Die Zeit wehrt sich!
»Der Anschlag“ von Stephen King

Stephen King - „Der Anschlag“Am 22. November 1963 wurde der 35. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, John Fitzgerald Kennedy, während eines Wahlkampfbesuchs in Dallas, Texas, durch zwei Gewehrschüsse getötet. Als Täter gilt bis heute der in New Orleans geborene Lee Harvey Oswald, der zwei Tage nach seiner Verhaftung von dem Nachtclubbesitzer Jack Ruby erschossen wurde. Diese Ereignisse gelten neben dem Vietnamkrieg und den Terroranschlägen vom 11. September 2001, als eines der größten nationalen Traumata der US-Geschichte.
Stephen King hatte die Idee zu seinem Buch „11-22-63“ (so der Originaltitel des Romans) bereits 1974, stellte das Projekt dann jedoch wieder zurück, da ihm die Wunden, die das Attentat der amerikanischen Seele geschlagen hatte, noch zu frisch waren.
Es mag dem ein oder anderen deutschen Leser vielleicht übertrieben vorkommen, doch die Beziehung eines US-Bürgers zu seinem Präsidenten ist weitaus enger und intensiver, als es beispielsweise die Beziehung eines deutschen Bürgers zu Kanzler oder Bundespräsident ist. Das galt für die 1960er Jahre noch weitaus mehr, als es das heute tut.

Die Story beginnt im Jahr 2011. Der in Lisbon Falls, Maine, ansässige Englischlehrer Jake Epping ist entsetzt, als er erkennt, dass sein Freund Al Templeton offenbar über Nacht an tödlichem Lungenkrebs erkrankt ist und nur noch Tage zu leben hat. Al weiht Jake daraufhin in sein größtes Geheimnis ein: Im Vorratsraum seines Diners existiert ein Zeitportal, das direkt ins Jahr 1958 führt. Woher es kommt und wie lange es schon existiert, kann er nicht sagen. Fest steht dagegen, dass, egal wie lange man sich in der Vergangenheit aufhält, bei der Rückkehr in die Gegenwart lediglich zwei Minuten vergangen sind. Bei seinem letzten Durchgang war es Als Plan, fünf Jahre zu warten und dann das Attentat auf John F. Kennedy zu verhindern! Nach seinem Dafürhalten wäre die aktuelle Welt eine bessere, wenn der Präsident damals überlebt hätte und seine Politik hätte fortsetzen können. Doch bevor Al sein Vorhaben vollenden konnte, kam der Krebs. Nun versucht er Jake Epping zu überzeugen, es an seiner Stelle zu versuchen.

Nach einigen Tests (und Probereisen) steht fest, dass sich Veränderungen in der Vergangenheit tatsächlich auf die Gegenwart auswirken. Aber: Die Zeit scheint sich zu wehren – und zwar um so heftiger, je größer die angestrebte Veränderung ist. Al musste seinen Versuch mit dem Krebs bezahlen. Außerdem bewirkt jeder neue Durchgang durch das Portal in Richtung Vergangenheit eine Art Nullstellung, das heißt alle vorgenommenen Veränderungen sind wieder hinfällig. Trotz des hohen Risikos willigt Epping ein, und die Ereignisse nehmen ihren Lauf …

Viel mehr von der außergewöhnlich spannenden Handlung will ich nicht verraten, denn das hieße, potentiellen Lesern den Spaß zu verderben. Jake Eppings Weg führt durch das Amerika der Vergangenheit. Er lebt unter anderem in Derry, einer fiktiven Kleinstadt, die King bereits in mehreren anderen Romanen („ES“, „Schlaflos“) verwendet hat, und trifft Charaktere aus diversen King-Werken (es macht allerdings nichts, wenn man diese als Leser nicht (er)kennt). Schließlich zieht er nach Jodie in der Nähe von Dallas und verdingt sich dort als Lehrer.
Der Autor erzählt die diversen Abenteuer seines Protagonisten (inklusive einer wirklich gelungenen Liebesgeschichte) flüssig und – für mich ob des enormen Umfangs erstaunlich – gänzlich ohne Längen. Die letzten Romane Kings, der in meiner Jugend mein absoluter Lieblingsautor war, wirkten immer öfter sehr ausschweifend und ergingen sich in seitenlangen Monologen und Selbstreflexionen der Figuren. Das ist in „Der Anschlag“ nicht der Fall. Die Story rauscht fröhlich vor sich hin, wartet mit ein paar wirklichen Überraschungen auf und fesselte zumindest mich so sehr, dass meine Leselampe am Bett an manchem Tag erst weit nach Mitternacht ausgeschaltet wurde.

