Recently on British TV: »Black Mirror«

„Black Mirror“ PosterInteressanterweise gehen die allermeisten Dystopien von der Maxime aus, daß mit dem menschlichen Gebaren der Karren ordentlich gegen die Wand gefahren wurde. Charakteristika des Humanismus sind eingepflügt und jeweilige Negativa dominieren eine düstere, perspektivlose Avitalität. Manche Kreativen legen sich einzig auf die Beschreibung solcher Unfreiheit fest. Als aufschreckendes Konvolut. Andere gönnen ihrem Publikum eine Aussicht auf Veränderung – oder zumindest Hoffnung. Für sie ist die erschriebene Dystopie nur eine Momentaufnahme im Wandel einer Zeit.
Ob die drei dunklen Fiktionen der britischen Mini-Serie über Macher einer nahenden Kommunikationsgesellschaft nun eine Aufnahme im Moment sind, oder doch für etwas wie ein Hoffen auf Reflexion stehen, bleibt die Entscheidung im Auge des Betrachters.

Journalist, Drehbuchautor und Moderator Charlie Brooker befaßt sich seit Jahren mit dem kritisch, satirischen Blick auf das Geschehen im britischen TV. Sei es in Zeitungskolumnen, Kritiken oder eigenen Sendungen. Mit stellt er sich dabei die Frage, inwieweit sich angesagte Unterhaltungsformate auf die Sichtweisen der Menschen auswirken. Ist die Häme über einen vorgeführten Loser von neuer Qualität, oder ist sie nur die Fortführung des Dorfklatsches, bei dem man/frau sich das Maul zerreißt. Wirkt die Anonymität vor dem Flimmerkasten wie ein Katalysator für die niedrigen Instinkte? Ist uns öffentlich gewaschene Schmutzwäsche ab einem Punkt zuviel, oder halten wir es wie das Publikum im antiken Colosseum!?

So schrieb Brooker zusammen mit Konnie Huq und Jesse Armstrong drei Drehbücher für eine Filmreihe, deren Episoden weder aufeinander aufbauen, noch einen gemeinsamen Hintergrund aufweisen. Bis auf den Umstand, daß moderne Technologie den Menschen weiter eingebunden hat. Die Skripte extrapolieren die Möglichkeiten nur unwesentlich und erscheinen auf den ersten Blick doch eher seltsam. Nicht möglich, daß sich aufgeklärte Individuen dazu herablassen würden. Dennoch ist es in unserer Realität nichts Überdenkens wertes mehr, sein privates Leben mit beiden Händen in die Öffentlichkeit zu tragen. Egal um welches Medium es sich dabei handelt. Ich teile, also bin ich. Wer überdenkt im Kontext zelebrierter Intim-Diarrhoe den Begriff „Freund“? Bei „Gesichtsbuch“ das Quadrat von X an Freunden zu haben, gilt als Nachweis für die persönliche Netz-Referenz. Dabei lügen wir uns dezent in die Tasche, liegt der Auszeichnung doch die amerikanische Sichtweise von „Friend“ zu Grunde. In den Staaten kann man/frau an der Ampel warten und hat spontan einen solchen. Mit Freundschaft hat Oberflächlichkeit wenig zu tun.

„Black Mirror“ - Susannah

Lydia Wilson als Ihre Majestät, Prinzessin Susannah

Ultimatum

In „The National Anthem“ sieht sich der amtierende Premierminister Callow (Rory Kinnear) einer ungeheueren Herausforderung gegenüber. Über „vertrauliche“ Kanäle erhält er das Ultimatum, sich entweder via Live-Sendung mit einem Borstenvieh zu paaren, oder der allgemeine Darling der Insel, Prinzessin Susannah (Lydia Wilson), würde von ihren Entführern ermordet werden. Der Premier verhängt oberste Geheimhaltungsstufe, kann allerdings nicht verhindern, daß die Öffentlichkeit Wind davon bekommt. Michael Callow sitzt also erst recht in der Zwickmühle. Maßgebliche Kreise legen ihm nahe sich für die Nation zu opfern, während die Medien einen übergroßen Event daraus aufkochen. Als das Ultimatum fast abgelaufen ist, hat der Premier keine andere Wahl mehr. Zynische Ironie dabei ist, daß die Entführte bereits vor Ablauf auf freien Fuß kommt, die gebannt auf Vollzug wartende Nation dies allerdings nicht rechtzeitig realisiert. Schlußendlich stellt sich heraus, daß die Entführung die Aktion eines geachteten Künstlers war, der damit die Manipulierbarkeit der Allgemeinheit aufzeigen wollte und nie die Absicht hatte der Hoheit ein Leid zuzufügen. Aus Gründen der Staaträson wird die Affäre unter ein Gebirge von Teppichen gekehrt. Schließlich hat die Nation mit Callow einen angesehenen Helden.

