Seraph 2012:
Anspruchsvolle Fantasy hat keine Lobby!

Leipziger Buchmesse 2012 - Seraph-Torte

Torte für die Seraph-Preisverleihung

Auf der Leipziger Buchmesse wurde der Seraph-Preis an Christian von Aster verliehen, der für seinen Roman »Der letzte Schattenschnitzer« ausgezeichnet wurde. Der Tagesspiegel berichtete darüber in einer Art und Weise, die viele Fantasyleser aufhorchen und Gunda Bartels’ Artikel »Eine Welt ist nicht genug« in den einschlägigen Foren und Facebookseiten die Runde machen ließ. In der Tat heben Bartels’ Worte sich wohltuend ab vom eintönigen Lamento über Weltflucht und Kulturverlust, welches die Berichterstattung über Fantasy prägt, und ihr Artikel rückt Elke Heidenreichs diesbezügliche Positionierung aus dem letzten Jahr in ein dezidiert kritisches Licht.

Die Aufmerksamkeit, die der Tagesspiegel-Artikel erhält, zeigt jedoch auch, wie sehr Fantasy und ihre Liebhaber_innen sich noch immer in der Defensive bewegen. Es scheint nach wie vor notwendig zu sein, ostentativ auf die Tugenden des Genres hinzuweisen, um das Genre insgesamt besser dastehen zu lassen. Eine ähnliche Problematik offenbart sich am Anlass des Artikels selbst, am neugeschaffenen Seraph-Preis. Der wird in diesem Jahr erstmalig vergeben, und zwar von der eigens gegründeten Phantastischen Akademie e.V. Dieser »Verein zur Förderung der phantastischen Literatur in Deutschland«, so die Selbstbeschreibung, ist im Umfeld der Literaturagentur Schmidt & Abrahams und des Verlags Feder & Schwert entstanden. Mit dem Preis erhofft man sich nicht nur, einen Beitrag zur Nachwuchsförderung zu leisten (es gibt neben dem Hauptpreis eine mit 2000 Euro dotierte Rubrik »Bestes Debüt«), es wird explizit auch darauf gesetzt, durch die Preisverleihung auf einer renommierten Buchmesse das Image phantastischer Literatur zu verbessern. Die Jury ist zu zwei Dritteln mit Lektorinnen und Verlagsmitarbeitern besetzt. Es mag daher wenig überraschend sein, dass der Preis an bei Klett-Cotta erschienenen Letzten Schattenschnitzer ging; Hobbit-Presse-Lektor Stephan Askani sitzt in der Jury. Über Sinn und Unsinn des Seraph wurde deshalb im Fandom nicht wenig diskutiert. Literaturpreise als Form des Selbstmarketing zu gebrauchen, ist traditionellerweise vor allem im SF-Bereich eine häufig geübte Praxis.

Christian von Aster - „Der letzte Schattenschnitzer“Dennoch finde ich die Vorgehensweise der Phantastischen Akademie nicht weiter schlimm. In der Jury vertreten sind praktisch alle Verlage, die auf dem deutschsprachigen Fantasymarkt etwas zu sagen haben. Der Seraph ist damit ersichtlicherweise ein Branchenpreis. Außerdem gilt: Das anspruchsvollere Segment der Genre-Fantasy hat im deutschsprachigen Raum – siehe oben – nach wie vor keine Lobby. Sollten Verein und Preis es in Zukunft vermehrt schaffen, die Öffentlichkeit auf grenzüberschreitende und kreative Ausprägungen der deutschsprachigen Fantasy hinzuweisen, hätten sie ihren Daseinszweck erfüllt. Die Voraussetzung wäre natürlich, dass die Jury sich auch wirklich auf dieses Segment konzentriert. In diesem Jahr hat sie das meines Erachtens getan, zumindest in Ansätzen, wie die Nominierungslisten zeigen – Christian von Aster, Marcus Hammerschmitt, Boris Koch und Tobias O. Meißner zum Beispiel zählen nicht zu den immergleichen Autoren, die bei einem Publikumspreis wie dem Deutschen Phantastik-Preis (DPP) quasi als Selbstläufer die oberen Ränge dominieren[1].

Wenn die Seraph-Jury bei diesem Kurs bleibt, kann es ihr gelingen, eine Nische zu besetzen und auf die anderen Gesichter der Fantasy hinzuweisen, die hinter Bestsellerstapeln und Publikumsvoten oft zu Unrecht verborgen bleiben. Dass der Seraph sich mit dem bereits etablierten Phantastik-Preis der Stadt Wetzlar, dessen Preisträger ebenfalls von einer Jury ausgewählt werden, in die Quere kommt, ist dagegen kaum zu befürchten. Der Wetzlarer Preis, der mit der Auszeichnung von Märchenmond und Frederik Hetmann begann, hat sich schon seit längerem vom Genre entfernt und der literarischen Phantastik zugewandt.

Nina Maria Marewski - „Die Moldau im Schrank“Eines sollte der Trägerverein jedoch ändern, bevor es zu spät ist: Der Name »Phantastische Akademie« impliziert ein wissenschaftlich-akademisch ausgerichtetes Tätigkeitsfeld, von dem in der Selbstbeschreibung des Vereins aber weit und breit nichts zu erkennen ist. Eine Namensänderung wäre das geeignete Mittel, um Vorwürfen von Etikettenschwindel entgegenzutreten, sofern die Phantastische Akademie nicht plant, in Zukunft auch durch die Ausrichtung von Fachtagungen, genretheoretische Publikationen oder ähnliche Aktivitäten auf sich aufmerksam zu machen.

Neben dem »Letzten Schattenschnitzer« wurde übrigens Nina Maria Marewskis »Die Moldau im Schrank« in der Kategorie »Bestes Debüt« mit dem Seraph ausgezeichnet, ein Buch, welches auch für einen ganz anders gelagerten Preis, nämlich den »Kuriosesten Buchtitel des Jahres«, nominiert war[2].

CHRISTOPH JAROSCH

Dies ist eine erweiterte Fassung des Artikels im Blog hermanstadt.blogspot.com.
 

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