»Chefredakteur tot« – geblasen mit Boromirs Horn

SignalhornAutomatisierung ist langweilig, aber notwendig. Als Sparte des Maschinenbaus und der Prozesstechnik ist sie eine segensspendende Technologie, die aber nicht viel Unterhaltung bietet. Ingenieure dieses Zweigs, so muss man annehmen, suchen sich ihren Spaß woanders. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass viele von ihnen Fantasyfans sind; zwar gibt es keine Studien dazu, aber ich vermute, dass Nerds (also die Ingenieure von morgen) in größerem Maß SciFi- und Fantasy-affin sind als etwa Geisteswissenschaftler.

Zumindest ein bestimmter Redakteur der messtec drives Automation, einem der wichtigsten Fachblätter der Automation, vermutet offenbar, dass seine Leser den „Herrn der Ringe“, das Standardwerk der Fantasy, gut kennen. Also hat er in der aktuellen Ausgabe 3/12 den Charakter Boromir als Leitthema gewählt, um den Abgang des alten Chefredakteurs bekanntzugeben und zu kommentieren. Doch unter der Überschrift „Das Horn von Gondor“ produziert er dabei einige Missklänge, die einen zweifeln lassen, ob er seinem Vorgänger wirklich gewogen ist – oder ob er nur einfach seine Fantasy nicht ordentlich kennt.

Sein Ansatz ist dabei kein dummer: er nimmt die neun Gefährten als Beispiel und Vorbild für Teamwork, jeder mit seinen eigenen Stärken und Schwächen, so dass der Wegfall eines wichtigen Mitgliedes zwar tragisch, aber nicht katastrophal ist. Ein gutes Team übersteht das, wächst an seinen neuen Aufgaben. Klingt doch gut, oder?

Nur leider taugt gerade Boromirs Tod am Rauros ganz und gar nicht für diese positive Botschaft. Wir erinnern uns: Boromir versuchte, verleitet von der Macht des Rings, Verrat zu begehen, sein Tod sprengte die Gruppe, Sam und Frodo zogen auf eigene Faust los, Merry und Pipin gerieten in Gefangenschaft, Aragon, Gimli und Legolas mussten ihre wertvolle Zeit damit verbingen, die Rettung der Hobbits zu versuchen. Sind das die Zustände in der Redaktion der messtec? Na dann viel Spaß mit den Orks.
Nicht besonders harmonisch auch, wie der ehemalige Chef in diesem Gleichnis geschildert wird: er/Boromir habe sich „im Kampf verrant“, und nun würden der Gruppe „ein Schwert, ein Schild und das Horn von Gondor fehlen“ – wohlgemerkt, nicht etwa dessen Träger.

Nein, man hat das Gefühl, dass hier weniger ein gefallener Held besungen werden soll, als vielmehr ein besiegter Gegner verhöhnt. Der Frust, den der Autor fühlt, den er eventuell aber aus politischen Gründen unterdrücken muss, ist sicher groß. Und so besinnt er sich des Genres, das ihn in langweiligen Studienzeiten nie enttäuscht hat, wenn es galt, dem grauen Alltag zu entgehen: der Fantasy. Mit einiger Finesse lässt sich hier, geekig codifiziert, sagen, was offen nicht gesagt werden dürfte: Endlich sind wir ihn los, den Mann!

Dazu passt auch der Einleitungssatz des Editorials, der an Shakespeare gemahnt: „Boromir ist ein hochgeachteter Mann.

Et tu, Brute?

MICHAEL ERLE

Schwert

 

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Über Michael Erle

Autor von Fiction (Fantasy, SciFi, Thriller) und Non-Fiction-Texten. In viele von meinen Werken spielt Musik eine wichtige Rolle, was sicher auch daran liegt, dass ich mich auch zum Musiker berufen fühle. Im bürgerlichen Leben verdiene ich mein Geld mit Pressearbeit für IT- und Hightechfirmen. Nein, ich kann eure Computer trotzdem nicht reparieren.
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