Spin 02-2011

SPIN 02-2011Herzlich willkommen in der finnischen Phantastikszene!
Spinnen die Finnen? – Ja!

Doch selbstverständlich will ich ihnen keine nationale Geisteskrankheit unterstellen, vielmehr ist mir eine Ausgabe ihres hübschen kleinen Fanzines mit dem Namen SPIN in die Finger gekommen.
Das Magazin wird von der Turku Science Fiction Society vier Mal im Jahr herausgegeben und ist an eine Mitgliedschaft gekoppelt, allerdings kann man sie auch im Abo und als einzelne Archivausgaben erwerben. Das Heft berichtet über Bücher, Filme, Comics und alle möglichen Szeneangelegenheiten und zwar nicht ausschließlich im Bereich der Science-Fiction, sondern auch andere Spielarten der Phantastik finden ihren Platz. Zudem bietet es eine Plattform für die Veröffentlichung von Kurzgeschichten.

Die Hefte sind normalerweise in finnischer Sprache verfasst, was auch das Navigieren auf der dazugehörigen Vereinsseite etwas schwierig macht – um sich ein wenig zurecht zu finden, helfen jedoch automatische Übersetzungsprogramme durchaus, auch wenn die Qualität davon natürlich bescheiden ist. Doch für eine ungefähre Ahnung, was hier abgeht, reicht es erst einmal!

Zur Ausgabe 2/2011:
Nun, wie bereits erwähnt, kann ich auch kein Finnisch, wie wohl die meisten Personen mit Muttersprache Deutsch. Allerdings hat man sich anlässlich der Finncon, zu der auch ausländische Gäste erwartet wurden, dafür entschieden, zum ersten Mal das Experiment einer englischen Sonderausgabe zu wagen. Und mehr noch: Man versucht offenbar nicht, den normalen Inhalt einfach zu übersetzen, man hat sich hier offenbar ein Konzept überlegt, um Leuten, die nicht sonderlich viel oder auch rein gar nichts über Finnlands Phantastikszene wissen, diese nahe zu bringen.
Was das alles soll, wird auch Mirelle Aaltalos zweisprachig vorliegendem Vorwort recht anschaulich erklärt.

Weiter geht es mit Pasi Karppanens beiden Artikeln, die einander ideal ergänzen. Der erste Bericht widmet sich allgemein dem finnischen Fandom. Nach einer allgemeinen Einleitung über die Ursprünge geht man besonders detailliert auf größere und kleinere Cons, Buchmessen und Fantreffen ein. Ein weiterer Block beschäftigt sich mit Preisen, wobei es dann auch lustig zugehen darf, nachdem von den großen Preisen zu den als weniger ernsthaft eingestuften Awards übergeht – so kann man unter anderem mit dem idiotischten Versuch, die Erde zu erobern, gewinnen!

Noch weitaus ausführlicher werden andere Fanzines – auch mit repräsentativen Coverbildern – vorgestellt. Ich war tatsächlich beeindruckt über die Vielfalt, die dieses kleine, für die meisten von uns Fans quasi „unentdeckte“ Land bietet!

In „Sidestream of Mainstream“ widmet sich dieselbe Autorin dann gezielt den wichtigsten Phantastikbüchern und -autoren Finnlands. Die erst beschriebene Situation erinnert mich erst mal frappant an die des deutschsprachigen Raums (mal abgesehen davon, dass die meisten Autoren einen Doppelvokal im Namen haben). Sehr viele der Mainstreamautoren benutzen laut der Autorin phantastische Elemente bloß dazu, um ihre Bücher aufzupeppen. Im Vergleich dazu haben viele Fans im deutschsprachigen Raum ebenfalls bemerkt, dass ein „Zukunftsthriller“ eben besser läuft als „reine“ Science-Fiction und darum wird diese auch vermehrt angeboten. Auch gibt es in beiden Ländern eine besondere Vielfalt an phantastischer Jugendliteratur, die man als Erwachsener jedoch schmerzlich vermisst. Allerdings scheint es in Finnland kaum „echte“ Science Fiction und Fantasy zu geben, sondern ein Genre vorzuherrschen, das ich der Beschreibung nach dem magischen Realismus zuordnen würde, während ja bekanntermaßen die deutsche High Fantasy in den letzten Jahren an Beliebtheit selbst in Mainstreamkreisen enorm zugelegt hat.