„Black Mirror“ - Abi

Jessica Brown-Findley ist Abi

Sozialzellen

„15 Million Merits“ beleuchtet eine Gesellschaft, die für das Erzeugen von Energie lebt. Auf stationären Rädern strampeln sich die fitten Menschen ab, um via Strom ihre Merits zu verdienen. Merits, die als Zahlungsmittel gelten und hauptsächlich in die Ausstattung von Avataren fließen. Individuelles Handelns steht außen vor, zumal die Kontrolle den Uniformen tägliche Ratschläge gibt, die befolgt werden müssen. Bing (Daniel Kaluuya) hat sich mit der Zeit ein Vermögen erradelt und sieht sich deswegen am Ziel. Er überzeugt Abi (Jessica Brown-Findley), die er liebt, bei einem Wettbewerb mit ihrem Gesang teilzunehmen. Wenn sie gewinnen sollte, wäre Abi aus der Tretmühle heraus und würde für die Unterhaltung der Massen arbeiten. Zwar überzeugt Abi die Jury mit ihrem Auftritt, wird dann aber zur Porno-Schiene abgeschoben. Für Sängerinnen bestehe zur Zeit kein Bedarf. Unter Drogen gesetzt willigt Abi in ihr Schicksal ein. Gebrochen und ohne Merits kehrt Bing zurück zu den Rädern. Gezwungen, sich die Pornos seiner Liebe anzusehen, verdient er sich geradezu zwanghaft ein zweites Vermögen und erkauft sich diesmal selbst eine Teilnahme am Wettbewerb.

„Black Mirror“ - The Entire History of You (2011)

Szene aus „The Entire History of You“

Teil dich mit!

Auf Sendung droht Bing damit, sich selbst zu töten, wenn er nicht seine Wut und Verachtung für das herrschende System verkünden darf. In einer Suada rechnet der Verzweifelte mit allem ab. Die Jury zeigt sich beeindruckt und bietet Bing ein eigenes Showformat mit eben diesen Inhalten an. Es soll nun offiziell über das System herziehen.
Part drei – „The Entire History Of You“ – behandelt die weiteste Extrapolation des derzeitigen Technologiestands. Die Menschen leben mit einem implantierten Gerät, das ihre Erinnerungen dauerhaft abrufbar zur Verfügung stellt. Dinge zu Vergessen ist nicht mehr möglich. Zudem dient eine zweite Option als eine Art gesellschaftliches Spiel, indem Erlebtes mit Freunden auf Bildschirmen, Wänden, an öffentlichen Plätzen geteilt werden kann. Liam (Toby Kebbell) nutzt die Errungenschaft wie jeder ander Mensch auch. Bis er aus Gesten und Worten seiner Frau Ffion (Jodie Whittaker) heraus argwöhnisch wird. Hatte sie während ihrer Ehe ein Verhältnis mit dem freizügigen Jonas (Tom Cullen)? Die aufkeimende Eifersucht läßt Liam keine Ruhe und er stellt Ffion zur Rede. Sie verheddert sich in Widersprüche und Ausflüchte. Schließlich gesteht sie ihm eine kurze Affäre mit Jonas. Außer sich vor Wut fährt der Mann noch in der Nacht zu dem Nebenbuhler. Nicht wegen der Bettgeschichte, sondern weil Jonas nie ein Hehl daraus gemacht hat, sich an Sex-Erinnerungen ausgiebig zu erfreuen. Allein oder mit anderen. Vor Ort zwingt Liam ihn die Clips seiner Frau vor seinen Augen zu löschen. Bereitwillig geht dieser darauf ein, nicht ohne dem Ehemann ein pikantes Detail zu verraten.
In Rage kehrt Liam nach Hause zurück und zwingt Ffion dazu ihre (!) Erinnerung abzuspielen. War ein Kondom im Spiel, oder ist seine Tochter vielleicht nicht sein Kind. Aufgelöst und erniedrigt verläßt Ffion mit ihr das Haus. Tage oder Wochen später beobachten wir Liam wie er in den Bildern besserer Tage versinkt. Bis er sich schlußendlich das Gerät herausschneidet. Die Qual endet damit aber nicht.

Ist das Wasserglass nach diesen drei Episoden voll oder leer?! Charlie Brooker selber will sich nicht definitv darauf festlegen. Er will beschreiben. Aufzeigen wo die Unwägbarkeit in den Ecken lauert. Für Pessimismus dürfte er dennoch wenig übrig haben. Schließlich lohnt sich das Anschreiben gegen die Auswüchse nur, wenn die Hoffnung nicht gegenstandslos geworden ist.

ROBERT MUSA

Detail zum Abschluß
Der Titel der ambitionierten und von der dortigen Kritik gefeierten SF-Reihe bezieht sich auf das Erscheinungsbild ausgeschalteter Bildschirme. Sie sind schwarz und wir können unser Antlitz darin sehen.

„Black Mirror“ - Bing & Abi

Jessica Brown-Findley und Daniel Kaluuya (Abi und Bing)

 

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