Von Gut und Böse: »American Horror Story«
und »Eternal Law«

„American Horror Story“ - Poster

Menschen teilen sich die Welt gelegentlich – oder öfter – in „Himmel“ wie „Hölle“ ein. Ausgehend von persönlichen Einstellungen und Überzeugungen geht es dabei um philosophische Ordnungsversuche einer Welt, die seit einer kleinen Ewigkeit mit den Widersprüchen des Handelns, Fühlens und Sein konfrontiert. Oder aber in Glaubenssätzen überzeugt davon ist, das schwache Individuum in einem regelnden Kollektiv zur Weisheit bringen zu können.
Leidlich erfolgreich, denn die Geschichte der Menschheit ist durchwoben von den Konflikten entlang unzähliger Grenzen. Obschon einem nur wenige Philosophien in den Sinn steigen, um deren Willen gefoltert, vergewaltigt, zerstört wie gemordet wird. Weltliche Ideologien können dabei in die ähnliche Betrachtung genommen werden, wie Metaphysische.
Die Kultur hangelt sich dabei an ähnlichen Unwägbarkeiten vorbei, auf die eine oder andere Weise immer gewillt der Erkenntnis, zumindest aber der Einsicht, ein erhellendes Licht aufzuzeigen.
(F. Claire Serine)

Eine ähnliche Einteilung könnte man auch für zwei neue Serien vornehmen, die sich der Thematik von Gut & Böse aus zweierlei Richtungen annähern. Moderner Gothic-Horror aus den Staaten, Fantasy um eine himmlische Eingreiftruppe, made in Britain. Wobei die grobe Einteilung nur zufällig für ein jedes Land fällt und sich beide Shows um die Reibungspunkte kümmern. Die Europäer ergehen sich nicht in einer heilen Welt (auf der richtigen Seite!). Die Amerikaner stemmen zwar ein Purgatorium ins TV, überlassen der Schwarzmalerei aber nicht in Gänze das Feld.

AMERICAN HORROR STORY

„American Horror Story“ - Violet

Violet

Durchweg sarkastisch könnte man formulieren, daß sich die beiden Macher Brad Falchuk & Ryan Murphy langsam aber konsequent an ein Thema heran gearbeitet haben. Ihnen verdankt das Medium dramatische Einblicke in die US-Schönheits-Industrie („Nip/Tuck“) wie den Trip durch die Gesangsgruppe als Leidenshort im dortigen Schulsystem („Glee“). Der Weg zu einer Horror-Show ist dabei nicht wirklich weit. Auch wenn im Interview pflichtschuldig darauf hingewiesen wird, es wäre eine „völlig neue Erfahrung“ gewesen (die erste Worthülse des Tages, um ein ‚Empire‘-Zitat leicht abzuwandeln).

„American Horror Story“ - Vivien, Ben, Violet

Vivien, Ben und Violet

Die Geschichte vom verfluchten Haus nimmt mit der Ankunft der Harmons den üblichen Gang des Sub-Genres. Vivien (Connie Britton) und Ben (Dylan McDermott) befinden sich an einem Stadium ihrer Beziehung, das an der Oberfläche einen Tapetenwechsel notwendig erscheinen lässt. Es kriselt in den Grundfesten. Unter dem Schein, den es mit dem Umzug nach Los Angeles aufzubauen gilt, hat sich der fahle Odem aus Mißtrauen und Selbsttrauer allerdings krakenhaft festgesetzt. Ein neues Heim erscheint für Vivien die bessere Bühne für den Neubeginn ihrer Ehe. Nicht nur, daß sie mitbekommen mußte wie ihr Mann sie mit einer College-Schülerin betrügt. Sie erlitt eine Fehlgeburt! Innerlich an zwei grundverschiedenen Fronten kämpfend, ist sie dem Haus schutzlos ausgeliefert. Seiner Schuld bewußt, ist Ben mehr als dafür bereit seine Familie wieder in die Spur zu bringen. So stimmt er dem Kauf des Anwesens zu, obwohl es die finanziellen Möglichkeiten nahezu übersteigt. Als Psychiater versucht er sich in der Metropole des Wahnsinns.