Kennedy's bloody backseat

22. November 1963: Auf diesem Rücksitz starb John F. Kennedy (Foto: Art Rickerby, LIFE)

Fasziniert war ich vor allem vom durchdachten Konzept, das King seiner Zeitreise zugrunde legt. Die Idee, dass die Zeit (wie immer man sie auch definiert) sich gegen Veränderungen wehrt, also dem Veränderer immer größere Hindernisse in den Weg legt, ist originell. Im Finale gibt es sogar noch eine gelungene Erklärung für das Portal an sich, auch wenn selbstverständlich nicht alle Fragen beantwortet werden. Dennoch: King, der nicht unbedingt für überragende Handlungsabschlüsse berühmt ist, leistet diesmal ganze Arbeit und lässt den Leser rundum zufrieden zurück. An dieser Stelle sei verraten, dass der Meister des Horror ursprünglich ein anderes Ende vorgesehen hatte, das man auf seiner Homepage kostenlos nachlesen kann. Erst nach Intervention durch seinen Sohn Joe Hill (selbst ein Schriftsteller), änderte King die finalen Seiten, und das war gut so. Das neue Ende ist um Längen besser als die Erstfassung!

Erfreulicherweise hält sich King, was Patriotismus und Verklärung historischer Fakten angeht, angenehm zurück. Er beschreibt ein Amerika der Vergangenheit (1958-63), in dem vieles vielleicht nicht besser, aber einfacher und damit überschaubarer ist. Dem hässlichen Antlitz der in vielen Staaten offen und legal betriebenen Rassentrennung widmet er zwar nur wenige Absätze, doch er verschweigt es wenigstens nicht. Ansonsten mischt er Historisches und Fiktives zu einem tollen Cocktail, der mich von der ersten bis zur letzten Seite begeistert hat.
Enttäuscht dürften höchstens die Anhänger der diversen Verschwörungstheorien im Zusammenhang mit dem Kennedy-Attentat sein. King liefert den ewigen Zweiflern keine neue Munition, sondern folgt der rationalen Maxime, nach der die einfachste Erklärung meistens auch die richtige ist – und er erklärt seine Überzeugung absolut plausibel.

»Der Anschlag« ist das beste Buch, das ich seit Dan Browns „Das verlorene Symbol“ (2009) gelesen habe und erinnert mich an den Stephen King, den ich als Junge liebte. Nicht nur SF-Fans (und im letzten Drittel ist es tatsächlich fast ein reiner SF-Roman) dürften an „Der Anschlag“ ihren Spaß haben.

Eine Anmerkung zum Schluss: Die Übersetzung aus dem „Amerikanischen“ (jener geheimnisvollen Buchsprache, die es in der Realität nicht gibt) von Wulf Bergener ist gut. Sätze wie „Und auch an das Schild, das daran hängte?“ hätten einem aufmerksamen Lektor jedoch zwingend auffallen müssen. Ich schreibe diese leichte Schludrigkeit aber einfach mal der Tatsache zu, dass die deutsche Ausgabe des Romans sehr knapp hinter der US-Veröffentlichung in die Läden kam. Die hier und da lauernden sprachlichen Schnitzer stören nicht wirklich, und sollten keinen davon abhalten, einen ganz hervorragenden Roman zu genießen!

RÜDIGER SCHÄFER

Stephen King – „Der Anschlag“
Heyne, Januar 2012, Hardcover, 1056 Seiten
ISBN-10: 3453267540
ISBN-13: 978-3453267541
 

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