Leipziger Buchmesse 2012:
Leipzig ist anders

Leipziger Buchmesse 2012 - Jennifer Schreiner

Jennifer Schreiner (Elysion Verlag) mit Engelskostüm, die mit ihren Flügeln auf anderen Ständen als »Abräumer« wirkte

»Leipzig ist anders!« – dieser Ruf schallte mir immer wieder entgegen, wenn ich aufgrund des Termindrucks in Frankfurt ein typisch deutsches Jammern von mir gab. »Leipzig ist lockerer, gemütlicher …«, so die Begründung. Dann testen wir eben mal Leipzig aus, so mein Entschluss und schnell waren Flug, Plastikhotel und Messe gebucht.
Beim Flug mit Lufthansa erlebte ich eine hübsche Anekdote: Kaum hatte ich den Check-In frühmorgens in München erreicht, da erfuhr ich, dass mein Flug überbucht sei. Ob ich denn gerne nach Dresden fliegen würde, so die Frage. Nö, eigentlich nicht – aber das folgende Angebot lies mich doch einen kurzen Abstecher in die Landeshauptstadt Sachsens machen: Flug nach Dresden, Taxifahrt zur Messe Leipzig (etwa 120 Kilometer) und eine Entschädigung über 250 Euro. Das ist ja fast schon eine Geschäftsidee …

In Leipzig angekommen trat erst einmal leichte Verwirrung ein. Entgegen der Messe in Frankfurt, bei der sich fast sämtliche Belletristik in den Ebenen der Halle 3 abspielt und nur die Kleinverlage etwas abseits in einer anderen Halle residieren, erkennt man auf der Leipziger Buchmesse (LBM) eine doch wesentlich größere Aufsplitterung: Phantastik und Comics finden sich in der einen Halle, garniert mit einem Holzspielzeugverkauf und einem Stand für Matratzen, diverse Kleinverlage in einer weiteren Halle und die großen Player der Branche in der nächsten. Wobei hier noch die Schwierigkeit auftritt, dass teilweise die phantastischen Publikationen der großen Verlage in einem zusätzlichen Stand, in der oben genannten, ersten Halle, ausgelagert wurden. Hat man nun einen Termin, so muss man sich immer zwischen zwei Hallen entscheiden, wählt natürlich immer diejenige, in der der gewünschte Ansprechpartner nicht steht. Das Wechseln zwischen den Hallen ist auch etwas zeitraubend, da 2 und 4 sowie 3 und 5 durch eine große, offene Glashalle getrennt werden. Sehr schön anzusehen, aber bei Sonnenschein prächtige Saunaqualitäten.
An diesem Beispiel erkennt man die Stoßrichtung der LBM: Es ist keine Businessmesse, sondern eine Messe für Leser.

Leipziger Buchmesse 2012

Weite freie Flächen auf der Buchmesse Leipzig - fehlende oder zu wenige Aussteller?

Thematisch sortierte Hallen machen zwar vielleicht dem terminlich gebundenen Rezensenten das Leben schwer, erleichtern aber dem breiten Publikum, sich anhand der eigenen Interessen zu orientieren. Anders als in Frankfurt durchstoßen wahre Heere an Schulklassen die Hallen, durchaus nicht unbedingt geprägt von dem Willen, ein Buch zu lesen, mehr angetrieben, das Aufgabenblatt der Lehrkraft durchzuarbeiten. Gelangweilte Schüler, rempelnde Kids und ohrenbetäubendes Gequassel sind auch ein Eindruck, den man mit nach Hause nimmt.

Autorenmesse?

Wandelt sich Leipzig immer mehr zu einer Autorenmesse? Diese Frage stellt sich durchaus, denn mit dem Forum autoren@leipzig widmete man sich stark den Urhebern der Texte, die hier in Buchform auf der Messe angeboten werden. Hier wurde vor allem das Thema diskutiert, wie sich ein Autor in der aktuellen Lage des Buchmarktes am besten vermarkten und anzupreisen vermag. Drei große Lager bildeten sich in der Diskussion heraus. Anhänger der Druckkostenzuschussverlage wie BoD kämpften erbittert gegen den selbstverlegenden Autor, beide Parteien wurden überstrahlt von den bei einem traditionellen Verlag unter Vertrag stehenden Schriftstellern. Ein konkretes Fazit kam hierbei nicht zum Vorschein, da die Diskussion sich im Laufe der Zeit immer weiter aufsplitterte, als zum Beispiel noch die Vor- und Nachteile von E-Books gegenüber Print mit ins Boot geholt wurde. Dennoch ein spannendes Forum, das hoffentlich auch weitergeführt wird. Dergleichen findet man auf anderen Veranstaltungen bislang nicht.

