Kompletter Reinfall: »Chernobyl Diaries«

„Chernobyl Diaries“ PosterSie sind jung, sie sind Amerikaner, und sie heißen Chris, Natalie, Amanda und Paul. Als sogenannte Backpacker (Rucksacktouristen) sind sie auf Europareise. In Kiew (Ukraine) lernen sie die Norwegerin Zoe und den Australier Michael kennen. Gemeinsam nimmt die Gruppe an einer Extrem-Tour in die verlassene Stadt Pripyat teil, jener Siedlung im Schatten des Kernkraftwerks Tschernobyl, in der bis 1986 die Arbeiter der Anlage und deren Familien lebten. Organisiert wird der eigentlich illegale Abenteuertrip von Fremdenführer Uri, der die jungen Leute in einem altersschwachen Kleinbus über verschlungene Pfade ans Ziel fährt. Nach einer kurzen Besichtigung kommt es, wie es in einem Horrorstreifen zwangsläufig kommen muss: Der Motor des Busses springt nicht mehr an, und die Nacht bricht herein …

Grundsätzlich ist die Idee von »Chernobyl Diaries« interessant. Vor allem in seinen ersten vierzig Minuten erzeugt der Film eine gelungene Gänsehautatmosphäre. Die Bilder der verfallenen Geisterstadt und der düster und trostlos wirkenden Umgebung sind bedrückend. Auch die eingestreuten Schockeffekte (ein mutierter Fisch am Rand eines kleinen Gewässers, ein Bär, der sich in einer der verlassenen Wohnungen eingenistet hat) verursachen angenehmen Grusel. Das ändert sich jedoch schlagartig, als es dunkel wird …

Der letzte Satz ist absolut wörtlich zu verstehen, denn ab ungefähr der Mitte des Streifens sieht der Kinobesucher praktisch nichts mehr. Das ist zwar absolut realistisch, weil es in Pripyat keinen Strom, und somit auch keine künstlichen Lichtquellen gibt, als Kulisse für einen Kinofilm allerdings eher kontraproduktiv. Und so stolpern die Protagonisten schreiend, keuchend und lediglich mit ein paar Taschenlampen bewaffnet durch rabenschwarze Finsternis, um nach und nach von geheimnisvollen und bestenfalls schemenhaft erkennbaren Gestalten getötet zu werden. Da der Film bereits ab 16 Jahren freigegeben ist, habe ich nicht unbedingt eine blutige Slasher-Orgie erwartet, aber das man buchstäblich gar nichts sieht, ist des Guten dann doch deutlich zu viel!

Insofern fällt mir das Fazit leicht: »Chernobyl Diaries« ist für alle Freunde des gepflegten Horrorfilms ein kompletter Reinfall. Low-Budget-Produktionen (das Projekt hat eine Million US-Dollar verschlungen) müssen keine Rohrkrepierer sein, und Produzent Oren Peli hat mit »Paranormal Activity« bewiesen, dass er weiß, wie es geht. Man kann auch mit bescheidenen Mitteln viel erreichen. Wenn ich allerdings ein Hörspiel erleben will, muss ich dafür nicht ins Kino gehen.

Das ist alles umso ärgerlicher, als dass – wie schon erwähnt – die Idee an sich und die erste Hälfte des Films wirklich gelungen sind. Mit ein paar passenden Masken und etwas mehr Licht, hätte man aus dem Streifen eine kleine Perle machen können. So bleibt nur die Enttäuschung über das miserable, weil viel zu dunkle Ende.

Zwei Dinge noch: Natürlich handelt es sich bei den Angreifern um entkommene ehemalige Arbeiter, die aufgrund der Strahlung mutiert sind, und von den Behörden nun in einem speziellen Krankenhaus gefangen gehalten und betreut werden.

Und: Ebenso natürlich wurde der Film nicht am Originalschauplatz, sondern in Ungarn und Serbien gedreht.

RÜDIGER SCHÄFER

»Chernobyl Diaries«, 2012, Horror, Kino, 93 min., FSK 16

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