Fantasy Ja! Aber bitte ohne Freaks!

LARP Week Long 028Es dürfte kein Zweifel daran bestehen: Geekdom und vor allem Fantasy haben den Massenmarkt erobert. Als Beleg könnte diese Liste der Top-Boxoffice-Hits über die Jahre und Jahrzehnte gelten: In den 2000er waren neun der Top-10-Filme Fantasy/SciFi (wobei ich Superhelden großzügig beiden Genres zurechnen würde). Dieser Trend hat seinen Anfang in den 70er Jahren („Star Wars“, „Superman“), und wenn sich damals wie heute sicher noch Kritiker des Genres finden, so darf man doch feststellen: von A wie Alderaan bis Z wie Zwerg hat der Mainstream so ziemlich jedes Element einer Gedankenwelt, die früher noch Geeks, Dorks und Freaks gehörte, aufgesogen. Vampire als bevorzugte Lektüre von Teenagermädchen waren sozusagen der letzte Nagel im Sarg des Nischendaseins unseres Lieblingsgenres. Spätestens die Spekulationen über das „Next Big Thing“ (Zombies? Werwölfe? Zeitreisende Cowboys?) sollten uns einen Schrecken eingejagt haben: unser schönes, verschrobenes und geistreiches Hobby leidet unter dem Gesetz des Freien Marktes und seines Marketings.

Das hat seine guten Seiten – siehe “Herr der Ringe” im Vergleich zum unvollendeten Zeichentrickversuch aus den 70ern – aber auch einen großen Nachteil: der Mainstream kann nämlich mit den urspünglichen Fans nicht viel anfangen. Klar, Geeks und Dorks haben zumindest dann ein gewisses Ansehen, wenn sie programmieren können. Aber Geschichts-Buffs, Rollenspieler, „Warhammer“-Pinsler werden nicht ernst genommen. Es herrscht eine gewisse Irritation der etablierten Medienwelt mit den Urhebern ihres größten Zugpferds – exemplarisch dargestellt im notorischen „Explosiv“-Beitrag über die Gamescom 2011:


Und hier die unerträgliche Pseudo-Entschuldigung.

Sogar eine ganze TV-Serie („Das Model und der Freak“) befasst sich mit nichts anderem als dem Freak und wie man ihn heilt – wobei die Tatsache nicht an Ironie zu überbieten ist, dass ausgerechnet sogenannte „Models“ den Weg in ein besseres, sozialverträgliches Leben ebnen sollen. In vollem Ernst, wohlgemerkt („Queer Eye for the Straight Guy“ war zumindest noch mit deutlichem Augenzwinkern an die Sache gegangen – aber das ist für das deutsche Publikum vielleicht noch zu kompliziert).

Goth GeishaIch bin (als Autor von Fantasy) auch schon auf diese Schwelle der Respektabilität gestoßen. Mein Profilbild, dass vielleicht nicht den Gipfel der Kunstfertigkeit darstellt, war der erste Anlass für Kommentare auf meinem Blog – und zwar irritierter: „Was ist das für ein Freak???“ und „nicht ganz geheuer“ – wohlgemerkt, von Menschen, die offenbar Interesse an Fantasy haben, sonst wären sie nicht auf meiner Seite gelandet. Fantasy hat offenbar ernsthaft zu sein (so auch ein Kommentar aus einer Rezension, die ich abgesehen davon ganz zutreffend finde: „[die Handlung wird durch] die Nebenstory des Hamsters Odysuffel ins Lächerliche gezogen und verliert an Glaubwürdigkeit.“

Korrekt. Wohlgemerkt: von magischen Schwertern über wasserspeiende Dämonen bis hin zu meschenfressenden Pflanzen scheint die Glaubwürdigkeit nicht bedroht. Ein intelligenter Hamster aber ist zuviel des Guten.

