»Spaten auspacken und Los geht’s!«
Interview mit Kueperpunk Korhonen

„Orbitale Visionen“ - Galerie
Rosenmontagmorgen. Ein kleiner Roboter mit Erste-Hilfe-Tornister beamt sich an Bord einer gläsernen Station, die gravitätisch über einer schäbigen Holzhütte schwebt. An Bord: Kueperpunk Korhonen und seine „Orbitalen Visionen“. Ich werde erwartet …

„Orbitale Visionen“ - Interview

Der Fandom Observer (hier getarnt als zu kurz geratener Sanitäter-Bot) interviewt Thorsten Küper aka. Kueperpunk Korhonen

KUEPERPUNK KORHONEN: Grüß dich, Manfred! Ich sehe, du hast jetzt eine humanoide Form …

FANDOM OBSERVER: Brauchte ich zum Autofahren …

KK: (lacht) Nimm Platz.

Ich arbeite dran. (Zielsicheres Hinsetzen zählt zu den Herausforderungen des SecondLife-Newbies) … Thorsten – ich darf dich doch Thorsten nennen?

KK: Aber klar!

Wir haben gestern abend die „Orbitalen Visionen“ erlebt. Wie lange haben die Vorbereitungen dafür gedauert?

KK: Im Prinzip haben wir vor zwei Monaten mit den Vorbereitungen angefangen, diese Struktur hier habe ich vor einem Monat gebaut. Die Bilder hängen zum Teil auch schon seit mehreren Wochen, wir haben sie nur hinter Schutzblenden versteckt – wenn sich Leute vorher umsehen, kommen sie ja nicht mehr zurück. Mittlerweile haben wir eine gewisse Routine entwickelt und vieles geht uns leicht von der Hand.

Wie muß man sich das vorstellen? Einfach den Spaten auspacken und los geht’s?

KK: So ungefähr.

Beschreib mal den Spaten.

KK: Du setzt so eine Struktur Stück für Stück zusammen. Diese Raumstation hier besteht aus vielen Klötzen, die ich einzeln erstellt – hier sagt man gerezzt – und mit entsprechenden Texturen versehen habe. Allerdings bin ich als Builder ein Amateur – da gibt es ganz großartige Experten; ich improvisiere mir so zusammen, was ich brauche. Ich sehe mich mehr als Event­planer und als Performer, als Vortragender in SecondLife.

„Orbitale Visionen“ - Publikum

Gewöhnungsbedürftig: das Second-Life-Interface blendet Informationen nach Wunsch ein

Och, diese beheizte Sofa-Anlage hat doch was!

KK: Ja, die hat unsere Firlefanz gebaut, ein Teammitglied mit einer Vorliebe für Steampunk.

Im Ernst: Was kostet der Spaß?

KK: Reden wir nicht über Geld. Aber es kostet, es geht einiges an Euros jeden Monat durch, um das hier zu halten, um hier arbeiten zu dürfen. Einnahmen haben wir keine, das war aber auch nie die Idee.

Hobbies dürfen ja ruhig etwas Geld kosten. Aber wie fühlt sich das an, Geld für virtuelle Dinge hinzulegen?

KK: Da hat sich etwas in unserem Grundbewußtsein verändert. Menschen investieren immer mehr in virtuelle Güter, in Dinge, die nur auf einem Server existieren – siehe diverse MMORPGs wie World of Warcraft. Der Witz ist, diese Dinge fühlen sich an, als würde man sie real besitzen. Eine Erfahrung, die wohl jeder Onliner teilen kann, Blogger zum Beispiel, die ihr Blog auch als sehr konkret empfinden.

Diese Galerie und vor allem das Kafe Krümelkram darunter sind sehr detailreich. Habt ihr keine Angst, daß das verlorengeht, wenn bei Linden Labs ein Server abschmiert?

