Unerfüllte Wünsche:
Stephan R. Bellem – »Welt aus Staub«

Stephan R. Bellem - „Welt aus Staub“Ist jemand, der leidlich gut angenommene Fantasyromane für Leser mit Faible für Rollenspiele schreibt, automatisch ein guter Erzähler? Die Probe ist einfach: Man nehme eine Geschichte, entferne alle phantastischen Attribute – eventuell werden die Hauptfiguren noch in Sabine und Patrick umbenannt – und schaut dann, ob eine Geschichte übrigbleibt, die es wert ist, erzählt zu werden. Und?
Ich habe die Probe mit seinen Fantasyromanen noch nicht gemacht, weil ich stattdessen den einzigen Science-Fiction-Roman von Stephan R. Bellem gelesen habe: „Welt aus Staub“ spielt weit weg in der Zeit, mehr als 150 Jahre, 22. Jahrhundert. Da sollte die Probe eigentlich auch funktionieren, denn viele SF-Geschichten leben einzig von ihren handlungstragenden Ideen, dem technischen Gepräge und der futuristischen Atmosphäre. Leider macht es der Autor mir hier nicht so leicht, denn auf all das hat er verzichtet, abgesehen von der grundlegenden Idee.

Machen wir also die Probe: Die Zeiten sind hart, die Menschen sind abhängig von der Gnade mächtiger Konzerne, die das Lebensnotwendige bereitstellen. Unsere Sabine heißt Elaine und sie dealt mit Ware, auf die die Konzerne das Monopol haben möchten. Patrick heißt Sam und arbeitet für die Konzerne.
Der klassische Weg, ausgehend von diesem Setting, wäre, die Wege der beiden sich kreuzen zu lassen, ihre unterschiedlichen Welten per love interest zusammenzuführen und anschließend die Probleme zu ernten, die sich daraus ergeben, sei es, daß sie ihm die Augen öffnet, sei es, daß er sich in Schwierigkeiten bringt, weil er mit ihr eine Beziehung hat. Dann fiebern wir mit, weil sie oder er oder beide in Schwierigkeiten geraten, erleben mit, wie sie und ihre Liebe bedroht werden, wünschen uns, daß alles gut wird und erleben – es wird verbreitet, „Welt aus Staub“ sei eine Dystopie –, wie sie scheitern. Das hat in „1984“ gut funktioniert.

Bellem ist einen anderen Weg gegangen. Elaine und Sam begegnen sich erst viel später. Stattdessen verknüpft er zwei andere Figuren, Tessa und Danny, schicksalshaft miteinander, die nachher in der zweiten Reihe landen – trotzdem sind alle Figuren wundersamerweise miteinander verknüpft, was in dieser Komplexität kaum möglich erscheint.
Den Gegenspieler legt Bellem zweischichtig an: einen anonymen Strippenzieher im Hintergrund, gewalttätige Kriminelle im Vordergrund, die ihm jedoch eher komisch denn bedrohlich geraten und zum Ende zunehmend unglaubwürdig werden. Und die Identität des Strippenziehers ist nach der Hälfte klar, da wäre es besser gewesen, ihn nicht zu anonymisieren, sondern auf den Effekt zu setzen, den man als hilfloser Leser erlebt, wenn man der Hauptfigur zurufen möchte: „Paß auf! Er ist böse!“ Wenn schon Point-of-view-Wechsel, dann konsequent. Verschenkte Gelegenheit.
Trotz aller Versuche, eigene Wege zu gehen und bekannte Muster zu vermeiden, ist „Welt aus Staub“ eine konventionelle Geschichte. Sie hat spannende Momente, packt mich aber nicht. Ich finde nichts zum Mitfiebern, ich zweifele nicht, daß Elaine einen Ausweg findet, ich hätte nichts dagegen, den Langweiler Sam ins Unglück rennen zu sehen, ich mag nicht wirklich glauben, daß die Bösen so dämlich sind. Probe nicht bestanden.

