Grundlos gescheitert:
China Miévilles »Embassytown«

China Miéville - „Embassytown“China Miévilles Roman „Perdido Street Station“ hat mich damals umgehauen – wegen seiner Sprache, wegen seiner Einzigartigkeit und vor allem wegen seines Ideenreichtums jenseits aller Fantasyklischees. Seither hat Miéville alle möglichen Genres ausprobiert, überall mit dem Anspruch, mit einer bekannten Struktur etwas Neues zu erschaffen, meistens mit Erfolg. Dann kam „Embassytown“. China Miévilles Versuch, den klassischen Science-Fiction-Roman neu zu erfinden ist meines Erachtens grandios gescheitert und lässt mich als Fan mit der Frage zurück, ob ich den Autor überschätzt habe.

An Ideen mangelt es Miéville keinesfalls. Der Roman handelt vom Planeten Arieka, dessen fremdartige Bewohner zwei Münder haben. Ihre Verständigungsschwierigkeiten mit den Menschen, die vor Ort eine Botschaft mit einer kleinen Stadt errichtet haben, liegen aber nicht alleine daran. Für die Ariekei sind die Sprache und das, was die Sprache bezeichnet, ein und dasselbe. Sie können weder lügen noch Metaphern verwenden und hören keine sinnvolle Sprache, wenn Gesagtes und Gedachtes nicht übereinstimmen. Die Menschen züchten deswegen mental gleichgeschaltete Klone, die Ambassadors, die dann endlich mit den Ariekei kommunizieren können.

Die Idee klingt faszinierend, dem Linguistikinteressierten stellt es dabei allerdings die Nackenhaare auf, widerspricht sie doch allen Prinzipien menschlicher Sprache. Aber hey, faszinierend wäre es schon, wenn ein SF-Roman die wissenschaftlichen Fakten auf den Kopf stellte, um damit eine interessante Diskussion zu erschaffen. Leider ist das Gegenteil der Fall: Miéville verstrickt sich bei der Beschreibung der Ariekei-Sprache und ihrer Konsequenzen je länger je mehr in halbwissenschaftliche Verdrehungen und Widersprüche – mir ist zum Beispiel bis heute nicht klar, warum ab der Mitte des Buches plötzlich Sprachaufnahmen der Ambassadors funktionieren. Im Finale führt der Autor seine wackeligen Grundregeln ad absurdum, indem die Protagonistin sie mit einer minimalen Intervention umdreht. Der unerträgliche Deus-ex-Machina-Schluss ließ mich mit der Frage zurück, warum ich mir 400 Seiten Exposition davor angetan habe.

Die Protagonistin Avice Benner Cho, die auch als Ich-Erzählerin fungiert, lernen wir schon als Kind in Embassytown kennen, mit ihren ersten Kontakten zu den Ariekei und ihrem Weg als „Immerser“. Auch hier wieder großer Ideenreichtum von Seiten des Autors, wenn es um die Beschreibung seiner Version des Raum-Zeit-Reisens geht: Die Philosophie des „Immer“ wird über Dutzende Seiten ausgeführt, durch die man sich als Leser durchkämpft, weil sie ja schließlich bestimmt wichtig für die Handlung sind. Oder eben nicht. In einem Interview hat Miéville als Projekt beschrieben, dass er nach einer Weile neu aufgegriffen hatte, um es fertig zu schreiben. Offenbar hatte das „Immer“ nur in der Urversion des Plots eine Rolle gespielt.

Die Tatsache, dass der Roman in zwei Teile zerbricht, dessen Bruchstelle für den Leser auf die Seite genau erkennbar ist, spiegelt sich auch in dessen Struktur wieder. Scheinbar wahllos springt die Erzählerin zwischen Vergangenheit und Gegenwart hin und her; mit dem einzigen Effekt, die Leser zu verwirren. In der Mitte des Buches brechen die Flashbacks plötzlich ab und die Erzählung läuft völlig linear weiter. Auch dafür ist der Grund im Text selbst nicht ersichtlich.

All das könnte ich dem Roman nachsehen, wenn er nur spannend gewesen wäre oder mich das Schicksal der Charaktere auch nur ein wenig interessiert hätte – schließlich bin ich ein Miéville-Fanboy. Das Problem dabei ist, dass die erzählerische Stimme von Avice derart unterkühlt ist, dass jegliche Identifikation mit diesem Charakter von Anfang an unterbunden wird. Avice stoßen unerhörte Dinge zu, sie reist durch das halbe Universum und wechselt regelmäßig ihre Liebhaber, doch die Motivation und Emotion der Figur sind kaum je nachvollziehbar. Dasselbe gilt für die Ariekei, die im zweiten Teil des Buches viel stärker in den Vordergrund rücken. Obwohl ich es sehr schätze, wenn ein Autor seine Aliens tatsächlich völlig fremdartig macht statt einfach Menschen mit spitzen Ohren zu beschreiben, war es hier sicher der falsche Weg. Die Ariekei stehen im Zentrum des Plots, aber sie sind für mich als Leser bis zum Schluss derart wenig greifbar geblieben, dass mir ihr Schicksal herzlich egal war.

Das Traurige an der ganzen Geschichte ist folgendes: Wenn ich es jemandem zugetraut hätte, dem ideenbasierten, philosophisch angehauchten Science-Fiction-Roman im Stil der Siebzigerjahre neues Leben einzuhauchen, dann China Miéville. Dass er stattdessen einen langweiligen, schlecht strukturierten und in sich widersprüchlichen Text auf Basis ziemlich schwurbeligen Linguistik-Halbwissens produziert hat, bricht mir das Herz.

MARKUS WIDMER

 

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