„American Horror Story“ - Alexandra Breckenridge

Alexandra Breckenridge in „American Horror Story“

Noch schwerer erweist sich allerdings die Arbeit in dem Steinbruch, den seine Familie inzwischen darstellt. Nicht nur, daß er Viviens Vertrauen neu errichten muß, stellt sich auch seine sensible Tochter Violet (Taissa Farmiga) innerlich gegen ihn. Selbst eine Einzelgängerin, türmen sich bei dem Teenager nicht minder die psychischen Probleme, wird sie ob ihrer Sonderbarkeit (Nonkonformität) an der neuen Schule sofort abgekanzelt. Konflikte zuhauf, die Familien unter normalen Umständen bereits an den Rand des Erträglichen bringen. Unglücklicherweise wohnen die Harmons in genau diesem Haus. Und nicht allein dieses nimmt sich ihrer an. Mit Constance (Jessice Lange) tritt eine Nachbarin in ihr Leben, die dem Wort „aufdringlich“ eine eigene Dimension verleiht. Nicht nur betrachtet sie das Haus der Harmons als natürliche Erweiterung des Ihrigen. Constance taucht auch zu jeder Zeit in den Zimmern auf, ohne daß sie jemand je herein gebeten hätte. Ähnlich wie ihre kleptomane Mutter schlendert auch Adelaide (Jamie Brewer) durch die Gänge, erklärend, daß dies eben ihr ganz besonderer Spielplatz sei. Zwischen den Sätzen offenbart sie jedem Harmon auch, daß sie hier alle zusammen sterben werden. Die Harmons reagieren auf Adelaide allerdings weniger aufgebracht, als auf ihre Mutter, weil sie das Down-Syndrom vorgeblich „entschuldigt“.

„American Horror Story“ - Jessica Lange

Jessica Lange in „American Horror Story“

Die „gute Seele“ des Hauses ist Moira O’Hara (Frances Conroy), die mit dem Verkauf in den „Besitz“ der Harmons übergeht. Freundlich, zuvorkommend, auf einem Auge blind, wirkt die ältliche Haushälterin wie ein Ruhepol in einer unruhigen Zeit. Zumindest auf Vivien und Violet. Niemand weiß von ihrem extrem angespannten Verhältnis zu Constance („Zwing mich nicht dich noch einmal zu töten!“). Auf Ben wirkt Moira (jetzt Alexandra Breckenridge) allerdings ein wenig irritierend – in ihrer perma-lasziven Art, die seine verunsicherte Frau und seine abweisende Tochter in keinster Weise zu beunruhigen scheint.
In Fahrt kommt das Grauen mit der Ankunft von Larry Harvey (Denis O’Hare). Wegen Krebs im Endstadium aus der Haft entlassen, warnt der vormalige Bewohner des Hauses Ben. Er selbst brachte einst seine Frau und die Töchter in einem vorsätzlich gelegten Feuer um. Es (!) hatte ihn dazu getrieben!

Die alltäglichen Probleme lassen Ben keine Zeit über sonderbare Begegnungen und Ereignisse eingehender nachzudenken. Er versucht sich in der Arbeit, hat aber nur wenige Patienten auf der Liste. Einer davon ist Tate (Evan Peters). Ein Misanthrop mit dem manischen Verlangen die Menschen zu töten, die ihm nahe kommen. Ben redet. Tate interessiert sich aber mehr für das Haus und – als er ihr zum ersten Mal begegnet – für Violet. Der Horror steht unter Volldampf! Anfahrbereit!

Anmerkenswert ist die (inzwischen nachweisbare) Ankündigung der Macher, daß „American Horror Story“ sich nicht um ein endlos in die Länge zu treibendes Mysterium aufbaut, sondern handfest konkrete Antworten liefert. Erklären kann man/frau diese Zielsetzung bereits durch den Aufbau der ersten Season mit ihren lediglich zwölf Episoden. Am Ende ist die Geschichte der Harmons zu einem obszön bitteren Ende gebracht. Und der Beginn einer Weiterführung des Grauens eingeleitet.

„American Horror Story“ - Cast

„American Horror Story“ - Cast

Besagter Schrecken hat es für die Verhältnisse des amerikanischen TVs in sich, denn es werden Themen des Genres aufgegriffen, die der Vorstellung des moralisch desinfizierten, sittsamen Familiensinns konträr entgegen laufen. Die Rückblicke in die blutige Vergangenheit des Anwesens – das Haus, gebaut als luxuriöser Wohnsitz, trieb Studentinnen in den bestialischen Wahnsinn, ward verlassen, um saniert erneut mit seinem Grauen nach den Herzen der Menschen zu greifen – sind erschreckend. Die Geschichten kreisen um Inzest, sexuelle Tabus, dämonischen Koitus und die angereicherte Palette menschlicher Manien. Wer sich an die einschlägigen Klassiker des transzendenten Horrors (Jahrgang 1968/1973/1980) erinnert, sollte die Tendenz im Auge haben. Filmklassiker, die übrigens nie meine Welt waren, weswegen sich die Frage stellt, inwiefern diese Serie für den Nicht-Fan doch noch von Interesse sein könnte. Vermutlich liegt es an der Weiterentwicklung des Handwerks im Genre an sich, die einen hoffen läßt. 30 bis 40 Jahre sind an neuen Schauspielern, Autoren, Machern oder Regisseuren nicht gänzlich ohne Spuren vorbei gegangen. Schlechter Geschmack wie ‚Hostel‘ oder ‚Saw‘ einmal ausnehmend. Bleibt also die Hoffnung auf etwas Gothic, der sich mit der neuen Welt bricht.

