torrent – Neues vom seriellen Erzählen

torrent 1/2012Jede Generation ist irgendwann in ihrer Aufbruchphase davon überzeugt, einen Schlüssel für die Zukunft in Händen zu halten. So man ihr natürlich die Entschei­dungs­freiheit hierzu lässt. Den im Internet Aufge­wachsenen ist die Überzeu­gung quasi eingepflanzt, dass sich das kommende »Go« nur um die Frage drehen kann, ob Strom fließt oder nicht. Dinglicher gesprochen, das Leben findet im Web statt und kann auch nur von dort aus vorange­trieben werden.
Professionelle Enthusiasten der Industrie werden nicht müde, die Möglichkeiten und Chancen ihrer neuesten Innovation in den Himmel zu loben und gleichzeitig, in puncto Lebensnotwendigkeit, nahe bei elementarem Sauerstoff zu parken. Ein »must have« und »privacy is dead« wabert in den Zwischenzeilen. Ein messianischer Duktus ist da selbstverständlich.

Sich eine »harte Kopie« (Zitat: »Blade Runner«) von etwas zu besorgen, erscheint den Jüngern des Digitalen gleichzeitig so rückständig wie nahezu blasphemisch. Alles sei 0 oder 1! Wobei sich der skeptische Betrachter zu fragen beginnen kann, ob ein solches Schwarzweiß-Denken nicht viel zu schnell die Nuancen, die Farben, die Tendenzen dazwischen zu vergessen bereit ist.
So betrachtet kann man es durchweg als mutiges Unterfangen einstufen, mit einem klassischen – aka. auf Papier gedrucktem – Magazin in die Öffentlichkeit zu gehen. Wobei wir hier nicht von Rückendeckung via potentem Verlag sprechen (Stichwort: Versuchsballon), sondern eher von Kevin Smith, der seine Comics zu Geld macht, um »Clerks« zu drehen.

Wahrgenommen

Wie wird der Interessierte aufmerksam auf ein neues deutsches Magazin zum thematischen Sonderfall »Serien im Fernsehen«? Hier war es die geradezu archetypische Form einer bewährten Anzeige im Genre-Blatt. Zur rechten Zeit am rechten Ort gelesen. Den Rest bildeten, einige Tage später, die Schritte im Zeitschriftenladen von der »englischen Presse« hin zur Ecke mit den deutschsprachigen Erzeugnissen.

Sektor Film & TV

torrent ist auf den ersten Blick nicht zwingend auffällig, geben sich doch die Konkurrenten der seriösen Abteilung in lind uniformer Weise die Mühe, optisch bescheiden(er) aufzutreten. Für den Zufallskäufer ein Manko, es sei denn, er ist – wie auf Bahnhöfen eben üblich – in Wartestellung und hat somit die Zeit, sich durch die Auslage zu arbeiten. Alternativ sind es Menschen, die konkret danach (oder nach Neuem allgemein) Ausschau halten. Ein Schritt zurück hilft des
öfteren und so wird einem die Reihe »für serielles Erzählen« doch offenbar.
Ein erster Eindruck bestätigt (erwartete) Solidität. Eine optische Redlichkeit, die sich ebenso im Innenteil fortsetzt und in ihrer aufgeräumten Übersichtlichkeit an die geschätzten Kino-Legionäre aus katholischem & evangelischem Hause erinnert. Einzig die Seiten 24/25 offenbaren eine marginale Kleinigkeit, die anderen Magazinen bei Gelegenheit dito unterzukommen weiß. Hier wird ein Gesicht (das von Claire Danes) durch die Seitenfalz – adrett zwischen den Augen – in zwei Teile zerlegt. Ein Anblick, der die Wirkung des Cast-Photos (zu »Homeland«) als Intro für das Feature etwas zu mindern versteht. Offen gesagt, einem Laien würde auch sonst nichts Gewichtigeres hierbei auffallen können. Sauber.

