Ideales Kino – »The Hunger Games«

„The Hunger Games“ - PosterFilme werden mit den eigenen Augen betrachtet und entsprechend der gesellschaftlichen Einstellungen in den persönlichen Kosmos eingefügt. So darf es keinen verwundern, daß die kritische Rezeption des Films in den Staaten (des Vorwahlkampfs) teilweise ungestüm ins Kraut hinein wucherte. Anstatt sich mit den Feinheiten einer Kunstform zu beschäftigen, finden sich in einigen journalistischen Elaboraten Sets von Holzhämmern, mit denen der Stoff durch die ideologischen Fleischwölfe getrieben wurde. Ist ‚The Hunger Games‘ für die einen Kritiker die Bestätigung des postmodernen Feminismus im Jahr 2012, sehen es andere als patriarchal, revisionistischen Rückschritt, wenn sich Katniss Everdeen mit der Liebe zweier Jungs konfrontiert sieht (maskulines Besitzdenken!). Christlich orientierte Rezensionen wollten in jedem Element der Handlung eine Mission der glücklichen Heilsbotschaft erkannt haben. Grosszügig verkennend, daß Dinge wie Opferbereitschaft oder das Eintreten füreinander per se älter sind als das Christentum. Auf dem politischen Schlachtfeld fand sich wiederum das routinierte Gezänk zwischen Einschätzungen der Demokraten und Republikaner, die das Banner der Oberhoheit jeweils für sich in den Plot rammten.

Bei all dieser US-amerikanischen Farbenpracht, kann das hiesige Feuilleton nicht mithalten. Hier rasselte (nahezu) unisono das Fallgitter der „Verherrlichung von Gewalt an Kindern“ herunter. Es sei ein untragbarer Zustand, daß Hollywood inzwischen minderjährige Protagonisten in Gewaltorgien zelebriere. Kinder, die sich gegenseitig abschlachten würden, seien für das Kino unverzeihlich. Ein Konzept, das rundweg abzulehnen sei. In einer Radiosendung zu den Neustarts der Woche, erbrach sich der Kritiker förmlich in sein Mikrophon. Die differenzierteren Betrachtungen ließen sich in den besseren Film-Magazinen und Fan-Kritiken finden.

Katniss

Katniss (Jennifer Lawrence)

Amüsant wird die Lektüre der Hochkultur-Besprechungen, wenn sich die Autoren in ihren eigenen Analysen verheddern. So ein Zeitungsartikel, der auf dem Aspekt „Kinder & Gewalt“ fixiert ist, um im letzen Viertel die nicht real reproduzierte Gewalt zu bemängel. Es floß hier zuwenig Blut (Argument: „Verharmlosung“!). Respektive, daß sich durch den Einsatz einer Wackelkamera-Perspektive nicht genug der Gewalt sehen ließ. Eine herrliche Demontage der eigenen Argumentation!

In einer weiteren Kurzvorstellung – Marke 90% Bildmaterial & 10% Text – wird der Mangel an Ironie wie Humor beklagt. Ein irritierendes Ansinnen, denn die ironische Distanzierung hätte dem Anliegen des Film schnurgerade das Genick gebrochen. Die blutige Realität der Handlung soll den Betrachter umklammern und bis zum Ende nicht mehr los lassen. Ein feiner Humor lässt sich aber doch finden – zwischen Katniss und Haymitch. Und immer wenn Showmaster Caesar Flickerman sein maskenhaftes Pferdegrinsen anknippst.
Man kann also durchaus behaupten, daß sich die sogenannte seriöse Kunstkritik (Subabteilung Film) voller Effet in eine Fata Morgana verbissen hat. Die Scheuklappen engagiert über (!) die Augen gezogen.

