»John Carter – Zwischen zwei Welten«
Großer Quatsch – und großartige Unterhaltung

„John Carter“ - Luftschiff

Fantasy ist im Grunde ihres Herzens albern. Sie ist eine Amalgierung alter Mythen und Märchen aus den Kindestagen der Menschheit, und dementsprechend viel Toleranz muss ein Rezipient haben, um die große Kluft zwischen Realität und dargestellter Erzählwelt zu überbrücken.
(Eine private Note: meine Frau, studierte Germanistin, weigert sich seit Jahren standhaft, irgendeinen Film mit a) Raumschiffen b) Elfen, Zwergen oder c) Schwertern mit mir zu sehen.) Gleichzeitig haben Fantasy-Geschichten ihres Ursprungs wegen einen sehr direkten Zugang zum emotionalen Unterbau unserer Psyche: der Glaube an Monster, Magie und dem einfachen Gut/Böse-Schema des Märchens ist tief in jedem von uns verwurzelt. Das gibt den Geschichten Kraft, uns zu berühren und zu bewegen, wie jeder Fandomler aus eigener Erfahrung weiß.

So stehen wir oft genug vor dem Dilemma, unsere Begeisterung für eine bestimmte Geschichte, einen Film oder ein Thema vor anderen begründen zu müssen. Oft genug stehen wir dabei auf verlorenem Posten: »Conan der Barbar« ist immens unterhaltsam, aber jeder halbwegs gebildete Mensch erkennt auch, dass Film, Geschichte und Hauptdarsteller großer Quatsch sind. Ähnlich verhält es sich mit »Highlander«: Pathos pur, aber nur wenn man Teile seines Hirns vorübergehend ausschalten kann, wird man in die Geschichte eindringen können und das Werk genießen (wobei der brillante Soundtrack von Queen sicher hilft). Manche Filme spielen mit dieser willentlichen Überwindung des gesunden Menschenverstandes: »Starship Troopers« funktioniert nur, wenn man es mit einem zwinkernden Auge betrachtet. Sie bilden den Übergang zu einem eigenen Genre, dem Kult/Trash/B-Movie-Gebiet.

Es ist aber ungemein schwer, eine Fantasy-Geschichte zu erzählen, die weder zu weit in Richtung Trash abdriftet, noch sich selbst zu ernst nimmt. Gescheiterte Beispiele gibt es genug; Filme, die bei großem Aufwand und visuellen Effekten einfach nur steif und langweilig wirken (siehe »Star Wars« Episode 1-3) oder aber im Sumpf der Trashigkeit versinken und nicht mehr witzig sind (eine gute Illustration bietet der Webcomic XKCD – oder Werke von Uwe Böll).
Es zeugt von großen filmischen Geschichte und einer Portion Glück, wenn es dennoch gelingt. Der Film »John Carter« muss demnach als Kind eines Schornsteinfegers an einem Sonntag in einem Bett aus vierblättrigem Klee geboren sein.

Edgar Rice Burroughs - „A Princess of Mars“»John Carter« basiert auf den Werken Edgar Rice Burroughs’, einem spätberufenem Autor aus der Zeit der Jahrhundertwende vom 19. ins 20. Jahrhundert. Burroughs ist besser bekannt für sein zweites großes Opus, »Tarzan«. Er ist tief in der Kultur der Pulp-Romane verankert, die aus dem viktorianischen Weltbild schöpfen. Bei Tarzan zeigt sich das im verklärten Bild des Kolonialismus, bei den Barsoom-Geschichten (deren Held John Carter ist) treten Grünhäutige Aliens an die Stelle Dunkelhäutiger Menschen, sechsbeinige Monstren nehmen den Platz der Elefanten ein, und der Transit zwischen den Welten geschieht nicht auf dem Dampfschiff, sondern mittels einer nicht näher definierten, magieähnlichen Technologie. Burroughs war kein großer Fan technischer Fiktion, so dass sich John Carter ganz uner­klärt auf dem Roten Planeten wiederfindet. Er wird dort in eine Reihe von Abenteuern verwickelt, an deren Ende er Schlachten schlägt, Welten rettet, eine Prinzessin heiratet, Ruhm und Reichtum erlangt und ganz allgemein das Happy End eines Action-Helden erreicht. Insofern hat der Film nichts Neues zu bieten.

