torrent: Alles im Strom
Interview mit Marcus Kirzynowski

Marcus Kirzynowski

torrent-Herausgeber Marcus Kirzynowski

FO: Du bist freier Journalist und jetzt auch Verleger eines Printmagazins für »serielles Erzählen«. Darin geht es um komplex erzählte Fernsehserien wie MAD MEN und THE WEST WING. Wie bist du auf die Idee gekommen?

Marcus Kirzynowski: Die Idee hatte ich vor etwa einem Jahr, weil ich ganz gerne Zeitschriften zu den kulturellen Medien lese, die mich interessieren (Film, Comic, Musik etc.), aber mir auffiel, dass es zu insbesondere komplex erzählten TV-Serien keine hintergründigen Zeitschriften gibt. Da man ja im Internet auf viele Serienfans stößt, die sich auch gerne über ihre Lieblingsserien informieren, fragte ich mich, warum zu dem Thema noch niemand ein Printmagazin macht. Und da ich eh nach einer zündenden journalistischen Geschäftsidee suchte, dachte ich, ich versuch’s halt mal selbst. Ich habe dann erst mal eine Nullnummer gemacht und als PDF ins Internet gestellt. Danach haben uns die Anzeigenkunden zwar nicht gerade die Tür eingerannt, aber ich fand die Idee einfach zu gut, um es nicht doch mit einer Printausgabe zu probieren.

Was bedeutet der Titel »torrent«?

MK: »torrent« ist ja einfach das englische Wort für reißender Strom, Sturzbach, Sturzflut, Wildbach. Das passt meiner Meinung nach zum Thema Serien ganz schön. Da ist ja auch alles im Strom: Serienfolgen als
Datenströme im Internet, aber auch die Art, wie wir Serien sehen und in Zukunft sehen werden (also der ganze Medienwandel weg vom linearen Fernsehen), ebenso wie die Geschichten, die in Serien erzählt werden. Meistens steht ihr Ende noch nicht fest, auch nicht die Entwicklung dorthin.

Das Wort »torrent« wird heute im Zusammenhang mit dem Internet hauptsächlich mit einer speziellen Bedeutung assoziiert.

MK: Ja, zumindest in Deutschland. Auf Mallorca ist das wohl eine gängige Bezeichnung für die dortigen Wildbäche. Aber im Ernst: Der Titel steht natürlich auch dafür, dass immer weniger, gerade junge, Serienfans bereit sind, Jahre zu warten, bis interessante Serien im deutschen Free-TV ausgestrahlt werden, und dann womöglich noch zu schlechten Sendezeiten. Das ist heute, wo viele ohnehin den ganzen Tag im Internet sind, einfach nicht mehr zeitgemäß. Das Problem illegales Filesharing hat sich, glaube ich, in dem Moment weitgehend erledigt, in dem die Studios es endlich schaffen, eine legale Möglichkeit anzubieten, sich aktuelle Serienfolgen genauso schnell und zu einem vernünftigen Preis herunterzuladen. In den USA geht das ja zum Beispiel mit Netflix. Solange so etwas in Deutschland fehlt, suchen sich viele Leute eben andere Wege, an die neuesten Folgen ihrer Lieblingsserien zu kommen. Was ja nicht heißt, dass sie sich nicht später trotzdem noch die DVD-Box kaufen, wenn sie Fans einer Serie sind. Persönlich bin ich ein Befürworter der Kulturflatrate, das wäre wahrscheinlich der einfachste Weg.

Internet und DVD ermöglichen uns anders als früher auch, Top-Serien nicht nur schneller, sondern auch im Original zu sehen. Ich würde zum Beispiel DOCTOR WHO oder SHERLOCK niemals in der deutschen Fassung sehen wollen (obwohl die sehr erfolgreich sein soll). Wie beurteilst du die Bedeutung deutscher Versionen? Wird es sie in Zukunft noch geben, oder werden sie immer unwichtiger?

MK: Geben wird es sie sicher noch Jahrzehnte, weil die meisten Leute halt einfach durchs deutsche Fernsehen Synchronisationen gewöhnt sind (anders als zum Beispiel bei unseren niederländischen Nachbarn). Viele Ältere sprechen auch einfach nicht so gut Englisch und haben dann auch keine Lust, abends nach der Arbeit noch Untertitel zu lesen. Für die jüngeren Serienfans, insbesondere diejenigen mit guter Bildung, werden Synchros hingegen zunehmend unwichtiger. Obwohl ich die meisten deutschen Bearbeitungen qualitativ recht gelungen finde, geht dadurch natürlich immer etwas verloren. Bestimmte Serien, die auch von ihrem Slang leben, kann ich mir nur schwer auf Deutsch vorstellen, etwa das britische MISFITS oder auch THE WIRE.

Toll finde ich die »torrent«-Rubrik »Das unentdeckte Meisterwerk«. Da werden vergessene, aber herausragende Einzelepisoden vorgestellt, bis jetzt aus den Serien DER ALTE und DER FAHNDER. Wie stark wird sich »torrent« mit dem deutschen Fernsehen befassen?

MK: Das kommt natürlich immer darauf an, ob gerade interessante deutsche Produktionen geplant sind. Zurzeit bereiten wir ein Interview mit Dominik Graf vor, auch Serien wie WEISSENSEE wären sicher ein Thema für uns. Was die Klassiker angeht, muss man da schon etwas in der TV-Geschichte graben, um da zwischen all dem langweiligen Mainstream die Perlen zu finden. Aber etwa bei Grafs FAHNDER-Folgen ist das sehr lohnend.

Uns interessiert natürlich: Welche Rolle werden Genre-Serien spielen?

MK: Sicher eine relativ große. Wir wollen uns ja bewusst nicht auf bestimmte Genres beschränken, wie das andere Zeitschriften gemacht haben. Das heißt umgekehrt natürlich auch, dass wir keine Scheuklappen haben, über SF- oder Fantasyserien zu schreiben. Zu meinen persönlichen All-Time-Favourites gehören mit BSG und DS9 immerhin zwei SF-Serien.

Ein Printmagazin muss sich am Markt behaupten und ist natürlich immer ein Wagnis. Mir gefällt, dass die Leser da Entdeckungen machen können und ihr Texte mit Tiefgang schreibt, die nicht nur das Zeug abfeiern, das gerade in Mode ist. Wünsche dem Projekt viel Erfolg!

Das Interview führte
OLAF BRILL

MARCUS KIRZYNOWSKI aus Düsseldorf ist 37, hat Journalismus studiert und die letzten Jahre versucht, sich als freier Journalist durchzuschlagen. Daneben bloggt er schon seit längerem vor sich hin und hat auch ein Online-Stadtmagazin gestartet.

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2 Antworten auf torrent: Alles im Strom
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