Panem, District 12

„The Hunger Games“ - PosterDie Vereinigten Staaten existieren nicht mehr. An ihrer Stelle entstand Panem. Ein politisches Konstrukt, unter dem zwölf Distrikte ausgebeutet werden, damit im machtvollen Capitol der Überfluß verpraßt werden kann. Ein Aufstand der Distrikte, vor mehr als sieben Jahrzehnten, wurde mit aller Gewalt niedergeschlagen, der Distrikt 13 gar ausgelöscht. Seitdem verhalten sich die besiegten Menschen ruhig, arbeiten für das Wohlbehagen im Zentrum und versuchen mit dem Rest, der ihnen bleibt, zu überleben. Ausbeutung und Mangel sind der Machtelite aber nicht genug. Sie fordert einen jährlichen Blutzoll, den die Jugend aller Gebiete zu entrichten hat. Eine Todeslotterie, die zwölf Mädchen und zwölf Jungen im Alter zwischen 12 und 18 einfordert. Tribut an die Zentralgewalt, die sich mit nicht weniger als dem jährlichen Tod von 23 zufrieden geben will. In einem Ritual ausgewählt, in einer glitzernden Show vorgeführt und schlußendlich zum öffentlichen Töten gezwungen.

Effie Trinket (Elizabeth Banks) wird sich noch länger an den denkwürdigen Tag erinnern, als sie in Distrikt 12 die Auswahl der Tribute leitet. Zum allerersten Mal in der Geschichte der Hunger-Spiele meldet sich mit Katniss Everdeen eine Freiwillige. Sie übernimmt den Platz ihrer gelosten Schwester Primrose. Ein besonderes Detail für diesen 74ten Jahrgang, wie Effie findet und lautstark verkündet. Die Bestimmung des Jungen ist dann nur noch beiläufige Routine. Es wird ein gewisser Peeta Mellark (Josh Hutcherson).

Haymitch Abernathy

Haymitch Abernathy (Woody Harrelson)

Weit weniger angetan von der Besonderheit der Umstände ist Effies Kollege Haymitch Abernathy (Woody Harrelson), der sich lieber mit Hochprozentigem bei leidlicher Laune hält, als noch ein paar chancenlosen Opferlämmern den Weg zum Schafott zu erklären. Die Lage für Katniss und Peeta scheint verfahren, bis Peeta den ehemaligen Spielesieger Haymitch aus seiner Apathie zerren kann und Katniss mit Cinna (Lenny Kravitz) einen ihr mehr als gewogenen Unterstützer findet.
Wenige Tage notdürftigen Trainings und glitzernd-verlogener Shows später sind fast alle Kinder und Jugendliche tot.

Suzanne Collins

Suzanne Collins, Autorin der Romanvorlage

Wirft man/frau allen ideologischen Ballast wie die Scheuklappen „extra large“ einer politischen Korrektheit (welch verknöchertes Gebilde dies inzwischen auch immer sein mag!) weit hinter sich, läßt sich in Gary Ross’ Adaption des ersten Teils der Romantrilogie von Suzanne Collins ein unverrückbarer Standpunkt für das Recht des Menschen auf seine individuelle Freiheit fixieren. Die Fähigkeit des Einzelnen in einem Machtgetriebe den Ablauf durch gestreuten Sand zum Knirschen zu bringen. Nicht nur, daß Katniss sich von Anfang an weigert, den von ihr erwarteten Mord in Serie zu begehen und Peeta gewillt ist, ihr selbstlos beizustehen. Es sind Figuren wie Rue (Amanda Stenberg) und Foxface (Jacqueline Emerson), die der schlichten Mordlust der „Careers“ um Cato (Alexander Ludwig) & Glimmer (Leven Rambin) keine Resonanz bieten. Rue hilft der bedrängten und danach schutzlosen Katniss. Foxface sieht ihre kleinste Chance zu überleben im Nichtexponiertsein.
Hier geht es also nicht darum einem abgestumpften Kino-Publikum den Unterhaltungs-Stimulus von Kindern, die sich gegenseitig zerfleischen, zu bieten. Es ist bei weitem eher das Aufzeigen, daß sich Mitläufertum und Mittäterschaft auch im Kleinen umgehen lässt.