Doch was wäre eine Ausgabe, die ein Fandom vorstellt, ohne Fallbeispiel? In „A Moment With The Writer“ protokolliert Leila Paananen akribisch (vielleicht sogar zu akribisch, inklusive Ausfall des Mikrofons!) eine Künstlerdiskussion mit dem Autor Hannu Rajaniemi. Passend zum Thema ist er ein finnischer Autor von Science Fiction und Fantasy, auch wenn er auf Englisch schreibt und inzwischen auch außer Landes lebt. Doch gerade dadurch ist er ein gutes Beispiel, da sich auch Leser, die der finnischen Sprache nicht mächtig sind, davon überzeugen können, was seine Schreibe tatsächlich taugt.

Abgerundet wird das Magazin dann noch durch Kommentare früherer Finncon-Ehrengäste und zwei Kurzgeschichten – und aufgelockert durch witzige Comicstrips, in denen es um Aliens und Schafe geht.

Fazit:
Diese Ausgabe von Spin ist auf jeden Fall auch, aber sicher nicht nur, ein liebevoll gestaltetes Fanprodukt. Tatsächlich stellt es sicherlich eine Publikation dar, die mit fundiertem Wissen und einem genauen Plan erstellt wurde! Immerhin ist es eine große Herausforderung, das Schaffen eines ganzen Landes in einem Bereich für Außenstehende verständlich und interessant zu präsentieren und gleichzeitig auch die Leute im eigenen Land zufrieden zu stellen.

Man ist zu Recht stolz auf sein lebendiges Fandom und zeigt das auch – allerdings begeht man nicht den Fehler von so vielen anderen Publikationen, sich beispielsweise durch das Um-Sich-Schmeißen von Insidern allen außerhalb einer kleinen Szene zu verschließen, ganz im Gegenteil: Der Leser wird ernst genommen, aber man weiß auch, dass man nicht erwarten kann, dass alle Welt von sich aus über alles Bescheid weiß.

Meine klare Empfehlung: Wer sich für phantastische Literatur interessiert, sollte mit dieser Ausgabe die Chance ergreifen, mal etwas gänzlich anderes kennen zu lernen. Gerade für Science-Fiction-Fans ermöglicht diese Ausgabe den leichten Einstieg in gänzlich neue Welten!

NINA HORVATH

Spin 2/2011 (2011 English Special)
Herausgeber: Turku Science Fiction Society
Umfang: 62 Seiten, € 3,50
ISSN: 0785-2851
Erhältlich unter: www.tsfs.fi/spin/2011-02/

Inhalt:
Mirelle Aalto: Headitorial
Mirelle Aalto: „Pääkirjoitus“
Pasi Karppanen: „Finnish Fandom – All You Need To Know About It“
Pasi Karppanen: „Sidestream of Mainstream“
Leila Paananen: „A Moment With The Writer“
Jouko Pukkila: „Spacesheep“, „Memories Of The Past“
Short story – Jenny Kangasvuo: „Cuckoo’s Egg“
Short story – Mari Saario: „The Horse Shoe Nail“

 

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2 Antworten auf Spin 02-2011

  1. RoM sagt:

    Besagter “magischer Realismus” läßt sich zudem in eher mehr Filmen der Finnen entdecken. Nicht, daß Regisseure wie Aki Kaurismäki es darauf anlegen würden. Aber die Magie findet ihren Weg, wie eine Beiläufigkeit am Wegesrand. Liegt wohl an der Landschaft und den völkergewanderten Vorfahren.

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