Minutenlang erstarrte Miene –
»Die Frau in Schwarz«

„Frau in Schwarz“ - PosterWer den Namen Daniel Radcliffe hört, denkt reflexhaft an Harry Potter, denn der 1989 in London geborene Schauspieler mimte den berühmtesten Zauberlehrling der Welt in insgesamt acht Kinofilmen. Mit »Die Frau in Schwarz« versucht Radcliffe nun nach dem offiziellen Ende der Pottermania erstmals, sich als Darsteller außerhalb seines immerhin zehn Jahre alten Rollenklischees zu profilieren.
»Die Frau in Schwarz« einen Horrorfilm zu nennen, wäre angesichts der Altersfreigabe und der somit naturgemäß sehr zahmen Inszenierung übertrieben. Gruselfilm trifft es da schon eher. Radcliffe spielt den Anwalt Arthur Kipps, der Anfang des 20. Jahrhunderts von seinem Büro beauftragt wird, in das abgelegene Küstendorf Crythin Gifford zu reisen und dort den Nachlass der verstorbenen Alice Drablow zu regeln. Die Dorfbewohner begegnen ihm von Beginn an feindselig und legen ihm eine möglichst sofortige Rückreise nach London ans Herz. Kipps lässt sich jedoch nicht einschüchtern und bleibt. Bei der Durchsicht von Papieren der Verstorbenen in deren Anwesen, erscheint ihm mehrfach eine geheimnisvolle Frau in Schwarz – und das Unheil nimmt seinen Lauf.

Ich gebe zu, dass mich »Die Frau in Schwarz« mit gemischten Gefühlen zurücklässt. Ich habe mich nicht wirklich gelangweilt, allerdings auch nicht sonderlich unterhalten (oder gar gegruselt). Die Story ist in jeder Hinsicht gewöhnlich, bis hin zur schrecklich gefühlsduseligen Auflösung. Gewöhnlichkeit ist überhaupt das Zauberwort. Der Streifen schafft es mit seiner behäbigen Dramaturgie und den vernebelten Bildern zu keinem Zeitpunkt, so etwas wie Nähe zu erzeugen. Radcliffe, der kaum Dialog hat, dafür aber immer wieder minutenlang mit starrer Miene durch das typische Szenenbild antiker Filme der Hammer Studios schreitet, enttäuscht nicht, überzeugt aber ebenso wenig.

Letztlich kam mir »Die Frau in Schwarz« irgendwie wie ein in die Neuzeit übersetzter Klassiker vor. Die Patina konnte man nicht gänzlich abkratzen, aber die darunter liegende Substanz reicht immerhin aus, um den Kinoabend nicht zur Enttäuschung werden zu lassen. Wer Harry Potter mal ohne Zauberstab sehen will, kann ab Juni bereits zur DVD/Blu-ray greifen. Alle anderen müssen überlegen, ob sie die Zeit und das Geld für einen seichten und in allen Belangen durchschnittlichen Film investieren wollen.

RÜDIGER SCHÄFER

»Die Frau in Schwarz«, 2012, Kino, 95 min., FSK 12
 

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Eine Antwort auf Minutenlang erstarrte Miene –
»Die Frau in Schwarz«

  1. RoM sagt:

    Apropos Harry…
    Erinnern wir uns kurz an die moralisch unterfütterten Fragezeichen, als Daniel Radcliffe nackt auf einer Theaterbühne mimte: “Darf ein Harry Potter das?! Die K i n d e r !!!”.
    Die Einstellung gegenüber der Schauspielerei erinnerte damals ein wenig an die Erkenntnis durch Sam (den gefiederten Moralapostel der “Muppet Show”), daß alle unter ihrer Kleidung vollkommen nackt wären.

    Die Trennung von Darsteller und Rolle hatte sich also noch nicht bis in den letzten Gehirnwinkel “betroffener” Bedenkenträger herumgesprochen.
    Die intellektuelle Unfähigkeit ist fast so gut wie das empörte Statement, daß eine lesbische Schauspielerin keine heterosexuelle Ehefrau spielen könne – “weil völlig unglaubwürdig”.

    Sam der Adler kam ja während seiner empörten Rede auch dahinter, daß selbst die Vögel unter ihrem Gefieder vollkommen nackt seien…und das mitten auf der Bühne!