Solides Debüt mit kleinen Schwächen
»Asylon« von Thomas Elbel

Thomas Elbel - „Asylon“Ja, „Asylon“ von Thomas Elbel ist eine Auftragsarbeit, wie er in der Danksagung zum Roman enthüllt. Es sei dahingestellt, ob Auftrags­arbeiten mit demselben Herzblut geschrieben werden wie Geschich­ten, die unbedingt erzählt werden möchten. Thomas Elbel liefert mit „Asylon“ jedenfalls ein solides Debüt ab.
Die Rahmenbedingungen für das Szenario sind diejenigen, die wir für Dystopien kennen. Die Menschheit lebt nach einer Katastrophe – hier „Surge“ genannt – in der letzten Stadt, die es auf der Erde noch gibt. Um die Stadt herum befindet sich eine Todeszone. Ein Minenfeld sowie eine Mauer mit einer Schnellschussanlage, die verhindern sollen, dass die Bewohner aus der Stadt fliehen können. Genau in dieser Todeszone beginnt die Geschichte des Masterlevellers Torn, der die Leiche einer Frau findet. Lynn ist von den Minen zerfetzt worden, als sie den Versprechungen einer ominösen Organisation namens Ordo Lucis nach einem besseren Leben außerhalb der Stadt folgen wollte. Ein Routinejob für Torn so scheint es. Ein Routinejob, der zusammen mit der Tötung von Torns Frau Yvette den Auftakt für seinen persönlichen Alptraum bildet.

Thomas Elbel beginnt die Erzählung seiner Geschichte in einem relativ hohen Tempo. Bereits in den ersten Kapiteln prasseln Namen und viele Eindrücke auf den Leser nieder, der diese erst einmal sacken lassen muss. Elbel präsentiert dazu noch einige übel zugerichtete Leichen, nimmt sich aber dennoch die Zeit, die Zusammenhänge zwischen den Charakteren zu beschreiben und vor allem ein ziemlich klares Bild von der Stadt zu zeichnen. Asylon besteht aus mehreren Schichten und präsentiert sich als willkürlich gewachsene Stadt, in der die Clans das Sagen haben. Wohnungen mit Tageslichteinfall sind gefragt und nur den besser Gestellten vorbehalten. Die restlichen Bewohner Asylons fristen ein Dasein in den unteren Schichten der Stadt, in denen die hygienische Versorgung katastrophal ist und das Tageslicht so gut wie gar nicht mehr hindurch dringt. Wer trotz der Beschreibung der Stadt noch Probleme hat, sich ihren Aufbau vorzustellen, dem legt Thomas Elben nahe, im Netz nach „Walled City of Kowloon“ zu suchen.

Wir lernen Saïna kennen, die in dem Krankenhaus arbeitet, in dem Torns Frau getötet wird und die zugleich noch die beste Freundin Lynns ist. Immer mehr Verstrickungen tun sich nun auf und im Verlauf des Romans wird es immer schwieriger, den Verstrickungen folgen zu können. Das Tempo des Romans flacht in der Mitte mit einem Mal vollends ab und es wird mühselig, der Geschichte zu folgen. Las sich der erste Teil noch ziemlich flüssig, wurde es im Folgenden leider immer zäher. Handlungsstränge, welche die Geschichte nicht wirklich vorantreiben, gleichzeitig die Charaktere dem Leser aber auch nicht näherbringen können, sind im Mittelteil eine deutliche Schwäche von „Asylon“. Es werden keine klaren Andeutungen auf die letztendliche Auflösung des Romans gegeben, was im ersten Moment etwas frustriert. Zwar lassen genügend Hinweise erahnen, dass die Einwohner Asylons ihr Dasein nicht freiwillig in der Stadt fristen, einige Lösungsansätze sind dann aber doch überraschend – der vielgerühmte Plottwist.
Nun ist es mit Plottwists so, dass sie gut erklärt werden müssen. Glücklicherweise nimmt sich Elbel an dieser Stelle ausreichend Zeit, um dem Leser die Hintergründe hierfür näher zu bringen, leider gelingt es ihm aber nicht, die an dieser Stelle notwendigen Sympathien für seine Charaktere zu wecken. Zwar lässt die Handlung erahnen, dass jeder Bewohner Asylons einmal ein anderes Leben außerhalb der Stadt geführt hat, es ist aber schwierig, mit dem eigentlichen Helden noch zu sympathisieren, wenn er eigentlich ein Anti-Held ist. Ebenso bleibt der Charakter Saïnas leider etwas blass, obwohl sie eine Schlüsselfigur darstellt.

Das Ende ist etwas überhastet, hebt sich aber positiv von dem typischen Ende, das man in diesem Genre kennt, ab. Unter dem Strich also eine Geschichte, die im Mittelteil etwas geraffter hätte erzählt werden können, um das Ende etwas ausführlicher gestalten zu können.
Mir lag übrigens ein Exemplar aus der ersten Auflage vor, das im Lektorat noch einige Mängel aufwies (die „versenkten Waden“ fand ich unfreiwillig komisch an der Stelle, an der sie mir begegnet sind). Mittlerweile gibt es eine neue Auflage, welche diese Fehler hoffentlich korrigiert hat.

Mit „Asylon“ legt Thomas Elbel ein gelungenes Debüt vor, das aber definitiv noch Luft nach oben lässt. Man darf gespannt sein, welche Entwicklung Elbel in seinen zukünftigen Romanen zeigen wird.

KATRIN HEMMERLING

Thomas Elbel – »Asylon«
Piper Verlag, September 2011
438 Seiten, ISBN 978-3-492-26792-2
 

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