Wenig Licht, mehr Schatten: Nova 18

NOVA 18Alle Jahre wieder erscheint eine neue „nova“-Ausgabe. Ja, war denn nicht zuletzt noch von zwei Ausgaben per anno die Rede gewesen? Immerhin bleibt der Preis der Einzelausgabe erfreulich stabil. Hatte „nova“ nach einer ganzen Reihe schwächerer Ausgaben zuletzt wieder zu alter Form zurückgefunden, mischen sich nun wieder wenig Licht und mehr Schatten.

Heidrun Jänchen („Gänseblümchen“) führt uns in eine möglicherweise recht nahe Zukunft, in der nur noch privatisierte psychosoziale Eingreiftruppen sicherstellen können, dass die in immer kürzeren Abständen austickenden Angestellten aus ihren Betreiben Kleinholz machen. Die Autorin hat mich mit ihrer kleinen Sozialsatire zumindest zum wiederholten Grinsen gebracht.
Olaf Kemmler („Der Kuss der Deltafluoride oder: Die Heimtücke alles Lebendigen“) schickt eine Truppe von Kriegermönchen in einen aussichtslosen Kampf gegen eine ungemein anpassungsfähige außerirdische pflanzliche Lebensform. Actionbetont und kompetent geschrieben.
Sven Klöpping („Mein Freund, der Arkologiker“) stellte mich vor mancherlei Rätsel. Knapp dreißig Seiten wird ohne erkennbare Höhepunkte ein Ausflug in eine orbitale Raumstation geschildert, wo sich die zwei Protagonisten überwiegend mit Saufen und Glücksspiel zu beschäftigen scheinen. Das Ganze wird dadurch auch nicht besser, dass es sich bei dem Ich-Erzähler um eine narzißtische Persönlichkeit mit der emotionalen Intelligenz eines bestenfalls Dreizehnjährigen handelt. Ich frage mich wirklich, wie es die immerhin wunderbar illustrierte Geschichte ins Heft geschafft hat.
Thorsten Küper („Haptisch…“) schildert zynisch, erbarmungslos und dabei wirklich unterhaltsam die Auswirkungen des Konsums einer illegalen Droge. Kurz und böse.
Gabriele Behrend („Patchwork“) führt uns in die wahnumwaberten Innenwelten einer Durchgeknallten. Dicht geschrieben, auf eine nachvollziehbare Motivation jedoch konsequent verzichtend.
Bei Florian Heller („Das Ende der Party“) verschaffen Aliens einen bestenfalls mittelmäßig Begabten zu Hyperintelligenz, was am Ende einigermaßen pointenfrei verpufft.
Holger Eckhardt („Das letzte Taxi“) lässt einen extraterristrischen Gastronomiekritiker über das Schicksal der Menschheit entscheiden, was leider nicht ganz so lustig ausfällt wie wahrscheinlich erhofft.
Norbert Stöbe („Klondike“) präsentiert uns einen Protagonisten, der nicht damit klarkommt, dass sein Vater ein Roboter ist.
Wolf Welling („Die Katze Schrödinger“) befasst sich mit dem berühmten Gedankenexperiment und wirkt in seiner Montage zweier paralleler Erzählstränge selbst einigermaßen experimentell.
Siegried Langer („Schöpfungsgeschichte oder Die Kanzlerin und das Raumschiff“) lässt den Erstkontakt zum Jüngsten Gericht werden – für die verfehlte Spezies Mensch.
Bei Karsten Greve („Die Entschädigung“) bieten Aliens einem irrtümlich entführten Menschen als Ausgleich die wirklich nicht so tolle Wahl zwischen den Superkräften drei Minuten in die Zukunft zu riechen und supernett zu sein an. Eine knappe, hübsche, lakonische Geschichte.
Unter der Überschrift „Science Fiction und der Nahost-Konflikt“ diskutieren zwei israelische Genre-Autoren und ein in Berlin lebender Arabisch-Übersetzer über selbiges Thema und steuern drei eigene Geschichten bei.
Guy Hasson („Das Attentat“) führt weit in die Vergangenheit zurück. Ein zionistischer Attentäter erfährt die tatsächlichen Hintergründe eines viele Jahre zurückliegenden Anschlages, der ihn für die einen zum Helden und für andere zur Unperson gemacht hat.
Achmed A.W. Khammas („Licht“) präsentiert eine Zukunft der Sonnenenergie, wie man sie sich nicht wirklich wünschen dürfte.
Bei Lavie Tidhar („Shira“) erlebt eine Literaturwissenschaftlerin bei Recherchen über einen kaum bekannten israelischen Lyriker eine transzendentale Romanze. Ich fand hier nicht nur spannend, mit welcher Beiläufigkeit die Geschichte nach der nuklearen Zerstörung Jerusalems angesiedelt ist, vor allem begegneten mir hier die lebendigste, fühlbaste Figur aller in der aktuellen „nova“-Ausgabe versammelten Geschichten.