Phantastische Unterwäsche

Wird es besser, wenn man dem Roman seine phantastische Unterwäsche zurückgibt? Er hat kaum welche. Die wichtigste Zutat ist das titelgebende Katastrophenszenario: eine von einem Pilz hervorgerufene Seuche hat fast die gesamte Pflanzenwelt der Erde vernichtet und die Menschen in Megastädte getrieben. Die Nahrungsmittelproduktion befindet sich in Händen der Konzerne; die verbliebenen Pflanzenpopulationen können nur in streng abgeschirmten und gesicherten Plantagen gedeihen.
Interessantes Szenario. Als Laie wage ich zwar zu bezweifeln, daß das irdische Ökosystem einen solchen biologischen Super-GAU überleben könnte, geschweige denn, daß genügend Sauerstoff in der Atmosphäre verbleibt, der für atembare Luft sorgt, aber als Grundannahme taugt es.
Völlig daneben ist jedoch das geschilderte Technologieniveau. Es unterscheidet sich so gut wie gar nicht vom heutigen und soll doch mehr als 150 Jahre Entwicklung hinter sich haben. Selbst, wenn man plausiblerweise eine gigantische Wirtschaftskrise zugrundelegt, so sollte es in begrenzten Feldern nach einer Stagnationsphase ein gewisses Maß an Fortschritt geben, vor allem dort, wo Entwicklungsdruck herrscht, also bei den biologischen Disziplinen. Aber: Fehlanzeige. Die Megastädte fühlen sich überhaupt nicht mega an, sondern sind ein bißchen wie Bochum mit pittoresken Slums und Elektroautos. Perspektive und Skalierung stimmen nicht.
Auch in Sachen Politik und Gesellschaft bleibt Bellem konventionell. Von Konzernmacht abhängige Pseudodemokratie haben wir heute hier und da auch schon, da hat er nichts Neues zu bieten, und daß die Tätigkeit für einen Großkonzern wirtschaftliche Vorteile, Statusgewinn und soziale Annehmlichkeiten mit sich bringt, ist altbekannte Realität. Gesellschaftliche Regression mit Auflösung aller traditionellen Sozialstrukturen wäre ebenso plausibel gewesen wie völlig neue Formen sozialer Gruppen (z.B. thematisch sortierte peer groups) und politischer Strukturen (Stichwort Netzgesellschaften). Die klassischen Ordnungen haben es schon heute, da die Informationsgesellschaft Fahrt aufnimmt, schwer, sich so leicht wie bisher durchzusetzen – kaum vorstellbar, daß das nicht weitergehen soll.
Bei Bellem findet sich davon keine Spur, dafür Handys, klassische Arbeitsplatzcomputer und USB-Sticks. Man kann nicht von jedem, der Szenarien in der Zukunft ansiedelt, kreative technologische Extrapolationen erwarten, wohl aber ein paar Blicke auf den Stand der Technik und mögliche Anwendungen und sei es nur in Andeutungen. 2177 wird niemand mehr Bänder anschauen, wenn er Kameraaufzeichnungen prüfen will, das ist schon heute unüblich geworden, und die Auswertung nimmt Biometrie-Software schon heute in Sekundenbruchteilen vor. Wenn das Londoner CCTV rein von menschlicher Beurteilung abhängig wäre, wäre es wegen der Personalkosten schon außer Betrieb.
Die Reichweite der Autobatterien soll sich in anderthalb Jahrhunderten nicht verbessert haben? Man redet immer noch von Gaspedalen? Apple ist immer noch ein Computerhersteller? Das ändert sich ja jetzt schon … Und Schrotflinten haben einen Wirkungsradius von drei Metern? In welcher Entfernung?
Das botanische Gimmick, das gegen Ende in Deus-ex-machina-Manier in die Arena geworfen wird, hätte auch etwas mehr Plausibilität verdient, was Wirkmechanismus und Wechselwirkung mit der Umgebung angeht – keine umfassende, langweilige Erklärung, nicht nötig, bloß etwas mehr Hintergrund, um die Wichtigkeit der Sache zu unterstreichen.

Wofür sind eigentlich diese Muscheln da?

