisten Elemente dieses Hintergrunds durch Erklärungen etwa des Erzählers (Hapu selber in einer Ich-Erzählsituation, die im Anhang von Zandt selber übernommen wird, der sich als Biograph der Asartu zu erkennen gibt und sein eigenes Werk „Nazi Zombie Holocaust“ ihr zuschreibt) oder aus ihren Dialogen mit diversen anderen Charaktären des Buches. Zandt versteht es dabei ausgesprochen gut, die Aufdeckung der Mythgologie Stück für Stück so in den Fortgang der Handlung einzubinden, dass der Leser weder überfordert noch gelangweilt wird. Das Erzähluniversum ist duraus auch so angelegt, dass die Geschichte Hapus weiter erzählt werden könnte, denn obgleich gegen Ende des Buches einige große Veränderungen in Kemet geschehen sind, wurden die Ziele entscheidender Charaktäre bei weitem noch nicht in die Tat umgesetzt, und auch Hapu bleibt am Ende rätselnd angesichts ihrer eigenen und der kosmologischen Zukunft.

Michael Zandt hat sich also eine gute Basis für Fortsetzungen des Buches geschaffen, und es ist anzunehmen, dass ihm seine Leser auch gerne folgen werden. Der Autor hat sein Buch als „Fantasy für Erwachsene“ bezeichnet, was man aber noch etwas eingrenzen kann: es sind vermutlich die jungen Erwachsenen in Hapus Alter, und unter diesen solche mit einer Affinität zum satanistischen Hintergrund der Handlung, die an Zandts Versuchen Gefallen finden dürften, einen moralischen Relativismus abseits der bürgerlichen Vorstellungen zu entwickeln. Möglicherweise wird „Hapu – Teufel im Leib“ ein Kultbuch für die Schwarze Szene.

Wenn man überhaupt etwas bemängeln wollte, dann sind es zwei kleine Details: das erste ist die quasi-wissenschaftliche Begründung für die Notwendigkeit, dass Asartu Menschen essen müssen: es seien Enzyme welche den Fantasywesen fehlen, und die sie nur auf diesem Weg erhalten könnten. Im einem Zeitalter, wo synthetische Enzyme durch rekombinantene Mikroorganismen produziert werden und in jedem Waschmittel zum Einsatz kommen, ist diese Erklärung etwas albern. Geradezu absurd zudem die Begründung, warum es nicht genügt, tote Menschen zu verspeisen: es sei ein Leichengift, dass binnen Sekunden nach Einsetzen des Todes produziert wird. Man fragt sich, wie die Asartu dann etwa ein normales Schweineschnitzel essen können.
Der zweite Punkt ist die Parlellgesellschaft, welche die Asartu in der Bundesrepublik Deutschland gebildet haben: Zandt schildert sie als außerhalb des Gesetzes, so dass Hapu ihre Mordlust unter ihresgleichen ungestraft ausleben kann. Es ist unwahrscheinlich, dass ein Rechtsstaat seinen Bürgern solche Rechtlosigkeit zugestehen würde – oder dass diese sie sich wünschen würden.

Doch es sind dies in der Tat Kleinigkeiten, und es spricht für Zandts Geschick in Erzähltechnik und Sprache, dass man sich hierüber Gedanken machen kann. Erst wenn das große Ganze stimmig ist, der Text flüssig und gut strukturiert, können Punkte wie diese dem Leser auffallen. So habe ich keine Zweifel, dass Zandts literarischer Erstgeborener kein Einzelkind bleiben wird, und bin gespannt, welche Richtung sein weiteres Werk nimmt.

MICHAEL ERLE

Michael Zandt – „Hapu: Teufel im Leib“
Candela-Verlag, 2011, Taschenbuch, 273 Seiten
ISBN-10: 3942635194, ISBN-13: 978-3942635196
 

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Über Michael Erle

Autor von Fiction (Fantasy, SciFi, Thriller) und Non-Fiction-Texten. In viele von meinen Werken spielt Musik eine wichtige Rolle, was sicher auch daran liegt, dass ich mich auch zum Musiker berufen fühle. Im bürgerlichen Leben verdiene ich mein Geld mit Pressearbeit für IT- und Hightechfirmen. Nein, ich kann eure Computer trotzdem nicht reparieren.
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