Leipziger Buchmesse 2012:
Was bedeutet Erfolg in Leipzig?

Leipziger Buchmesse 2012Vier Tage war ich auf der Leipziger Buchmesse, und vor allem gegen Ende wurde immer wieder eine Frage an mich gerichtet: »War die Messe erfolgreich für Sie?« Oder auch: »Haben Sie Ihre Ziele erreicht?« Mit einigem Nachdenken muss ich mir dann die entscheidende Frage stellen: Was bedeutet eigentlich Erfolg für einen sogenannten Fachbesucher auf der Leipziger Buchmesse?
Der Reihe nach: Die diesjährige Buchmesse in Leipzig besuchte ich vom Donnerstag, 15. März, bis Sonntag, 18. März 2012. Ich verrichtete meine Arbeit vor allem am Stand der Science-Fiction-Serie PERRY RHODAN, wo ich als Redakteur tätig bin – entsprechend einseitig ist deshalb mein Blick auf die Buchmesse. Da ich zudem in der Comic-Halle war, sah ich vor allem Manga-Kids, Comic-Fans und jüngeres Publikum; in den »seriösen Hallen« tummelten sich mehr grauhaarige Menschen mit »ordentlichen Klamotten« als bei uns. Das färbt den Eindruck.

Erfolg eins: Kontakte

Leipziger Buchmesse 2012 - Avatar-Cosplay

Eine Cosplayerin verkleidet als Neytiri aus dem Film „Avatar“ am Stand der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig in Halle 3

Einen Erfolg erzielt man in dieser Halle immer, wenn man nach Leipzig kommt: Es ist der direkte Kontakt zum Publikum. In vier Tagen sprach ich mit Dutzenden von Menschen, die »unsere Serie« noch lesen, die sie einmal gelesen haben oder sie nicht mehr lesen, aber wissen wollen, was sich derzeit tut. Dazu kamen haufenweise Jugendliche – fast immer Jungs –, die mit riesiger Begeisterung die Bücher anschauten, sie aus dem Regal nahmen und staunend durchblätterten. Gelegentlich stellten sie Fragen, auf die ich dann eine vernünftige Antwort zu suchen hatten. Solche direkten Gespräche gibt es in Frankfurt kaum; dafür ist keine Zeit.

Der normale Verlagslektor sieht das gewöhnlich anders: Viele Lektoren fuhren 2012 erst gar nicht nach Leipzig, weil sie hier keine Geschäfte abwickeln, sondern sich mit Lesern herumschlagen müssen. Andere waren nicht anwesend, weil sie direkt danach auf die Kinderbuchmesse nach Bologna fuhren.

Die »Front-Arbeit« an einem Messestand, also der direkte Kontakt zu den Lesern, wird in den meisten Verlagen von jungen Mitarbeiterinnen aus dem Vertrieb übernommen, die den Besuchern routiniert die Kataloge in die Hand drücken oder einfache Fragen beantworten können. Lektoren haben dafür normalerweise keine Zeit.

Aber das ändert sich immer mehr. Ein Beispiel hierfür erzählte mir Volker Busch (Verleger der Egmont Verlagsgesellschaften) bei einem Glas Bier für mich und einem Glas Wein für ihn: »Wir müssen uns jetzt viel stärker dem Publikum stellen als früher. Die sozialen Netzwerke zwingen einen fast schon in die direkte Auseinandersetzung.« Die Lektoren arbeiten sich bei Facebook ein, sie beantworten direkte Leseranfragen, und sie stellen sich dem direkten Gespräch auf der Buchmesse. Das war 2012 auffällig, zumindest bei einigen Verlagen.

Wer keine Kontakte möchte, der darf also nicht nach Leipzig fahren. Wer aber gerne wissen möchte wissen, wie Leser ticken und was sie gern anschauen und anfassen, für den ist die Buchmesse in Leipzig eine schöne Veranstaltung. Und damit auch ein Erfolg.