torrent, das gewagte Projekt von Marcus Kirzynowski, wendet sich an die Fans in Serie, die sich mit dem eher lieblosen Verbrennen, dem konsequenten Ignorieren oder bedachten Verbergen von sehenswerten Shows im Fernsehen nicht wirklich anfreunden können. Der Verleger und Redakteur verweist in seinem Vorwort nicht grundlos darauf, dass sich das Gros der Liebhaber von der schrullig gewordenen Tante »Fernsehen« abgewandt hat. Eine Serie wird schon seit langem nicht mehr auf dem Altar eines beliebigen Senders gefeiert, sondern konsequent privat, für sich und zu jeder beliebigen Zeit genossen. Der Griff zu Silberscheiben, Blaustrahlern oder dem globalen Datenstrom ist der üblichere geworden. Tatsächlich weisen am ehesten noch die Spartensender der Öffentlich-Rechtlichen das Gespür für Format und Qualität hierin auf.
Ein umfassender Blick auf diese Form der Unterhaltung ist angestrebt. Ein Auge auf Vergangenheit, Gegenwart wie die Zukunft.

Eingelesen

Die Sitte der Macher in den Staaten, britische Serien für das eigene Publikum zu adaptieren (Kulturschock), dürfte bekannt sein. Mit »Shameless« wird uns eine solche vorgestellt, die dem Vernehmen nach nicht (!) bei zig Meetings in den Sand gesetzt wurde und sogar in die zweite Season geht. Die seit acht Jahren auf der Insel produzierte ernsthafte Komödie über eine Unterschichtfamilie (kurz Asoziale!), lässt die irischen Rabbittes (von Roddy Doyle) wie die Royals erscheinen. Trunkenheit, Diebstahl, Betrügereien und Sex – es darf demnach nicht verwundern, dass die Staaten-Version auf einem Pay-TV-Sender zu finden ist. Abgerundet wird besagtes Feature durch ein (zusammengefasstes) Gespräch mit dem Macher des Originals Paul Abbott (»State Of Play«, Drehbücher für »Cracker«), das neben manch kleinem Detail auch offenbart, warum er sich in Los Angeles lieber vor den großen Networks verbarg.

Auf der gleichen Veranstaltung (Cologne Conference) war auch Regisseur Todd Haynes (»Mildred Pierce«) zu finden, der über seine prämierte Mini-Serie und ein kommendes Projekt zu berichten wusste. Die Mitschrift wirkt ein wenig kurz geraten und hätte sich im Umfeld eines eigenen Textes zu erwähnter Serie ausgesprochen wohler gefühlt.

Nicht uninteressant wirkt die Idee, einzelne, aus welchen Gründen auch immer, herausragende Episoden einer Serie für den Leser zu analysieren. Im vorliegenden Fall kümmert sich Marcus Kirzynowski en détail um einen (auf 45 Minuten komprimierten) Spielfilm, den der renommierte Regisseur Dominik Graf für »Der Fahnder« in den Kasten brachte.

Der folgende Ausblick begibt sich mit »Hell On Wheels« ins Western-Milieu. Ein Terrain, das sich immer wieder ergiebig beackern lässt, wenn es um die Weihung patriotischer Gründungsmythen geht. In diesem Falle verfolgt der Zuschauer wie ein ehemaliger Südstaatler sich dem Eisenbahnbau quer durch Amerika anschließt, um dort einen der Mörder seiner Frau zu finden (Exekution frei Haus!). Das gewohnt Bärbeißige von harten, wortkargen Männern, wie sich nach der Lektüre befürchten lässt. Handwerklich nach oben gut ausbaufähig, so das vorläufige Urteil. Aber es überkommt einen der leise Verdacht, dass auch dieser Western sich nicht wirklich um Historie (im Sinne von Realität) bemüht.