KK: Ja, das ist keine unrealistische Möglichkeit. Es gibt noch weit mehr, was passieren könnte. Und es passiert auch, wobei der sogenannte inventory loss heute in SecondLife nur noch sehr selten vorkommt. Eventuell muß man mal neu bauen, aber da diese Welt sich sowieso ständig verändert, ist das nicht ungewöhnlich.

„Orbitale Visionen“ - Ausstellung

Der Fandom Observer (hier als „rasender Toaster“) betrachtet Werke von Timo Kümmel

Man liest, daß Linden die Haftung für solche Verluste ausschließt …

KK: Ja, es passiert aber sehr selten.

Wann hast Du damit begonnen, Lesungen in SecondLife zu organisieren?

KK: Zum ersten Mal im Frühjahr 2009, da habe ich eine Story von mir, die in Amerika erschienen war, als Bühnenstück inszeniert. Zauselina hat aber schon 2007 damit begonnen; ich bin zu den Brennenden Buchstaben dazugestoßen. Zauselina – eigentlich Kirsten – ist auch meine Real-Life-Freundin, sie sitzt im RL gerade einen halben Meter hinter mir.

Dann gestatte die Zwischenfrage: Wer hat denn bei der Gestaltung des Kafes das Sagen?

KK: (lacht) Sie! Wir haben ein gemeinsames Faible für Steampunk und Kulturcafes, das passt super zusammen. Das eigentliche Kafe hast du auch gesehen? Das ist nämlich unter uns.

ZAUSELINA RIEKO: Ich mache mehr die Innenarchitektur und Thorsten die Außenanlagen.

Die technische Möglichkeit läßt es ja naheliegend erscheinen, Lesungen virtuell zu organisieren. Ist es schwer, die Autorenkollegen dazu zu überreden?

KK: Ja und nein. Bei einigen Kollegen ist es unglaublich leicht, bei Michael zum Beispiel, oder Frederic oder Krimiautor Oliver Buslau. Bei anderen: unmöglich!!!

Wieso?

ZR: Manche kennen SecondLife gar nicht und da muß man Aufklärungsarbeit leisten – dann dauert es eben etwas länger.

KK: Ich habe einige gute Freunde, hoch technikaffin, die offenbar befürchten, sich beim Kontakt mit SecondLife bis auf die Knochen zu blamieren oder sich in einen eremitisch lebenden Soziopathen zu verwandeln. Das ist bedauerlich, denn dieses Phänomen habe ich auch bei engen Freunden beobachtet, die oft auch noch Gamer sind. Ich habe mir abgewöhnt, sie mit Anfragen zu „belästigen“.

ZR: Ja, die verstehen SecondLife oft nicht. Es ist eben kein Game im klassischen Sinne.

KK: Ich glaube, es sind mehr gewisse mediengeschürte Vorurteile über die psychologische Veranlagung von SecondLifern.

Die da wären?

KK: Jungs ohne Freundin, die in Phantasiewelten leben, mit anderen Worten also der durchschnittliche Science-Fiction-Fan, wie man ihn früher sah.

ZR: Vorurteile sind auch, daß das hier Geld kostet oder daß man das nur für virtuellen Sex gebrauchen kann.

Gestern abend nanntest du selber das real life eine „erbärmliche Krankheit“ …

KK: Wann habe ich denn das getan? (lacht) Aber das Leben hat gewisse Eigenheiten, die ärgerlich sind: Bundespräsidenten, frühes Aufstehen, Herzinfarkte … Also ganz vorn natürlich frühes Aufstehen.

Steampunk-Luftschiff

Nicht allgemein verfügbar: Steampunk-Luftschiff über dem Kafe Krümelkram

Die Ausstellung wird uns noch für vier Wochen erhalten bleiben. Wofür werdet ihr die Galerie anschließend nutzen?

KK: Das wird dich erschüttern: Ich werde mit dem Cursor ein großes Rechteck um sie ziehen und sie in meine virtuelle Innentasche stecken.