„John Carter“ - Taylor Kitsch

Taylor Kitsch spielt John Carter

Was macht »John Carter« dennoch bemerkenswert? Es ist zum einen der Hauptdarsteller Taylor Kitsch. Er geht mir einer aufrichtigen Begeisterung an sein textilarmes Werk, die im zynischen 21. Jahrhundert selten ist. Zudem sieht er aus wie eine Mischung zwischen Orlando Bloom und Arnold Schwarzenegger in seinen jungen Jahren, und er wird von Regisseur Andrew Stanton bestmöglich eingesetzt. Es werden ihm Szenen erspart, in denen sein möglicherweise begrenztes schauspielerisches Talent zu Tage träte, dafür bekommt er Gelegenheit, verwirrt-ehrliche Blicke in die Landschaft schweifen zu lassen, die sicher zu einem Markenzeichen für den jungen Kanadier werden.

Ihm zur Seite steht Lynn Collins, die in ihrem Hingucker-Faktor dem Helden in nichts nachsteht. Sie bekommt die ehrenvolle Aufgabe, das Gehirn und die treibende Kraft hinter der Handlung zu sein, und obwohl es am Ende Carter ist, der die geheimnisvollen Drahtzieher hinter dem drohenden Weltuntergang des Mars aufdeckt und besiegt, hat man meist das Gefühl, dass es Collins’ Prinzessin Dejah ist, deren Geschichte hier eigentlich erzählt wird: Carter prügelt sich relativ linear durch seinen Charakterbogen, Dejah ist es, die mehr Emotion und Wandlung zeigt und letzten Endes für den Zuschauer zugänglicher ist.

„John Carter“ - Lynn Collins

Dejah Thoris (Lynn Collins), Prinzessin von Helium

Ein weiteres Element, dass für diesen Film spricht, ist sein zurückhaltender visueller Ton. Aliens und Monstern haben einen Retro-Touch, der an Harryhausens Stop-Motion-Kreationen gemahnt. Eine besondere Art von Einstellung scheint »John Carter« zudem für sich erfunden zu haben: Panoramaansichten des Mars, die kleine, bewegte Figuren enthalten (Carter auf seinem Reittier, das Dorf der Tharks,), welche etwas grobkörnig wirken, so wie bemalte Miniaturen einer Modelleisenbahn. Bisweilen sind optische Zitate aus Conan oder den Wüstenszenen der Star Wars-Filme etwas zu deutlich, doch alles in Allem punktet der Film im Bereich der Optik.

„John Carter“ - Sarkoja

Der wichtigste Aspekt aber ist sicherlich das Augenzwinkern, mit dem die Macher sich an ihr Werk herangewagt haben. Ihr Quellenmaterial war nie auf Qualität hin geschrieben (siehe Burroughs’ Zitat), und sie haben nicht versucht, diesen Umstand zu ändern. Logik und sachliche Richtigkeit sind nachrangig, der Unterhaltungswert wichtiger (ein Beispiel: die Monde des Mars: im Film als zwei schön anzusehende Sphären anzusehen, sind sie in Wirklichkeit eher kartoffelförmig und klein). Am besten illustriert wird diese Einstellung durch eine bemerkenswerte Kopfnuss, die John Carter sich einfängt, und die wir ein Signal wirkt: Lieber Zuschauer, nehmt es nicht zu ernst und habt euren Spaß. Wir tun es auch.
Eine Haltung, die in allen Lebensbereichen hilfreich sein kann.

MICHAEL ERLE

„John Carter“ - Helium

 

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Über Michael Erle

Autor von Fiction (Fantasy, SciFi, Thriller) und Non-Fiction-Texten. In viele von meinen Werken spielt Musik eine wichtige Rolle, was sicher auch daran liegt, dass ich mich auch zum Musiker berufen fühle. Im bürgerlichen Leben verdiene ich mein Geld mit Pressearbeit für IT- und Hightechfirmen. Nein, ich kann eure Computer trotzdem nicht reparieren.
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Eine Antwort auf »John Carter – Zwischen zwei Welten«
Großer Quatsch – und großartige Unterhaltung

  1. RoM sagt:

    Disney hat sich bei zwei, drei hundert Mio Aufwand ein ordentliches Minus an erhoftem Umsatz mit ‘John Carter’ eingefahren. War der Film also zu ambitioniert für den Mainstream im Publikum?! Nach der Kritik von Michael Erle ist es zu vermuten.
    Beim erwähnten ‘Highlander’ habe ich stets das Problem es mit zwei unterschiedlichen Filmen zu run zu haben. Die Vergangenheit ist hier bedeutend interessanter und stimmiger, als die langweilende Gegenwart.
    Mit Lucas & Böll sind wir einer Meinung!