ETERNAL LAW

Ist von Gott die Rede, dann treten gewisse Variablen in der Charakterisierung durch den Menschen auf. Für die Einen schwebt er als stetes Strafgericht über dem Handeln des Individuums und verlangt von selbsternannten Dienern gar das Ausmerzen jedweder Sünde. Typusvarianten sehen es als gottgefällig an jemanden über den Haufen zu schießen, nur weil er/sie eine andere Einstellung zu seinem (!) Leben hat. Eine krankhafte Obrigkeitsmanie. Auf der anderen Seite der Skala hören wir von der allgegenwärtigen Güte, der tiefsten Liebe und weiteren Alternativen emotionaler Anbindung (Das Wort zum Tage). Ausgiebig wird die Hilfe angepriesen, die der Glaube (selbstverfreilich nur der „einzig wahre“!) an ihn bietet, daß kein Schicksalsschlag die Verbundenheit in Frage stellen kann. Zwei Antipoden, die reichlich Stoff zum ungezwungen, freien (!) Nachdenken aufbieten.

„Eternal Law“ - Hannah & der gefallene Engel

Hannah und der gefallene Engel

Unter Schichten aus angewöhnter Loyalität brodeln ähnliche Gedanken auch in Engel Zak (Samuel West), der nach einer ruckartigen Abberufung durch seinen Chef, einen Besinnungsaufenthalt in der angelikalen Besserungsanstallt absolvieren durfte. Dabei hatte ihn die Liebe zu einer Sterblichen lediglich veranlaßt über seine Ewiglichkeit nachzudenken. Eine kurze Existenz für diese vorgeblich göttliche Emotion schien ihm die Unsterblichkeit wert. Mr. Mountjoy (der Boss) verwies allerdings auf die Hausordnung, die dem himmlischen Personal jedweden gesellschaftlichen Umgang mit sterblichen Menschen verbietet. Außer strafen, Botschaften verkünden und für Erscheinungen zu sorgen, selbstverständlich. Zak ist nicht minder verbittert, als er erneut in den Dienst befördert wird und im englischen York eine neue Aufgabe erhält. Zusammen mit einem Neuling im Bodendienst soll sich der Engel als Anwalt um die Ausbreitung des Guten im Menschen kümmern. Mister Mountjoy unterhält eine Heerschar von Geflügelten auf der Erde, zu allein diesem Zweck. Ein letzter Versuch den Fuß der Menschheit auf den richtigen Weg zu stellen. „Wieder einmal!“, wie sich Zak insgeheim andenkt.

„Eternal Law“ - die Engel-Fraktion

Die Engel-Fraktion

Zusammen mit dem Greenhorn Tom (Ukwel Roach) begibt er sich also nach York, wo der erste Mensch, den er wahrnimmt justament Hannah (Hattie Morahan) ist. Die Frau, die Zak nach wie vor liebt. Dank seiner 14 Milliarden Jahre Erfahrung erkennt er den profanen Test von Mr. Mountjoy sofort und gibt sich unbeteiligt. Der so Geprüfte hofft inständig, daß Hannah nur zufällig in York weilt. Denn tief in seinem Innersten empfindet er nach wie vor heftig für sie. Die Geschichte nimmt allerdings einen unverhofften Verlauf, als es vor dem Gerichtsgebäude zu einem Anschlag kommt. Hannah wird durch einen Querschläger getroffen und wird ins Krankenhaus eingeliefert. Als sie wieder zu Bewußtsein kommt, steht Zak an ihrem Bett. Er belügt Hannah, die sich ursprünglich in einer Kanzlei bewerben wollte, daß die Stelle bereits vergeben sei. Zak hofft, daß sie deswegen wieder aus der Stadt abreist und er die aufkommende Pein seiner Gefühle für sie endgültig in seinem innersten Kerker verschließen kann.

Erneut Pech, denn ein Richard Pembroke (Tobias Menzies) stellt die Verletzte bei sich ein. Pembroke ist allerdings kein Samariter, denn als gefallener Engel kennt er die Schwäche Zaks und ist gewillt diesen Trumpf für seine sinistren Pläne auszuspielen. Der Kampf um das Gute beginnt somit an vielen Fronten gleichzeitig im verträumten York.
Hauptquartier der Engel im Auftrag des Herrn ist weiters die Pension von Mrs. Sheringham (Orla Brady), die in gewisser Weise die Aufsicht über Zak und Tom hat. Schließlich soll das Gute obsiegen können und jeder vom himmlischen Bodenpersonal weiß, daß im wahren Leben nun einmal shit happens.

Nicht nur auf den zweiten Blick ein ansprechenderes Konzept, das uns die Macher von „Life On Mars“, Matthew Graham & Ashley Pharoah, hiermit bieten. Engel als Wesen wie Du und Ich, die sich über ihre Arbeitsbedingungen beschweren und dem Schönen im Leben nicht abgeneigt sind. Eine Idee, die bereits in Kevin Smiths ‚Dogma‘ herrlich absurd funktionieren konnte. Ein Hauch Insubordination, anstatt willfährigem Messianismus. Auf der Insel jenseits des Kanals weiß man/frau den Nagel öfter auf den Kopf zu treffen.
Bleiben wir aufmerksam gespannt.

ROBERT MUSA

 

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