Politisch befremdlich – Dan Simmons, »Flashback«

Dan Simmons - „Flashback“Mit FLASHBACK wendet sich Dan Simmons einem, nun, US-amerikanischen Thema zu. Ich bin versucht zu sagen: einem typisch US-ameri­ka­nischen. Seine vorangegangenen Romane, TERROR (Heyne, 2007/2008 als Hardcover bzw. als Taschenbuch 40613) und DROOD (Heyne, 2009/2010 als Hardcover bzw. als Taschenbuch 40806), griffen europäische Motive auf. In TERROR zeichnet Simmons den Weg der (britischen) Franklin-Expedition nach, die von 1845 bis 1848 mit den Schiffen EREBUS und TERROR die Nordwestpassage, den Schiffsweg durch das Nordpolarmeer in den Pazifik, suchte (und damit Nordamerika erreichte, zugegeben). In DROOD greift Simmons ein Ereignis im Leben des englischen Autors Charles Dickens auf (1812 – 1870). Am 09. Juni 1865 gehörte Dickens zu den Überlebenden eines Eisenbahnunglücks, bei dem er einem leichenblassen, verstümmelten Mann namens Drood begegnete, der sein (Dickens) Leben danach mehrfach kreuzen wird. Beide Romane gleiten ab den Handlungspunkten, an denen die belegten historischen Fakten enden, ins Phantastische über.

FLASHBACK spielt dagegen etwa zweieinhalb Jahrzehnte in der Zukunft der USA, die ihre weltpolitische Bedeutung völlig verloren hat. Die USA bestehen nicht mehr aus einundfünfzig, sondern nur noch aus vierundvierzig Staaten – Hawaii wurde von Japan vereinnahmt, Texas unabhängig, die übrigen (Südwest-) Staaten von vertriebenen Mexikanern, der Reconquista, erobert. Israel wurde durch einen Atomwaffenangriff zerstört, das Weltkalifat hat sich, u. a. von Teheran aus, über den Nahen Osten, Europa, Nordafrika, Asien und Kanada ausgebreitet. Die USA stellen Truppen für die Kriege der Japaner in China und Indien. Ein großer Teil der US-amerikanischen Bevölkerung ist abhängig von der Droge Flashback, die es den Konsumenten ermöglicht, jede beliebige Erinnerung originalgetreu nachzuleben.

Auch der Protagonist des Romans, der ehemalige Polizeidetective Nick Bottom, ist seit dem Unfalltod seiner Ehefrau vor etwa fünf Jahren flashbacksüchtig. Das hindert den japanischen Bundesberater Hiroshi Nakamura (zuständig für den US-Bundesstaat Colorado) nicht daran, Nick Bottom mit der Aufklärung des Mordes an seinem Sohn Keigo zu beauftragen. Vor sechs Jahren war Nick Bottom als Polizist bereits mit dem Fall betraut und konnte ihn nicht lösen. Angelockt von der hohen Belohnung, die er nur für Flashback ausgeben will, nimmt er den Auftrag an. Doch sein Auftraggeber lässt nicht zu, dass sich Nick Bottom in Flashbackhöhlen verkriecht, und zwingt ihn, die Ermittlungen aufzunehmen. Bottom geht nach einem klassischen Muster vor, sucht den Tatort und die damaligen Zeugen auf, immer begleitet von Nakamuras Sicherheitschef Sato.

Gleichzeitig wird Nick Bottoms Sohn Val in Los Angeles in ein Attentat auf den dortigen japanischen Bundesberater verwickelt. Gemeinsam mit seinem Großvater Leonard flieht er vor dem Reconquista-Angriff nach Denver. Nick Bottoms Ermittlungen führen ihn an ungewöhnliche Orte, in denen sich der Niedergang der USA widerspiegelt, in Entführungen, Kämpfe und andere Gefahren. In Los Angeles verpasst er zwar seinen Sohn, erhält aber andere wichtige Informationen. Diesmal kann er den Mord an Keigo Nakumura aufklären und gleichzeitig die die ursprüngliche Flashbackquelle aufdecken – ob er das jedoch überlebt, ist fraglich.

Es scheint, als greife Dan Simmons in FLASHBACK tiefsitzende Ängste seiner Landsleute auf – vor den Japanern, vor den Mexikanern (die vor Los Angeles aber geschlagen werden, also wohl doch nicht besonders bedrohlich sind) und, vor allem, vor dem Islam. Doch er geht noch weiter. So lässt er Hiroshi Nakamura – nach zahlreichen ähnlichen Aussagen anderer Protagonisten – am Ende des Romans ausführen:

„Vor über zwanzig Jahren (…) verfolgte ich (…), wie Ihr neuer Präsident in Kairo eine Rede hielt und der islamischen Welt – einem Block islamischer Nationen, der noch nicht zum heutigen Weltkalifat zusammengewachsen war – mit offensichtlichen historischen Verzerrungen schmeichelte. Damit setzte dieser Präsident einen Prozess in Gang, bei dem sowohl die Geschichte als auch die zeitgenössische Realität umgeschrieben wurde, um den radikalen Islam für sich zu gewinnen. So einen Ansatz nennt man im Allgemeinen Beschwichtigungspolitik (…) Auf dieses Zerrbild einer vernünftigen Außenpolitik folgte der Versuch, eine Sozialdemokratie aus ihrem Land zu machen – gerade als die europäischen Staaten anfingen, unter der durch Sozialprogramme verursachten Schuldenlast zusammenzubrechen (…).“ (Seite 595).

Es ist natürlich in einem gewissen Maß spekulativ zu behaupten, dass sich Simmons mit diesen Aussagen als Republikaner des rechten Randes outet. Denn es ist nicht komplett auszuschließen, dass er das Spiel mit den Ängsten der US-Amerikaner konsequent bis zu einem bitteren Ende treiben will. Das jedoch nicht eintritt. Die Karikatur US-amerikanischer Befindlichkeiten – wenn sie tatsächlich eine ist – bleibt unvollständig.

FLASHBACK ist, wie bei den Romanen Dan Simmons’ üblich meisterhaft geschrieben, wirkt (im Rahmen des Plots) durchaus authentisch und ist ein neuer Aspekt des Werkes des Autors, der, nachdem er sich in seinen phantastischen Romanen zuletzt selbst kopiert hatte, mit TERROR und DROOD neuen Themen zuwandte, beide aber nach derselben Methode verfasste. FLASHBACK mutet wegen der politischen Aussagen befremdlich an, zumindest aus einer europäischen Perspektive. FLASHBACK – der Beitrag Dan Simmons’ zum US-Präsidentenwahlkampf …?!

ARMIN MÖHLE

Dan Simmons – FLASHBACK
deutsche Erstausgabe, Heyne TB 26597, 2011
„Flashback“, 2011, aus dem Amerikanischen von Karl Jünger
638 Seiten, € 15,99, ISBN 978-3-453-26597-4
 

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Eine Antwort auf Politisch befremdlich – Dan Simmons, »Flashback«

  1. RoM sagt:

    Nach der Lektüre einiger weiterer Kritiken, offenbart sich für den Roman eine beachtenswerte Augenlichtlosigkeit des Schriftstellers, in puncto der Entwicklung der Staaten in jüngst vergangenen Jahren (vor Obama). Bekanntlich findet Zukunft selten im Vakuum eines erdachten Nichts statt. Speziell SF (ent)steht inmitten der realen, komplexen Welt – interessante zumindest.
    Obiger Roman wäre demnach klassischer Anti-Dick.
    Gute Kritik von Armin.