Nicht preiswürdig, aber lesenswert: »Katharsia« von Jürgen Magister

Jürgen Magister - »Katharsia«Für den 14jährigen Sando wird ein Traum wahr: Er reist mit seiner Klavierlehrerin Maria, die er heimlich verehrt, durch Marokko. Während sie locker miteinander scherzen, endet der Ferientrip abrupt. Ihr Reisebus wird durch islamische Gotteskrieger gestürmt. Sie töten sowohl Sando als auch Maria.

Ein Roman, in dem die Hauptfigur schon auf den ersten Seiten stirbt, beginnt zumindest ungewöhnlich. Doch Sando ist nicht wirklich tot. Seine Seele gelangt nach Katharsia. Die Seelen der Verstorbenen bleiben dort so lange, bis sie mit sich ins Reine kommen. Katharsia ist eine Parallelwelt – aber es ist nicht das Paradies. Das merkt auch der junge Sando schnell.
Damit die Seelen der Verstorbenen sich in Katharsia manifestieren können, brauchen sie Retamin. Durch diesen Stoff erhalten sie einen neuen Körper. Wer genug Retamin hat, kann sich damit auch einen Diener, ein eigenes Kind oder gigantische Fabelwesen erschaffen. Leider geht dieses Retamin zur Neige. Nicht allen Seelen gelingt es, einen Körper in Katharsia zu bekommen.
Während Sando eigentlich nur nach der verstofflichten Seele von Maria suchen will, gerät er unvermittelt in eine perfide Verschwörung, in der es natürlich um Macht und die Herrschaft über Katharsia geht. Und er lernt einige Freunde kennen, die eine Jahrhunderte alte Geschichte verbindet.

Jürgen Magister

Jürgen Magister

„Katharsia“ war auf der Leipziger Buchmesse für den Seraph (FO berichtete hier und hier) als einer von drei Romanen für den Preis des besten Debütromans nominiert. Der Roman ging jedoch leer aus.
Ganz unerfahren ist Jürgen Magister allerdings nicht. Der 1952 geborene Autor studierte an der TU Dresden Physik, um sich dann der Musik zu widmen. Nach einem Kompositionsstudium arbeitete er von 1977 bis 1990 als Musikdramaturg im Kulturpalast Dresden und im Schicht-Theater. Nach der Wende war er als Freiberufler und Komponist für verschiedene Theateraufführungen und seit 1994 auch als freier Fernsehjournalist und Autor (u. a. für die ARD und den MDR) tätig. Eine schon fast typische Wendebiographie.

Probleme von heute

Mit »Katharsia«, an dem Magister vier Jahre gearbeitet hat, möchte er zu aktuellen Problemen der Zeit Stellung nehmen. In einem „arte Video-Blog“ von Volker Insel formulierte er sein Anliegen so: »Es geht darum herauszufinden, wo kommt der Hass der islamischen Fundamentalisten her? Was haben die Kreuzritter z. B. damit zu tun?«
Sein Schlüsselwort für die Erklärung des Fundamentalismus ist »Kreuzritter«. Sando wird in eine Auseinandersetzung hineingezogen, die bis in die Zeit der Kreuzritter in Jerusalem zurückreicht – und da die Seelen in Katharsia nicht sterben, begegnet er auch den Personen die vor 900 Jahren Zeuge eines brutalen Gemetzels wurden. Und schließlich muß er sich auch der Person entgegenstellen, die in dem Roman das personifizierte Böse darstellt, dem Kreuzritter von Wolfhagen, der in Jerusalem Sandos neue Freunde grausam ermordete und sich durch Intrige und Verrat anschickt, Unheil und Krieg nach Katharsia zu bringen.

Der Rückgriff auf die Kreuzritter als Ausgangspunkt des Fundamentalismus greift zu kurz. Er ignoriert die historische Entwicklung der letzten Jahrhunderte und vergisst, dass es so etwas wie Kolonialismus, Sklaverei und einer von den westlichen Industriestaaten dominierte Weltordnung gegeben hat. Hier macht Jürgen Magister zu viele Zugeständnisse an sein jugendliches Zielpublikum.
Denn das ganze Buch ist von seiner Handlungsführung, der Tiefe und Intensität der Dialoge bis hin zur Wortwahl als Jugendbuch konzipiert. Selbst die »unvorhergesehenen« Wendungen der Handlung und die Geheimnisse, die manche Protagonisten verbergen, können einen erfahrenen Leser nicht wirklich überraschen. Passend dazu sind die manchmal etwas klischeehaft anmutenden Stilisierungen von Nebenfiguren (vertrottelter Wissenschaftler, sensationsheischender Reporter usw.).

Trotzdem funktioniert die Geschichte und zieht den Leser in ihren Bann. Es bleibt bis zuletzt spannend und viele originelle Einfälle und Anspielungen sorgen für ein kurzweiliges Lesevergnügen. Auch jugendlichen Lesern wird es nicht schwerfallen, in dem Retamin Katharsias das Erdöl unserer Welt zu erkennen oder Parallelen zu finden zwischen der Romanfigur »Jannis dem Träumer«, der für Toleranz und Vergebung eintritt, und Johannes dem Täufer aus der christlichen Religion. Der Hades in Katharsia, in dem verbrecherische Seelen gefangengehalten werden, ist eine furchteinflößende Analogie zu den Konzentrationslagern dieser Welt.
Und auch die Romantik und die Liebe kommen nicht zu kurz. Die Schlusspassage, in der Sando sich erst mit seinem Erzfeind aus Schultagen versöhnt und dann – auf den letzten Seiten – endlich seine Maria wiederfindet, ist sicherlich eine der stärksten in dem ganzen Buch. Sie verdeutlicht die einzig wirksame Antwort auf den Fundamentalismus und das unheilvolle Bestreben, eine komplexe Welt durch Regeln und Vorschriften beherrschen zu wollen: Menschlichkeit!
Ein Meisterwerk ist dieser Debütroman sicherlich nicht, aber ein anrührendes und lesenswertes Buch allemal.

HOLGER MARKS

Jürgen Magister – »Katharsia«
Dresdner Buchverlag, 732 Seiten, € 29, 90 (Hardcover), bzw. 834 Seiten, € 19,90 (Softcover bei Editia, dem
Taschenbuch-Imprint des Dresdner Buchverlages)
Homepage: www.katharsia.de
 

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