Ich reihe mich deshalb gerne in die Reihe der Freaks ein, die Pro7 vorgeführt hat (abgesehen von ihrer Dummheit, sich vom Privatfernsehen so benutzen zu lassen. Was tut man nicht alles für die Kohle für eine neue „Warhammer“-Armee …). Die Fantasy lebt vom Anderssein und Andersdenken, und zwar mit einer gewissen Dickhäutigkeit gegenüber Stil- und Niveaufragen. „Conan der Barbar“, „Highlander“, „Manowar“ – alles furchtbar peinlich, wenn man normale Maßstäbe anlegt. Aber ohne diese Extreme gäbe es auch keinen „Herr der Ringe“ (ungeachtet der zeitliche Reihenfolge ihres Erscheinens – Barsoom ist älter und noch peinlicher als sie alle zusammen), kein „Star Wars“, „Alien“, „Blade Runner“. Dafür nehmen wir Freaks diesen Namen gerne an, tragen ihn wie einen Ehrentitel (und schreiben spätestens im dritten Band dann tatsächlich nicht mehr von Hamstern, man lernt ja dazu).

Ich schlage übrigens den 31. Januar als Tag des Freaks vor – die Wiederveröffentlichung von Star Wars Episode IV (1997) und der Beginn der „Han shot first“-Debatte, die ihrerseits einen Versuch Lucas’ darstellt, seine freakigen Fehler der Vergangenheit zu bereinigen).

MICHAEL ERLE

LARP Shadows 098

Fotos: Bifford The Youngest (1, 3) (CC BY-NC 2.0),  fluffy_steve (2) (CC BY-NC-ND 2.0)

 

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Über Michael Erle

Autor von Fiction (Fantasy, SciFi, Thriller) und Non-Fiction-Texten. In viele von meinen Werken spielt Musik eine wichtige Rolle, was sicher auch daran liegt, dass ich mich auch zum Musiker berufen fühle. Im bürgerlichen Leben verdiene ich mein Geld mit Pressearbeit für IT- und Hightechfirmen. Nein, ich kann eure Computer trotzdem nicht reparieren.
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4 Antworten auf Fantasy Ja! Aber bitte ohne Freaks!

  1. RoM sagt:

    Das Unterhaltungskonzept der Privaten (mit Sogwirkung auf die öffentlich Gerechten) zielt auf die fürsorgliche Gehirnerweichung ab. Fans wird dabei nicht der Vorzug gegenüber Dicken, Einsamen, Vermüllten gegeben. Im Zentrum steht der Vorführeffekt, offen versteckte Häme oder die kollektive Erniedrigung. Sorgsam verdeckt durch Samaritergehabe und Betroffenheitsallüren. Vom Zielpublikum im übelsten aller Fälle für real erachtet. Second Life in der Analogversion.
    Der Tag des heiligen Georg…argumentiert wird immer gern, daß es ja s e i n e Filme seien und er damit tun könne wonach im beliebt. Stimmt aufreizend! Aber er muß nicht versuchen sie an uns zu verkaufen…
    Guter Beitrag, Michael.

  2. Michael Erle sagt:

    @RoM Recht hast Du. Wenn wir das Fass der Medienkritik des Privatfernsehens aufmachten, könnten wir mit dem Inhalt zahllose Rants füllen, fürchte ich.
    A propos: ich habe einen netten Vorschlag gefunden, in welcher Reihenfolge man die Star Wars Filme ansehen sollte – also nicht historisch (IV, V, VI, I, II, II) oder chronologisch (I, II, III, IV, V, VI), sondern bereinigt um Teil I (wodurch nicht viel verloren geht) und nach dem Motto: zweimal Luke, zweimal Anakin, und dann die Synthese: IV, V, II, III, VI. Ganz überzeugend finde ich. Argumente im Detail gibts bei Rod Hilton http://www.nomachetejuggling.com/2011/11/11/the-star-wars-saga-suggested-viewing-order/

  3. RoM sagt:

    @Michael Erle Oh ja, zur Medienkritik gibt es ganze Lehrstühle samt wortreicher Experten. Amüsante Radiodiskussionen bis zum Abwinken.

    Bei Star Wars habe ich eine persönliche Vorliebe – ‘Star Wars’ & ‘Empire’. Der große Rest ist nur ein Gerücht. Wobei man II relativ unbeschadet goutieren könnte, würde einen die schlechteste Liebesgeschichte der Galaxie nicht die Sinne verätzen.

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