Hilfe! Das Fandom stirbt!
… Findet der Zauberspiegel.

Das Fandom liegt im Sterben, findet zumindest Zauberspiegel-Macher Horst Hermann von Allwörden. In seinem aktuellen Leitartikel mit dem Titel „Quo Vadis, Fandom? Fan sein im Wandel der Zeiten …“ beklagt Allwörden das langsam aussterbende Fandom, wie er es kennt:

Wie schon im Leitartikel zu unserem 5. Jubiläum online angeklungen, erledigt sich gerade nach und nach das Fandom ist seiner althergebrachten Form. Was seit rund sechs Jahrzehnten kultiviert wurde, geht nun den Weg allen Irdischen, überaltert sich und wird nun nach und nach verschwinden. (…) Es wird nicht mehr lange dauern, bis es auf Cons nach Blasentee und Rheumasalbe riecht und ›Buftis‹ (die Nachfolger der ›Zivis‹) die alternden BNF[1] in ihren ›AOK-Choppern‹ von Raum zu Raum schieben. Die Rückkopplungen der Hörgeräte werden die Gespräche übertönen und das Klappern der Rollatoren die Flure erfüllen. Zynisch gesagt strebt das Fandom in der seit den Fünfzigern ausgeprägten Form einer biologischen Lösung entgegen. Und eine rote Liste für das Fandom gibt es nicht. Es werden keine Nachzuchten angestrebt, kein Nationalpark eingerichtet und kein Zoo errichtet.

Das Ende des Bekannten naht …

Hat er denn unrecht? Eine ähnliche Fragestellung führte zu dem Artikel „Der Netzmensch“ in FO 259 – Gelegenheitsredakteur begibt sich auf die Suche nach dem Fandom und findet es nicht auf Anhieb wieder. Doch es war nicht verschwunden, es war nur auf eine andere Weide gewechselt. Es gibt halt Kreise, die sich nicht überschneiden. Und wenn die dann noch unterschiedliche Medien und Ausdrucksformen benutzen, entsteht schnell das Bild, daß es mit einer Szene bergab gehe, weil ein Teil davon sich nicht erneuert.

Mein Eindruck ist, daß die phantastischen Genres heute größere Fan-Szenen haben denn je. Vieles davon mag kommerziell getrieben und von jener Sorte Media-Fans getragen sein, über die der SF-Fan alter Prägung gern die Nase rümpft, aber es passiert was. Und das Netz ist voll mit Themen; typische Nerd-topics gehören längst zum Standardrepertoire der Netzkultur.

Saarcon 13

Der gute alte SF-Con im verqualmten Hinterzimmer: Herbert Thiery unterhält das Publikum des Saarcon 13

Daß der klassische SF-Con keine Impulse mehr bringt, stimmt auch nur dort, wo es keine Bemühungen gibt, Schnittstellen zu neuen Kreisen zu schaffen. Für den diesjährigen Eurocon in Zagreb z.B., den auch deutsche Fans besucht haben, traf das wohl nicht zu – solche Veranstaltungen haben wir in Deutschland jedoch schon lange nicht mehr erlebt, weil es niemanden gibt, der sie macht. Diese Fahne hält in kleinerem Maßstab lediglich der Dortcon hoch und das ist doch ein wunderbarer Anlaß, 2013 wieder vorbeizuschauen!

Es ist schon wahr, daß wir viele Dinge, über die die SF in den letzten Jahrzehnten geschrieben hat, heute erleben. Die wirklich interessanten Veranstaltungen beschäftigen sich exakt damit und mit den Konsequenzen dieser Entwicklungen für die Gesellschaft, etwa die re:publica oder der Chaos Communication Congress. Das sind relevante Ereignisse, da trifft man auch – und da schließt sich der Kreis – SF-Autoren, die im Grenzgebiet zwischen Hypothese und Entwicklung arbeiten, Cory Doctorow zum Beispiel. Damit verglichen ist der klassische SF-Con, wie wir ihn aus dem Inland kennen, wirklich eine dröge, rückwärtsgewandte Seniorenbewegung.

Mein Tip? Jammern einstellen, vernetzen, einfach mal was anfangen. Die Zukunft ist bunt!