Leipziger Buchmesse 2012 - Messebuchhandlung

Bücher in der Messebuchhandlung

Erfolg zwei: Lizenzen

Allerdings täte ich der Messe unrecht, bliebe ich bei der Aussage, allein die Gespräche mit den Lesern seien interessant gewesen. Nicht auf der Strecke blieb dieses Jahr nämlich das »seriöse Geschäft«. Das heißt, in diesem Fall, dass ich recht viele Termine hatte – unterm Strich sicher nur ein Drittel der Termine, die ich in Frankfurt herunter­reiße, aber dennoch so viel, dass ich mich tagsüber nicht langweilte.

Einige Termine betrafen Autorengespräche. Für derzeit vier laufende Serien müssen ja immer wieder Autoren angesprochen werden oder suchen Autoren das direkte Gespräch zur Redaktion. Zeichner stellen sich vor und präsentieren ihre aktuellen Werke; Journalisten kommen und führen kurze Interviews. Vertreter ausländischer Verlage interessieren sich für Lizenzen; es gibt einen ständig-angeregten Austausch zu dem Trendthema E-Books.

Was es nicht gibt: Termine mit Buchhändlerinnen und Buchhändlern, Key-Account-Managern oder anderen Menschen, die Bücher einkaufen, um sie dann ihren Kunden weiterzuverscherbeln. Das ist in Leipzig kaum der Fall, betrifft uns aber nicht – seit wir unseren Buchverlag nicht mehr haben, muss ich mir für jedes Projekt sowieso erst einmal einen Partner suchen, bevor ich es in die Wege leiten kann …
Trotzdem sind die Lizenzgespräche ein Teil meines Leipzig-Erfolges. Was dabei konkret herauskommt, muss die Zukunft zeigen – aber das ist bei allen Messen so. Am Tisch wird viel vereinbart, aber nie etwas konkret umgesetzt. Es wäre ein Wunder gewesen, hätte ich im Jahr 2012 etwas anderes sagen können …

Erfolg drei: Partner

Nicht zu unterschätzen ist bei einer Messe wie in Leipzig der Doppelfaktor aus »Tratsch und Klatsch«; daran mangelte es heuer ebenfalls nicht. So unterhielt ich mich immer wieder mit Autoren und Verlagskollegen über den aktuellen Stand der Dinge. Staunend erfuhr ich, welche Auflagenzahlen welche Romane erzielen: Manches Buch, das ich für grotesk und unlesbar gehalten hatte, ging im vergangenen zu Zigtausenden über den Ladentisch, und Bücher, die ich sehr schätzte, wurde vom Publikum großmaßstäblich ignoriert.

Als schön empfand ich das Tratschen mit den Kollegen an den Nachbarständen. 2012 waren einige neue Verlage dabei, darunter der Verlag Thorsten Low, der ein immer breiter werdendes Phantastik-Programm präsentierte. Direkt neben uns war das Archiv der Jugendkulturen, dessen Programm zwar nichts mit Science Fiction und Fantasy zu tun hat, zu dem ich aber eine Reihe von persönlichen Beziehungen habe.
Und einige Meter weiter präsentierte sich der Golkonda-Verlag, dessen Science-Fiction-Programm aus Uralt-Trash wie »Captain Future«, russischen Klassikern und aktuellen Hugo-Preisträgern besteht – super!

Eine der besten Gelegenheiten, persönliche Kontakte zu knüpfen und auszuweiten, ist die Moritzbastei. Dort ist am Freitag abend traditionell die Buchhändler-Party, wo sich viele Autoren und Verlagsleute einfinden. Kollegen von Heyne und Piper, von Carlsen und Ullstein, dazu Autoren wie Kai Meyer, Michael Peinkofer und Markus Heitz – es war wie immer eine schöne Gelegenheit, mit dem einen oder anderen ein Bier zu trinken oder zumindest anzustoßen.
Wer sich auf die Moritzbastei einließ, wurde mit lauter Musik, gebrüllten Gesprächen, lauwarmem Essen, schlechtem Wein und gutem Bier belohnt; da war zudem auch 2012 Durchhaltevermögen bis weit nach Mitternacht gefordert …

Erfolg vier: Autoren

Leipzig ist eine Messe der Gegensätze: Auf den großen Bühnen werden die Preise verliehen, lesen die bekannten Autoren, beherrschen Kamerateams zeitweise das Geschehen; bei den Druckkostenzuschussverlagen stehen bedauernswerte Menschen vor den Mikrofonen, um über schlecht eingestellte Lautsprecher ihre Gedichte in die Gänge der Messe zu stammeln. Da ich in Halle 2.0 unterwegs war, bekam ich davon kaum etwas mit; sogar beim Gang zur Toilette blieb ich vom Rummel der Mainstream-Verlage verschont.

