Verbockt: Inklings-Jahrbuch 28

Inklings-Jahrbuch 28Dieser Band zur Inklings-Tagung 2010 steht unter dem Motto „Die produktive Rezeption der Inklings im 21. Jahrhundert“. Das hätte ein schönes Thema werden können, aber leider war es in den Fingern der Inklings. Das wichtigste vorab: Sie haben es verbockt.

Der Band umfasst 14 Beiträge plus einen größeren Anhang an Besprechungen (über 100 Seiten). Für das Thema und uns interessant sind aber eigentlich nur die 14 Artikel. Ein Artikel steht in der Sparte „The Poet’s Eye“ und befasst sich mit von Eichendorff. Kein Inklings, nicht einmal ansatzweise. Ein weiterer Artikel („Ein Blick auf den Menschen – mit andere Augen“) beschäftigt sich mit einem Kinderbuch. Auch schön, kein Inklings, aber … schön gemacht.

Drei Artikel sind sogenannte „Varia“. Alle drei beschäftigen sich immerhin mit den Inklings – einmal mit Richard Wagner und den Inklings, einmal mit den neueren Veröffentlichungen zu Tolkien, einmal mit George MacDonald. Lesbar, zum Teil unterhaltsam, keine Tiefenschürfungen im Inklings-Wissen, aber … gut zu lesen.

Bleiben neun Artikel. Von diesen sind vier englischsprachig. Aber hier schlägt wieder der Oberseminar- und Oberlehrer-Fluch der deutschen Inklings zu. Fleischhack („Studium der Anglistik […] an der Universität Leipzig. Zur Zeit Promotion an der Universität Leipzig […].“)[1], Kroner („Studium der Anglistik […] in Deutschland, England und Australien. […] Zur Zeit Lehrerin […] am Schulzentrum der Diakonie Neuendettelsau […].“)[2] sowie Petzold („Bis Oktober […] Professor […] an der Universität Erlangen-Nürnberg; seither im Ruhestand.“)[3] können Deutsch, aber es ist natürlich viel „cooler“, wenn man in einem Englisch, dem man den deutschen Zungenschlag anliest, über die Inklings schreibt. Aber natürlich kann man hier seine Texte zweit- und drittverwerten (neudeutsch: recyceln), wenn man sie fremdsprachlich hält.

Inhaltlich erkennt man schnell, dass die Inklings auf einen Zug aufspringen wollen, der schon drei Stationen weiter ist: Multimedia. Es geht um Fantasyfilme (Rüster), Hörbuch- und Hörspiel (Voigt), Comics (Dolle-Weinkauff), „Superman“ (Barkman), Orks (Petzold), Fandom (Fleischhack), Fan Fiction (Kroner), PC-Spiele (Löffler) und Sammelkartenspiele (Seibel). Wahrscheinlich kann man mit diesen Themen in akademischen Kreisen noch was reißen, weil da ja niemand weiß, was das eigentlich ist.

Aber inhaltlich ist es immer dann schlimm, wenn Nicht-Fans über Themen schreiben, von denen sie keine Ahnung haben. So weiß Barkman in seinem Artikel über die „Superman“-Saga scheinbar nicht, was der Comics Code ist.[4] Und seinen ganzen Comic-Ansatz verschwendet Barkman im letzten Satz seines Beitrag. „And, insofar as Christ is still relevant today, so too is Superman.“[5] Sachbuchartikel als christliche Verkündung?
Petzolds Beitrag über “Oo, those awful Orcs!” zeichnet sich durch das Gefühl aus, dass er Dinge wiederholt, die 2008 bis 2010 in jedem Fanzine standen. Ein wenig Fremdenfeindlichkeit geht auch noch rein. Über Orks schreibt er: „In particular, they have no writing and no magic, which corresponds to the Native Americans‘ low standard of technology prior to the arrival of Europeans.“[6] Okay, man kann also erstens Magie mit Technik vergleichen, zweitens waren die Amerikaner auf einem “low standard” bevor die Europäer kamen (und er macht nicht klar, welches Kommen der Europäer er meint – die Wikinger?) und drittens spricht er von allen Kulturen Amerikas als „the Native Americans“. Komisch.

Schön ist, dass Fleischhack den Begriff „Fandom“ erklärt – „It is, in comparison to scientific scholarship, a more pop culture oriented collective term, referring to a personal and subjective interest in a topic, a person, a concept by a group of people (…).”[7] Da geht sie natürlich an Jahrzehnten von Fan-Erklärungen vorbei, aber wer glaubt, dass Forrest J. Ackerman „an American filmmaker“ war[8] und dass die Beatles mal einen „Herr der Ringe“-Film drehen wollten (wofür die Quellenlage mehr als dünn ist)[9], der muss nicht mehr beweisen, dass er vom Thema eigentlich keine Ahnung hat, es ist doch schon bewiesen.

Ach. Es hätte so schön sein können. Sachbuchartikel über die Inklings auf dem Stand der aktuellen Diskussion, gerne unter Einbindung des Fandoms und der gängigen Quellen. Aber nein, zur Hälfte bereitet man Themen auf, die seit Jahren in den (fannischen) Medien und Fachzeitschriften plattgetreten werden (Hörbuch, Sammelkartenspiele, Fan Fiction), zum anderen schreibt man lieber in Englisch, weil das (selbst in einem selbsterklärten „Jahrbuch für Literatur und Ästhetik“) „hipper“ ist, drittens bewegt man sich im eigenen Brei und klopft sich gegenseitig auf die Schulter, weil man über „Die produktive Rezeption der Inklings im 21. Jahrhundert“ eine „Internationale Tagung vom 1. bis 3. Oktober 2010 in Nürnberg“ veranstaltet hat.[10]

Gähn.

HERMANN RITTER

Petzold, Dieter (Hrsg.):
inklings – Jahrbuch für Literatur und Ästhetik
Multimediale Metamorphosen – Die produktive Rezeption der Inklings im 21. Jahrhundert
Internationale Tagung vom 1. bis 3. Oktober 2010 in Nürnberg

Reihe: inklings – Band 28, Titelbild: Collage von Johannes Rüster, Verlag: Peter Lang
Frankfurt am Main, Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Wien, 2011. 330 S., zahlr. Abb.
ISBN 978-3-631-61727-4 geb.
 

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Eine Antwort auf Verbockt: Inklings-Jahrbuch 28

  1. RoM sagt:

    Zu den Beatles wird kolportiert, daß die Pilzköpfe in einer Real-Verfilmung die Rollen der Hobbits hätten übernehmen sollen. Wohlgemerkt nur als Idee einer nicht angegangenen Produktion. Vermutlich wäre das Projekt spätestens dann gescheitert, wenn es um die Besetzung von Sam & Frodo gegangen wäre. John & Paul wären sich da nicht einig geworden.