Was den Grundtenor des Films angeht, ist für mich die Szene exemplarisch zu nennen, in der Katniss und Foxface auf der Flucht zusammenstoßen. Beide haben den Blutexzess am Füllhorn miterlebt. Beide stehen sich einander verharrend gegenüber. Während sich in Katniss‘ Gesicht die Unsicherheit spiegelt, wie sich die Situation weiterentwickelt (sie ist zu diesem Zeitpunkt ohne Waffe), läßt sich bei Foxface die Absicht erkennen nicht töten zu wollen. So ist es sie, die als erste von beiden die Flucht wieder aufnimmt. Foxface taucht im weiteren Verlauf stets wie aus dem Nichts auf, greift sich notwendige Vorräte und verschwindet wieder, ohne Gewalt angewendet zu haben. Bezeichnend ist dann auch ihr Ende, als sie sich unwissentlich vergiftet. In einer Situation, in der Clove (Isabelle Fuhrman) oder Marvel (Jack Quaid) sofort den sammelnden Peeta angegriffen hätten, ist Foxface nur an den Beeren interessiert.

Mit ihrem erfolgreich subversiven Verhalten hat Katniss die ersten Steine in Bewegung versetzt. Die Kraft ihres Widerstands läßt sich in der Szene erkennen, nachdem sie die tote Rue aufgebahrt und verabschiedet hat. Katniss wendet sich an eine der vielen getarnten Kameras und erbietet den Menschen aus Distrikt 11 (Rues!) ihren Gruß. Die Unruhen beginnen.
Dabei ist der Sieg von Katniss Everdeen und Peeta Mellark nur die Overtüre zu einem Konflikt, der grausame Spuren hinterlassen wird und nicht nach dem Gut-Böse-Stereotyp der Hollywood-Factory ablaufen kann.

In puncto Darsteller wird ‚The Hunger Games‘ vordergründig von einer aufspielenden Jennifer Lawrence getragen. Vordergründig, denn das versammelte Ensemble ist in bester Manier ausgewählt. Egal ob wir uns mit den Antagonisten befassen – glänzend gespielt von Wes Bentley (Seneca), dem wandlungsreichen Stanley Tucci (Caesar) oder Donald Sutherland (Snow) als Quasi-Pate. Oder mit kleinen Nebenrollen – Dayo Okeniyi (Thresh) und eben Foxface.

Caesar und Katniss

Das Mädchen, das in Flammen steht: Caesar (Stanley Tucci) präsentiert Katniss

Für uns hier nicht uninteressant dürfte eine angeschobene Web-Diskussion in den Staaten sein, in der sich seltsame Fans der Bücher nicht davor scheuen, öffentlich ihren kleinwäldlerischen Rassismus bezüglich Rue von der Leine zu lassen. Anstatt der farbigen Amanda Stenberg hätten sie hier entschieden lieber eine arische Blondine gecastet gesehen. Peinlicherweise, obwohl sich im Roman eine Stelle finden läßt, in der die Autorin Collins Rue als dunkelhäutig beschreibt.
Die große Welt endet nun eben nicht hinter dem letzten Froschtümpel!

„The Hunger Games“ - Cinna und Katniss

Cinna (Lenny Kravitz) und Katniss (Jennifer Lawrence)

‚The Hunger Games‘ ist, das wofür Kino sich im Ideal eignet. Mitreißend, anspruchsvoll und sein Publikum ernstnehmend. Ein Fingerzeig für Hollywood, das die Kundschaft ihrer Elaborate für in der Tendenz lieber ein wenig anspruchsarm hält. Die satte Box-Office, allein in den Staaten, geht hier einmal in die richtige Richtung. Obschon mir bewußt ist, daß ideologische Rosinenpicker hier auch ihren Obulus entrichtet haben. Ohne sich von der Aussage im Ansatz irritieren zu lassen.
Sei dem so …

… auf ein grandioses Sequel!

ROBERT MUSA

DIE TRIBUTE VON PANEM – THE HUNGER GAMES
Original: „The Hunger Games“, USA 2012;
Regie: Gary Ross, Drehbuch: Gary Ross, Suzanne Collins & Billy Ray (nach dem Roman von Suzanne Collins), Musik: James Newton Howard
Darsteller/innen: Jennifer Lawrence, Josh Hutcherson, Woody Harrelson, Stanley Tucci, Wes Bentley, Jacqueline Emerson, Elizabeth Banks, Liam Hemsworth, Amanda Stenberg, Alexander Ludwig, Leven Rambin, Isabelle Fuhrman, Jack Quaid, Willow Schields, Paula Malcomson, Donald Sutherland, Lenny Kravitz, Dayo Okeniyi u.a.;
142 Minuten
 

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