Man kann auf jeden dieser Bestandteile verzichten, aber nicht auf alle zugleich. Das Szenario ist wissenschaftlich nicht haltbar? Egal, es geht ja in erster Linie um die Beziehung der Figuren und ihren Kampf mit dem System. Die Kerngeschichte krankt an inkonsistenten Charakterisierungen und hanebüchenen Wendungen? Nicht so schlimm, es bleibt ja noch der Zukunftsentwurf. Der ist heute schon von gestern? Was ist denn mit dem Hintergrund? Der bleibt leider leblos – von einer Megacity erwarte ich mir mehr, da sollte die Schilderung eines einfachen Spaziergangs über eine beliebige Geschäftsstraße mehr Hintergrund abwerfen als Bellem auf knapp 400 Seiten abliefert. Hätte er sich doch nur mal in Gedanken auf eine Schale Nudelsuppe neben Rick Deckard niedergelassen und den Weg dahin Revue passieren lassen – einfach mal selbst durch den Komplex wandern/fahren/fliegen! Und muß nicht seine Food Corp. so viel mächtiger sein als Scotts Tyrell Corporation? Nachlesen kann man das, spüren nicht. Schade.

Science Fiction ist nicht einfacher zu schreiben als andere Genres. Die Anforderungen an eine Geschichte sind genauso hoch wie anderswo, die an den Hintergrund sind höher. Stilistische Wunder sind nicht notwendig, aber eine etwas weniger gestelzte, lebensnähere Sprache, als wir sie in „Welt aus Staub“ finden, wäre schon schön. Richtiger Lesefluß kommt mitunter darum nicht auf, weil immer noch ein Adjektiv in jeden Teilsatz mußte. Bildhaftigkeit und Präzision sind was Feines, dann sollten die Adjektive aber auch sitzen – Bellem ist nicht immer treffsicher und wirkt manchmal schwankend in der Wortwahl. Wie immer kommt es auch aufs Timing an: wenn die Handlung rennen soll, fange ich nicht an, die Eigenschaften einer Sache oder Person aufzuzählen – die möchte der Leser dann schon kennen.

Verbesserungswürdig ist auch die Erzählperspektive, die Bellem nicht konsequent durchhält. Seine Umsetzung von Charakterwissen ist über weite Strecken durchzogen von Vergleichen mit der Vergangenheit, die so krass ausfallen, daß es kaum möglich ist, in die Geschichte einzutauchen. Sicher, eine Figur von entsprechender Bildung verfügt über Hintergrundwissen und kann solche Vergleiche anstellen, doch nach 150 Jahren sind viele alltägliche Details nicht mehr allgemein verfügbar. Wie gegenwärtig ist uns denn der Zeitraum von der 48er Revolution bis zum Deutsch-Französischen Krieg? Was sehen wir davon um uns herum, wie oft denken wir bewußt an den damaligen Alltag? Was wissen wir überhaupt darüber?
Anstatt den Leser am Nacken zu packen und mit der Nase auf Unterschiede zwischen seiner Gegenwart und der fiktiven Zukunft zu stoßen, könnte es gewinnbringender sein, die Zukunft im Erleben der Figuren einfach nur zu schildern – Leser denken ja mit, die kommen schon drauf, wie die Unterschiede aussehen. Manches darf auch gern rätselhaft bleiben – Sylvester Stallone hat auch nie herausbekommen, wofür die Muscheln in „Demolition Man“ dienten.

Unterm Strich liest sich „Welt aus Staub“ flott weg, größere Steine legt Stephan R. Bellem mir nicht in den Weg. Damit erfüllt er die Mindestanforderung. Viele andere Wünsche bleiben unerfüllt.

MANFRED MÜLLER

Stephan R. Bellem – »Welt aus Staub«
Ueberreuter, Wien 2012
397 Seiten, € 16,95, ISBN 978-3-8000-9553-7
 

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Über muellermanfred

Manfred schreibt seit 1989 für den Fandom Observer und hat das Heft von 1992 an ein paar Jahre lang als alleiniger Chefredakteur betreut. Kümmert sich heute vor allem um den FO im Internet. Beruf: Grafiker. Fährt gern Rad.
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Eine Antwort auf Unerfüllte Wünsche:
Stephan R. Bellem – »Welt aus Staub«

  1. Sarge sagt:

    Das nenn ich mal eine ausführliche Rezension, Danke!
    Hab Interesse an dem Buch, aber finds mit 16,95 schon sehr happig gepriced.
    Insofern werd ich es mir eher mal gebraucht zulegen.