»Iron Sky« vs. »Paul« – SciFi als spöttische Nabelschau

Paul vs. Iron SkyEs ist eine alte Weisheit, dass die beste Science Fiction diejenige ist, die durch die Brille der Vision einen neuen Blick auf die Welt ermöglicht, in der wir leben. Zwei der erfolgreicheren SciFi-Filme der letzten Jahre waren Komödien, und folgerichtig warfen sie einen spöttischen Blick auf unsere Zeit. Nun machen zwar zwei Ufos noch keinen Sommer, aber „Paul“ und „Iron Sky“ könnten ein Trendsignal sein: SciFi und verwandte Genres bestehen in den 2010ern am besten im Limbus des Scherzes, des sarkastischen Gegenwartskommentars. Aber nicht mehr als ernstzunehmendes Genre. Diese Zeiten sind vorbei.
Zuerst eine Zusammenfassung der beiden ungleichen Brüder:

Paul (2011)

Ein hierzulande unterschätztes Werk des Komikerdous Simon Pegg und Nick Frost („Hot Fuzz“, „Shaun of the Dead“). Die Trailer vermitteln den Eindruck, es handele sich um einen actiongeladenen, harmlosen Abenteuerspaß für 14-jährige. Nicht sehr einladend. Aber wer sich (als Fan von Pegg und Frost vielleicht) dennoch darauf einlässt, erlebt eine Überraschung. „Paul“ ist eine über weite Strecken intelligente Persiflage der Nerd- & Geekszene und der amerikanischen Gesellschaft. Statt sich auf die tausendste Verarschung bekannter SciFi-Klassiker zu verlassen, nimmt der Film diejenigen aufs Korn, die eben diese Witzchen zu ihrem Lebensinhalt gemacht haben. Pegg und Frost spielen zwei semiprofessionelle Kreative aus der SciFi-Szene, und sie leben und atmen Filme wie „Predator“, „Star Wars“, „E.T“ und dergleichen. Ein Gag im Gag ist dabei Sigourney Weavers Auftritt; die Grande Dame des Hollywood-SciFi ist kein Neuling im Spoof-Genre (siehe „Galaxy Quest“), die ewige Heldin wechselt aber hier als politischer Insider des Geheimdienstes auf die Seite des Bösen. Der Soundtrack enthält einige gute und nicht zu oft gehörte Rock- und Soulnummern, die sich gut ins Setting einpassen.

„Paul“ - Poster

Iron Sky (2012)

Der Film greift die alte Verschwörungstheorie auf, die Nazis hätten sich vor Kriegsende mit UFO-ähnlichen Fluggeräten aus dem Staub gemacht und warteten jetzt an geheimem Ort auf ihre Chance zur Revanche (es ist unklar, ob sie im Inneren der hohlen Erde oder auf dem Mond stecken – oder beides). Im Jahr 2018 werden sie durch eine PR-Mondfahrt der USA in ihren Vorbereitungen gestört, erhalten aber gleichzeitig das fehlende Element für ihre Wunderwaffe, das Riesen-UFO „Götterdämmerung“ (überhaupt ziemlich viel Wagner in diesem Film).
Auch hier gehen die Trailer am Kern des Filmes vorbei: man mag meinen, es handele sich um eine abendfüllende Verlängerung des einen großen Witzes; die Nazis vom Mond eben. Das wäre ziemlich fad, und obwohl „Iron Sky“ bei Rottentomatoes nur eine Wertung von 33 % erreicht, hat er doch einiges mehr auf dem Kasten. Der Großteil Handlung findet auf der Erde statt, im Weißen Haus, der UNO, einer PR-Agentur und im Fernsehen. Der Film entwickelt sich hier zu einer ausgewachsenen Politsatire. Das Finale ist die vorhersehbare Raumschlacht, das Finale ist an den Haaren herbeigezogen, die letzten drei Minuten sind pathetisch und moraliserend, aber unterm Strich ist „Iron Sky“ einer der besseren Enkel des ungeschlagenen „Dr. Seltsam, oder wie ich lernte, die Bombe zu lieben“ (dem er sichtlich nacheifert und den er deutlich zitiert). Der Soundtrack ist schwer verdaulich – Wagner und LAIBACH sind Geschmackssache und haben beide ihre eigene (berechtigte oder unberechtigte) Vergangenheit mit dem Nazi-Thema, was den Spaß an der Sache doch etwas mindert.

„Iron Sky“ - Poster

Beide Filme versuchen gar nicht erst, ihr Genre ernsthaft zu behandeln. Wo die 60er, 70er und 80er noch philosophische Fragen zu behandeln suchten („2001“, „Uhrwerk Orange“, „Blade Runner“) oder einfache Space Opera zelebrierten („Star Wars“, „Star Trek“ et al.), schlichen sich zunehmend andere Genres als Mischformen ein, etwa Horror („Alien“, „Event Horizon“, „Sunlight“). Es war nur eine Frage der Zeit, bis die zunehmende Bekanntheit der großen Urväter (gerade „Star Wars“) die Karikaturisten der Filmwelt auf den Plan rief („Spaceballs“ oder das bereits erwähnte „Galaxy Quest“), und mit der Verbeitung des Spoof-Humors gerade seit Entstehen der Meme-Kultur ab der Jahrtausendwende war es um das Genre geschehen. Die seltenen „erwachsenen“ Werke wie „Moon“ (2009) bleiben seitdem die Ausnahme.

Neu ist nun der Trend, nicht mehr nur das Genre zu verarschen, sondern es als Vehikel der Gesellschaftskritik zu benutzen. Ähnlich wie „Gullivers Reisen“ und der „Mikado“ im 18. und 19. Jahrhundert das überlebte Genre der „Traveler Tales“ als Projektionsfläche für Spott an der (englischen) Gegenwart nutzten, wird unser Leib- und Magengenre nun zum Werkzeug der Zyniker und Satiriker. Auch „Paul“ und „Iron Sky“ ziehen den Großteil ihres Humors aus Witzen über iPads, die „Culture Wars“ in den USA, den ewigen Präsidentschaftswahlkampf, die Maschinerie der Meinungsmache oder die Realitäten der internationalen Politik.

Unter diesem Gesichtpunkt merkt man „Iron Sky“ aber an, dass er nur ein besserer B-Movie ist. Vor allem die letzten zehn Minuten sind arg uneben und drohen, die guten Szenen des Filmes nachträglich zu torpedieren. „Paul“ dagegen ist das routinierte Werk zweier echter Comedy-Profis, die beim Schreiben vielleicht ein bisschen zu stark auf den Massenmarkt geschielt haben. Keiner der Filme ist perfekt, aber im direkten Vergleich kann der Nazi-Klamauk trotz der bildhübschen Julia Dietze als Hauptdarstellerin (Götz Otto ist auch nicht zu verachten) und einiger wirklich guter Gags nicht gegen den pöbelnden Paul anstinken.

MICHAEL ERLE

 

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Über Michael Erle

Autor von Fiction (Fantasy, SciFi, Thriller) und Non-Fiction-Texten. In viele von meinen Werken spielt Musik eine wichtige Rolle, was sicher auch daran liegt, dass ich mich auch zum Musiker berufen fühle. Im bürgerlichen Leben verdiene ich mein Geld mit Pressearbeit für IT- und Hightechfirmen. Nein, ich kann eure Computer trotzdem nicht reparieren.
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