Humanistische Grundhaltung:
Iain Banks – »Krieg der Seelen«

Iain Banks - „Krieg der Seelen“Fans – und da gibt es nicht wenige – werden sich die Hände reiben: endlich liegt ein neuer Kultur-Roman von Iain Banks vor, anscheinend der achte! Man ist beinahe versucht, den einigermaßen grausamen deutschen Titel zu verzeihen… Beinahe.
Der 1954 in Schottland geborene Banks ergänzt seine Future History einer galaxisweiten Meta-Zivilisation um ein eigentlich naheliegendes Detail: In einem Kontinuum, in dem es möglich ist, das Bewusstsein zu digitalisieren und in beliebige Körper zu verpflanzen, ließe sich auch das von den diversen Religionen beschworene ewige Leben nach dem Tode organisieren – im Guten (sprich: Himmel) wie im Schlechten: Höllen!

Einige Spezies waren offensichtlich überzeugt, nur mittels der praktizierten Drohung endlosen Leidens ein prämortales Wohlverhalten ihrer Angehörigen sicherstellen zu können. Andere fanden das widerum dermaßen unerträglich, dass die Galaxis am Rande eines groß angelegten bewaffneten Konfliktes stand. Zur „Klärung“ des Streits wurde schließlich ein virtueller Raum eingerichtet, in dem ein ebenso virtueller Krieg zwischen Höllen-BefürworterInnen und -GegnerInnen die Angelegenheit endgültig klären sollte. Dieser Krieg stellt eine Handlungsebene von Banks’ aktuellem Roman.

„Krieg der Seelen“ ist ganz große (Space) Opera. Zum Einstieg führt uns der Autor auf eine eher unwichtige Welt außerhalb der Kultur, wo der ebenso skrupellose wie mächtige Unternehmer Joiler Veppers seine persönliche Sexsklavin Lededie auf der Flucht stellt und ermordet. Zur größten Überraschung des Opfers scheidet diese damit jedoch nicht aus dem Geschehen aus, sondern erwacht als digitale Bewusstseinskopie im Speicher eines großen Kulturschiffs, welches ihr alsbald auch einen neuen Körper zur Verfügung stellt. Lededie beschließt, sich zu rächen… – was nur einen weiteren von mehreren ineinander verwobenen Erzählsträngen des Romans darstellt.
Eine dritte Handlungsebene führt in eine der bereits erwähnten virtuellen Höllen und gibt Banks Gelegenheit, mit seinen Fertigkeiten als Folterer erfundener Personen zu protzen.
Zurück im Einflussgebiet der Kultur erfahren wir weiter, dass es neben den Besonderen Umständen, dem Geheimdienst der Kultur, eine noch geheimere Organisation namens Quietus gibt, die sich mit Angelegenheiten des virtuellen Nachlebens befasst.
Im weiteren Verlauf kommen wir einigen der mächtigen KIs, die Teil der Kultur sind, so nahe wie selten zuvor, insbesondere einem Kriegsschiff namens Aus dem Rahmen normaler moralischer Restriktionen fallend, das Lededie bei ihrer Rachemission nach Kräften unterstützt.
Während die Rächerin sich ihrem Ziel nähert, muss die Fraktion der Höllen-GegnerInnen erkennen, dass sie drauf und dran ist, ihren virtuellen Krieg zu verlieren – und beschließt, den Krieg in den realen Raum zu tragen…

Fans der Kultur-Romane werden „Krieg der Seelen“ aller Voraussicht nach lieben und ihrem erklärten Lieblingsautor gerne nachsehen, dass er sich hier und da schon einiges an Zeit lässt, zum Thema zu kommen: ganz frei von Längen ist der vorliegende Roman wirklich nicht. Dafür entschädigen ein praller, phantasiesprühender Plot, viele humorvoll entfaltete Details und vor allem die positive, humanistische Grundhaltung, die beinahe auf jeder Seite immer wieder durchscheint.
Banks ist meines Wissens der einzige zeitgenössische Autor, bei dem eine Zivilisation des Überschusses, deren Angehörige zum überwiegenden Teil hedonistischen Vergnügungen nachgehen, nicht in Dekadenz versinkt, sondern sich immer wieder zu moralischen Handlungen durchringt. Das ist wahrscheinlich wirklich utopisch.

PETER HERFURTH-JESSE

Iain Banks – „Krieg der Seelen“
Science-Fiction-Roman, deutsche Erstausgabe, München 2012, Heyne TB 52871, Umschlaggestaltung: Nele Schütz Design
Originaltitel: „Surface Detail“ (2001), aus dem Englischen von Andreas Brandhorst
ISBN 3-453-52871-0, €15,99, 799 Seiten
 

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