Bedeutend besser ausgeprägt erscheint der kritische Ansatzpunkt bei »Homeland«. Eine psychisch labile CIA-Agentin (gespielt von Claire Danes) ist gewillt, einen bereits für tot erklärten Soldaten (Damien Lewis) als umgedrehten Terror-Schläfer zu entlarven. Von Schuldkomplexen drangsaliert ist es für sie nur logisch, dass der nach acht Jahren Gefangenschaft zurückgekehrte Marine kein Amerikaner mehr sein kann. Ein psychologisch aufreibendes Katz-und-Maus-Spiel beginnt, zumal die Agentin ihr Opfer rund um die Uhr beobachten kann.
War »24« eine Allmachtsphantasie vom Superhelden Jack Bauer, der alle scheinbaren Probleme einer aufrechten Nation erschießen, zusammenschlagen oder in die Luft sprengen konnte, so dürfte »Homeland« eine Bestandsaufnahme des Jetzt im Amerika der Homeland-Security-Ära sein. Interessanterweise gehören der Showrunner von »24« und einer der Autoren deren siebter Season zu den Machern von »Homeland«. Die übrigens wiederum auf der Idee einer israelischen Serie zum Thema basiert und (wen sollte es wundern) lediglich für amerikanische Verhältnisse adaptiert wurde. Ein Feature mit Details, das ausreichend neugierig macht.

Von Mitautor Christian Spließ stammt der (inhaltliche) Parforceritt durch die phantastischen Genre-Shows britischer Machart seit dem bedeutenden Jahr 2005. Kein Abhaken von Fakten, eher ein ehrerbietendes Verweilen. Eine Momentaufnahme, die per se nicht mit brandheißer Aktualität aufwartet (es auch nicht Muss!). Der Autor stellt dabei unter anderem auch die Frage in den Raum, warum eine Serie wie »Primeval« ein größeres Publikum hierzulande findet als der Doctor? Dies ließe sich vielleicht mit der Anwesenheit prähistorischen Getiers erklären. Stapft der Saurier über den Bildschirm, kann das Gehirn auf Durchzug stellen, womit irgendeine Komplexität in puncto Durchblick aufhört zu existieren. Steht so im Drehbuch – fertig!

Gut zu wissen, dass sich »Life On Mars« nun endlich in der ursprünglichen Lauflänge der jeweiligen Episoden hierzulande erwerben lässt. Positiv!

Sortiert

Neben all diesen direkt aufgegriffenen Inhalten birgt die Erstnummer von torrent noch ein erhebliches Mehr an kritischen Reviews (»Space 2063«) und ausführlichen Features (»Misfits«), die zum interessierten Lesen einladen. Wobei eine Aktualität (im Web-Sinne) natürlich nicht bedient werden kann. Bei einem vierteljährlich erscheinenden Magazin auch nicht zu erwarten. Nein. Die Stärke, die das Format bietet, liegt in der Betrachtung des Ganzen. Eine Art der jeweiligen Bestandsaufnahme, die Ausblicke offeriert und in der gleichen Ausgabe ein Resümee vergangener Serien angeht.
Die Kugel ist demnach angestoßen und sie birgt das Potential, Fahrt aufzunehmen!

In einer der Kritiken zur Erstausgabe wurde angemerkt, dass sich der eher kurze Text zu »Mad Men« (zwei Seiten, inklusive Bildmaterial) nicht für eine Cover-Story qualifizieren würde. Grundsätzlich mag der Einwand berechtigter Natur sein. Aber ich denke, dass es sich wie in diesem speziellen Fall (ein Wagnis ohne Netz) verschmerzen lässt. Vermutlich dürfte der Gedankengang gewesen sein, dass Draper und Companion noch den besten allgemeinen (!) Wiedererkennungswert vorweisen können.

Lohnt sich »torrent« für den Fan?!

torrent Nullnummer

Die torrent-Nullnummer von Juli 2011

Immerhin wird das Phantastische in dieser Ausgabe ordentlich bedient und der lang­jährige FO-Leser weiß, dass er sich gelegentlich auch mit der ausgiebigen Rezension eines Sozialdramas aus den Staaten oder Kanada konfrontiert sieht. Nicht zu vergessen, dass man einer nicht schlechten Idee Unterstützung bieten kann.

Ein Detail noch zu »Space 2063«. So ich mich richtig entsinne, entstand die Kolonie der Menschen auf einem für die »Chigs« bedeutsamen Planeten. Die Verantwortlichen der Firma (!) ließen berechnend ein Ultimatum verstreichen, weswegen die Außerirdischen angegriffen. Der Grund für den Krieg wird also durchaus thematisiert.

Die zweite Ausgabe ist für den Sommer angepeilt – geplant ist August mit der Tendenz zu September.

ROBERT MUSA

 

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