Ein Nachruf auf den Schriftsteller und Lyriker Wolfgang G. Fienhold, ein vermutlich sogar witzig gemeintes Nachwort „Aus der Redaktion“ und die beliebten Kurzbiografien der beteiligten AutorInnen und IllustratorInnen runden eine Ausgabe ab, bei der die kürzeren, der Pointe verpflichteten Beiträge doch eher überzeugen können als die umfangreicheren.
Hey! Dafür brauchen wir kein dickes Magazin, das konnten auch die traditionellen Fanzines, von denen es allerdings nicht mehr allzu viele gibt. Mein „nova“-Abo ist mit der vorliegenden Ausgabe jedenfalls abgelaufen; ich weiß diesmal nicht, ob ich es wieder verlängern soll.

PETER HERFURTH-JESSE

P.S.: Dem Editorial entnehme ich, dass Mitbegründer Ronald M. Hahn das Magazin verlassen hat. Es heißt, der Zweiundsechzigjährige wolle es ruhiger angehen lassen. Wir dürfen gespannt sein, ob der Mann das tatsächlich durchhält.

Ronald M. Hahn, Frank Hebben, Olaf G. Hilscher, Michael K. Iwoleit (Hrsg.): NOVA 18 – Das deutsche Magazin für Science Fction
Originalausgabe. Nova Verlag, Wuppertal 2011, ISSN 1864-2829
Umschlagillustration: Robert Porazik
Innenillustrationen von Tim Eckhorst, Jan Funke, Tim Gaedke, Christian Günther, Christoph Jaszczuk, Nummer 85, Stas Rosin, Magdalena Rybak, Philip Schaufelberger, Klaus G. Schimanski, Sarah Schwerda, Si-Yü Steuber, Julia Willemsen., Michael Wittmann
185 Seiten, € 12,80
 

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3 Antworten auf Wenig Licht, mehr Schatten: Nova 18

  1. Theo sagt:

    Das Cover von Nova 18 ist so was von daneben – also echt – merkt das keiner?
    Wer denkt sich bloß so was aus, wer entscheidet, dass sich so was als Titelbild eignen würde, wer kauft so was? Das ist einfach krank.

  2. RoM sagt:

    Vermutbar geht es um die geöffnete Brust des Fremden?
    Splatter!!!
    Reine Interpretation, denn in ähnlicher Weise könnte es sich auch um einen normalen Vorgang für den Dargestellten handelt. “Leg´ ich mal meine Brustlamellen an die frische Luft!”
    Ist nun wirklich kein Gore-Cover…

  3. Hm, man könnte maulen, wie es sein kann, daß das Licht auf die Gesichter hinter der Figur im Vordergrund fällt, ohne Schatten zu werfen, oder die hausbacken symmetrische Komposition bemängeln, aber krank? Fremd vielleicht, was ja kein Wunder ist, handelt es sich doch augenscheinlich nicht um Menschen.

    Vielleicht wirkt hier unterbewußt das fleischliche Farbspektrum aus der Bandbreite von frisch geschlachtet bis fast verwest – richtig angenehm zu betrachten ist das Motiv nicht, aber das ist sicher nicht die Anforderung gewesen.

    Ich denke mal, auch heutzutage muß man nehmen, was man kriegen kann. Das war eigentlich schon immer so: Den schlechten Autoren sieht man das mangelnde Können erst an, wenn man sie gelesen hat, ein schlechter Zeichner verrät sich sofort und wird im Zweifel nicht gedruckt. Es gehört also viel mehr Mut dazu, dem Publikum mit Zeichnungen zu begegnen, als mit Texten, die überflogen und vergessen werden, wenn sie nichts taugen. Bilder hingegen wirken lange nach.

    Robert Porazik ist jedenfalls kein Anfänger, technisch hat er einiges drauf, wie man schön sieht, wenn man das Bild in der Vergrößerung betrachtet.

    Warten wir also ab, ob Theo sich nochmal meldet und uns wissen läßt, was genau er „daneben“ findet.