Risiko Selbstverlag

Großes Interesse weckten wie immer die Stände der kleinen Verlage sowie der Selbstverleger. So erstaunte mich zum Beispiel Wolfgang Zickler mit seinem Stand, an dem er den selbst geschriebenen Fantasy-Roman »Der siebte Kristall« präsentierte und mir in einem Gespräch kurz die Kosten für dieses idealistische Projekt auflistete. Wenn man so viele tausend Euro für Marketing, Lektorat, Druck und noch zusätzlich einem Buchmessestand aufbringt, hofft man allein schon aus Solidarität, dass der Roman gut geschrieben ist. Man traut sich ja fast nicht, ihn zu lesen.

Leipziger Buchmesse 2012 - Verlag Thorsten Low

Stand Verlag Thorsten Low mit Wolfgang Brandt, Thorsten Low und Tine Low

Fannische Treffpunkte stellten primär die Stände von Thorsten Low und der Romantruhe dar, hier konnte man, wenn Zeit vorhanden war, immer für einen Plausch verweilen – interessante Menschen traf man jedes Mal. Bei der Romantruhe präsentierten im übrigen in diesem Jahr auch die Macher des Geisterspiegels ihre Print-Produkte.

Comics

Comicverleger wie Splitter, Cross Cult u.a. zeigten ihre Produkte in einem Gemeinschaftsstand, der allerdings von der wuchtigen Ausstellerfläche von KAZE überstrahlt wurde, die sich seit kurzen nicht nur dem Vertrieb von Anime widmen, sondern nunmehr auch selbst Mangas drucken, anstatt nur Lizenzen zu verteilen. Welche Auswirkungen das auf tokyopop und Egmont
Manga haben wird, bleibt abzuwarten, der Markt für Mangas scheint ja schon ziemlich gesättigt.

Publikumsverlage

Leipziger Buchmesse 2012 - Lesebude

Einer Lesung ihrer Lieblingsautoren konnten junge Buchfans in der Lesebude in Halle 2 lauschen

Die großen Verlage präsentierten nicht unbedingt Highlights, sondern setzen bis Herbst das bereits in Frankfurt angekündigte Programm weiter. Blanvalet veröffentlicht alle seine bisher erschienenen »Star Wars«-Romane als E-Book – leider nur wenige Euro billiger als die gedruckten Ausgaben. Egmont stellte mit »Balloon« einen neuen Imprint für Kinder von 4 bis 11 Jahre vor, in der vor allem Lizenzprodukte in Form von Comics, Wimmel- und Malbücher zu finden sein werden. Allein die Comic-Fassung von »Der kleine Prinz« überzeugt mich hier schon. Klett-Cotta legt in der Hobbit-Presse Tolkiens Kinderbuch »Der kleine Hobbit« in den verschiedensten Fassungen neu auf, um von der zu Weihnachten angekündigten Verfilmung des Romans zu profitieren.

Tiefpunkt auf der LBM war Ueberreuter, deren Marketing nun eine Werbeagentur übernahm. Das vergangene Jahr war für den Verlag ja recht turbulent, der Standort Wien wurde aufgegeben, etliche Mitarbeiter mussten das Unternehmen verlassen. Leider rückt Ueberreuter nicht von der Praxis ab, Belegexemplare an die Rezensenten als PDF zu verschicken, selbst Bilderbücher bekommt man nur digital. Neben diesem bedauerlichen Fakt kritisiere ich allerdings die dortige Ansprechpartnerin, welche weder über das genaue Programm Bescheid wusste, noch etwas mit dem Begriff »Steampunk« anzufangen wusste – obwohl sie gerade einen entsprechenden Titel in der Hand hielt. Entweder man bereitet sich genügend auf die Materie vor – oder man lässt es, denn Klappentexte vermag ich immer noch selber zu lesen.

Fazit

Die Leipziger Buchmesse war interessant, unaufgeregt, meinem Eindruck nach recht chaotisch und für Nerds eine Qual, denn Möglichkeiten für WLAN oder auch nur eine ausreichende und stabile Mobilfunkverbindung gab es nur sporadisch. Für das lesende Publikum ist die LBM der Messe in Frankfurt vorzuziehen, denn die Kontakte zwischen Autoren und Lesern sind hier weitaus zwangloser. Allein die vielen Leseinseln, an denen von früh bis spät Autoren aller Genres Texte präsentierten, zogen zahlreiche Besucher an.

Leipzig ist anders. Eine Aussage, die ich nun mit gutem Gewissen unterstreichen kann. Ob es besser ist, hängt von den eigenen Bedürfnissen ab.

JÜRGEN EGLSEER

Jürgen ist Chefredakteur des Rezensionsportals fictionfantasy und Mitherausgaber des PHANTAST.
 

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