ZR: Wir reißen sie ab.

Nun gut, sie ist keine architektonische Offenbarung, aber erst vier Wochen Aufwand und dann abreißen?

KK: Prims* sind sehr begrenzt.

ZR: Wir bauen was Neues für das nächste große Event, soll ja auch thematisch immer passen.

KK: Das ist SecondLife. Vier Wochen sind hier eine Ewigkeit – mit unserem Kafe, das so seit fast zwei Jahren steht, sind wir eine absolute Ausnahme. Das Kafe bleibt natürlich stehen. Am 7. Juli wollen wir ein kleines RL-Buchevent in Duisburg machen, so eine Art kleine Buchmesse, aber dazu werden wir noch mehr auf den Blogs berichten.

ZR: Wir kombinieren SecondLife und RL.

KK: Hier wird es mit vielen Events weitergehen – gleich nächsten Sonntag mit einer Krimilesung – und verschiedenen Ausstellungen, für die wir die Prims benötigen. Gabriele Behrend, Miriam Pharo und Simone Edelberg werden als nächstes Science Fiction lesen, dann kommt eine internationale Lesung, unter anderem mit Jonathan Dotse aus Ghana, der gerade einen Artikel bei BoingBoing veröffentlicht hat. Und Mittwoch spielt Michael Iwoleit hier live elektronische Musik.

Brennende Buchstaben - Float

„Kultur macht sexy“: Kueperpunk Korhonen im virtuellen Feinripp auf dem Liebesfloat der Brennenden Buchstaben

Hast Du nicht auch noch andere Engagements in SecondLife?

KK: Ich tingel’ hier oft rum, stimmt.

Gerade heute, am Rosenmontag …

KK: Heute nicht … naja, oder doch … also … Wir haben einen Karnevalswagen im virtuellen Köln.

„Kultur macht sexy!“ steht da drauf.

KK: Wir sind jung, wir brauchen das Geld. Und ich werde mich in Unterwäsche darauf räkeln.

ZR: Da haben wir als Gastleser einen kleinen Auftritt gehabt. Manchmal werden wir eingeladen, dann lesen wir woanders, also nicht in unserem virtuellen „Zuhause“.

Wieso darf ich eigentlich nicht mit den Zeppelinen fliegen, die hier über uns schweben?

KK: Schon mal versucht, in den Ferrari auf dem Parkplatz einzusteigen? Das darf nur der Besitzer.

Und wie kommt die Kiste Schampus in den Wassergraben?

KK: Ich schätze, das ist ein Rest des Weinkellers, den wir neulich abgebaut haben, der war für eine Lesung vorgesehen.

Ich sehe ein interessantes Berufsbild am virtuellen Horizont aufscheinen: SL-Archäologe …

KK: Absolut.

Danke für das Gespräch und viel Spaß bei den nächsten Events!

DAS INTERVIEW FÜHRTE MANFRED MÜLLER MIT KUEPERPUNK KORHONEN (THORSTEN KÜPER) UND ZAUSELINA RIEKO PER CHAT IN SECONDLIFE.

*Ein Prim ist das Basisbauelement in SecondLife. Es besteht aus Polygonen; die Grundformen sind einfache geometrische Körper, die mit verschiedenen Parametern verändert werden können: Höhe, Breite, Länge, Rotation, Position, Verdrillung, Aushöhlung, Texturen, Transparenz etc.

SecondLife - Rosenmontagszug

Bitte draußen bleiben: wenig Publikum beim virtuellen Rosenmontagszug – mehr als 50 Avatare verkraftet ein Sim nicht

 

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Über muellermanfred

Manfred schreibt seit 1989 für den Fandom Observer und hat das Heft von 1992 an ein paar Jahre lang als alleiniger Chefredakteur betreut. Kümmert sich heute vor allem um den FO im Internet. Beruf: Grafiker. Fährt gern Rad.
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