MANFRED MÜLLER

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Postscriptum

Lustig finde ich bei den Kommentaren im Zauberspiegel den des „Alten Hahns“, der von virtuellen Welten schwärmt und den Möglichkeiten, die es dort gäbe, Cons zu veranstalten. Es wäre sicher mal eine Abwechslung, aber mehr als 50 Leute auf eine Sim passen in Second Life zum Beispiel nicht – findige Macher haben schon Bühnen im Schnittpunkt vierer Sims plaziert und konnten so knapp 200 Leute unterhalten, aber einen richtigen Con ersetzt das nicht. Wen die Größenbeschränkung nicht schreckt, sollte gelegentlich mal im Kafe Krümelkram vorbeischauen, da veranstalten der Autor Thorsten Küper und seine Mitstreiter von den Brennenden Buchstaben regelmäßig Lesungen und andere Veranstaltungen mit Genrebezug, wie die „Orbitalen Visionen“ in diesem Frühjahr.

 

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Über muellermanfred

Manfred schreibt seit 1989 für den Fandom Observer und hat das Heft von 1992 an ein paar Jahre lang als alleiniger Chefredakteur betreut. Kümmert sich heute vor allem um den FO im Internet. Beruf: Grafiker. Fährt gern Rad.
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4 Antworten auf Hilfe! Das Fandom stirbt!
… Findet der Zauberspiegel.

  1. Phantanews sagt:

    Naja, er redet konkret von der “althergebrachten Form” die ausstirbt, das würde ich auch so sehen. Dass die Phantastik (oder genauer die SF) sich inzwischen anderswo abspielt, wird im “althergebrachten” Fandom (das mit Diskussionen über sich selbst mehr als ausgelastet ist) wahrscheinlich eh keiner merken, außer vielleicht daran, dass es irgendwie immer ruhiger um einen herum wird. Solange man da allerdings meint, die Deutungshoheit zu besitzen und eine Menge moderner literarischer und multimedialer Science Fiction-Angebote einfach nicht als “echte” SF anzusehen, sehe ich ebenfalls nicht viel Hoffnung. Stört mich aber auch nicht.

  2. kueperpunk sagt:

    Interessant. Ich bin übrigens nicht der Alte Hahn – na ja in gewisser Weise schon Hahn, aber nicht der eben – ich habe allerdings eine Vermutung, wer es sein könnte. Wir haben da noch ein Science Fiction Urgestein in SecondLife.
    Cons in SecondLife? Jederzeit gern. Wir machen sowas ständig.
    Schön, dass du die Orbitalen Visionen erwähnt hast. Wir hatten dann gleich auch noch die Orbitalen Revisionen mit Gabriele Behrend und Miriam Pharo und vor wwenigen Wochen war Thriller Autor Karl Olsberg bei uns. Ganz zu schweigen von unserer Five Continent Reading mit Michael Iwoleit, Gustavo Bondoni, Ahmed Khan, Guy Hasson und Jonathan Dotse, über den die BBC gerade berichtete. Gesichtet wurden bei uns auch schon gewisse Szenegrößen. Einer sogar tentakelbewehrt.
    Es geht noch ne Menge. Und die Evolution beweist: Wer nicht aussterben will, solte sich gelegentlich neue Lebensräume erschließen.
    Wir machen es jetzt auch in Gegenrichtung: Unser Bücherpicknick in Duisburg Meiderich findet rl statt und man kann dort live den Brake, den Giersche, den Hebben, den Iwoleit, den Kemmler, den Klöpping und den Küper erleben.
    Schaut mal dort: http://kueperpunk.blogspot.de/p/bucherpicknick.html

  3. RoM sagt:

    Grundsätzlich für eine “Szene” ist die Kommunikation. Solange diese am relevanten Laufen gehalten wird, ist Form wie Ort sekundär im Aspekt.
    Abgesehen davon ist der AlzCon jung an Lebensjahren geblieben :-)

  4. Navigator sagt:

    Ja, natürlich verschwindet das SF-Fandom. Das ist halt so. Es hatte ja auch lange Bestand. Ich persönlich finde das natürlich irgendwie auch schade, denn es ist ein Teil meiner Jugend, aber … naja … “objektiv” betrachtet kann ich keinen starken Trennungsschmerz empfinden. Die meisten Impulse der Science Fiction lösen sich langsam wie eine Aspirin in der sie umgebenden Kultur auf. Irgendwie war das immer, was ich mir gewünscht hatte, aber die “Schattenseite” ist natürlich der Verlust an Besonderem und an dem Gefühl individueller Relevanz. Ein Kehraus für Nerds. In den 80ern haben die Fans immer über das SF-Ghetto gejammert, dabei haben sie es in Wirklichkeit geliebt, es war ihr Schutzraum.