Mir genügte schließlich auch das, was auf der Fantasy-Leseinsel vorgetragen wurde. Vier Tage lang gab es ununterbrochen Lesungen in einer Entfernung von vielleicht drei Dutzend Metern zu »meinem« Stand. War ich in Gesprächen oder sonstwie abgelenkt, bekam ich nicht mit, wer las und was er oder sie zum Besten gab. Gelegentlich drangen schreckliche Texte an mein Ohr, die mit leiser oder gar stammelnder Stimme vorgetragen wurde; dann aber wieder gab es überzeugende Autoren wie Tommy Krappweis, der die Lesebühne geradezu rockte: ohne Manuskript, nur mit einem Mikrofon, nicht sitzend, sondern auf- und abgehend.

Ich war so abgelenkt durch andauernde Gespräche, dass ich nicht einmal viel von der Verleihung des neuen Literaturpreises, des Seraph, mitbekam – das ist im Nachhinein recht peinlich, denn ich finde die Intention hinter diesem Preis sehr gut. Die Preisverleihung wurde stark besucht, und die Medien berichteten darüber. Ein gelungener Start für eine Initiative, der man als Phantastik-Freund eine größtmögliche Verbreitung wünschen muss.

Direkt gegenüber von uns war die Firma WerkZeugs, im Prinzip ein riesiger Verkaufsstand für – ein wenig – Science Fiction und – ganz viel – Fantasy. Hier tummelten sich die ganze Zeit viele junge Leute, die auch ordentlich Geld ausgaben. Autoren gaben Autorgramme oder trafen sich zum gemütlichen Zusammensitzen im Inneren des Standes; eine schöne Geschichte, die in den letzten Jahren mit dazu beigetragen hat, dass die Buchmesse Leipzig eine gelungene Veranstaltung für Menschen ist, die phantastische Literatur mögen.
Und das wiederum ist ein großer Erfolg in Leipzig: Man bekommt als Besucher oder auch als Standmitarbeiter genug von der phantastischen Literatur mit, mehr als bei jedem x-beliebigen Con, mehr als durch die Lektüre von Fanzines oder noch so guten Internet-Seiten.

Fazit

Wie immer war die Buchmesse Leipzig eine Veranstaltung, die anstrengend, aber gleichzeitig befriedigend war. Den Erfolg gab es, wenngleich ihn jeder Besucher für sich anders benennen würde. Ich kehrte mit einem dicken Stapel an frischen Büchern nach Hause zurück (soviel zum privaten Teil meines Messebesuches) und sammelte wieder haufenweise neue Informationen.
Das klingt alles, als ob die Messe ein echter Erfolg gewesen wäre … Gerne im Jahr 2013 ein weiteres Mal!

KLAUS N. FRICK

Leipziger Buchmesse 2012

 

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2 Antworten auf Leipziger Buchmesse 2012:
Was bedeutet Erfolg in Leipzig?

  1. RoM sagt:

    Die Faszination des real greifbaren Buches ist nach wie vor existent. Die Reise in jede Story beginnt mit der sinnlichen Konfrontation. Ein Werk auf seine digitale Kopie zu reduzieren ist in der Belletristik vielleicht weniger sexy, weil der Akt des Lesens nach wie vor ein aktiver ist. Musik oder Film werden angedient, können im Sinne des Wortes leicht konsumiert werden.

    Wie im Leben so üblich, sind auch hier die Grenzen relativierbar, fließend.

    Ein Buch als hard copy hat übrigens nach wie vor seinen grundsätzlichen Vorteil – es gibt als Geschenk mehr her. Abgesehen davon – das Auge liest mit!

  2. Pingback: Nicht preiswürdig, aber lesenswert: »Katharsia« von Jürgen Magister | Fandom Observer