Marburgcon 2012: Familientreffen mit Zombies, Bestattern und Einhörnern

Apokalyptische Schreiber

Die Apokalyptischen Schreiber

Der MarburgCon ist einer der kleineren Cons der Phantastik-Szene. Sehr klein und sehr familiär. Das Wort „Familientreffen“ hat an diesem Tag mindestens jeder zweite Besucher in den Mund genommen. Und doch hat der Con dieses Mal gleich mit mehreren Rekordzahlen aufzuwarten: „Wir hatten 85 Besucher“, strahlte Thomas Vaterrodt, einer der Organisatoren am Abend, nach dem Ende des offiziellen Programms. „Das war viel mehr als letztes Jahr.“ Auch die Ausstellerzahl ist gestiegen: 19 Verlage, Autoren und andere Phantastik-Schaffende fanden diesmal den Weg ins Bürgerhaus Niederweimar bei Marburg, im Vorjahr waren es nur elf.

Junge Verlage

Michael Dissieux

Michael Dissieux

Ein Neuling auf dem Con war der 2011 gegründete Lucifer-Verlag von Steffen Janssen, der seine beiden ersten Romane präsentierte: Michael Dissieux hat hier seinen Endzeitroman „Graues Land“ herausgebracht. Der 44-Jährige erzählt von einem alten Mann namens Harvey, der seine im Wachkoma liegende Frau pflegt. Draußen aber lauert das Grauen, Kreaturen schleichen ums Haus, der Wahnsinn ist nahe … „Ein Happy End gibt’s bei mir grundsätzlich nicht“, sagt der Autor.

Rona Walter

Rona Walter

Ähnlich düster ist das Thema, dessen sich seine Verlagskollegin Rona Walter angenommen hat: „Kaltgeschminkt“, das an diesem Tag seinen Erstverkaufstag hatte, ist ein Roman über zwei Bestatter, die mit ihren Leichen nicht mehr fertig werden. Wie oft man auch das entstellte Gesicht des Toten schminkt, am Ende liegt er wieder da wie zuvor. Schließlich meldet sich der Tod selbst zu Wort. Die 27-Jährige fand über die Seite romansuche.de zu ihrem Verlag.

Erik Schreiber

Erik Schreiber

Ebenfalls noch jung ist der Verlag „Saphir im Stahl“ von Erik Schreiber. Der Verleger, der im Vorjahr mit den drei Hardcover-Bänden der „Raumpatrouille Orion”-Abenteuer seinen Einstand in Marburg gab, hat inzwischen schon acht Bücher herausgebracht. Die Verlagsschwerpunkte sind Phantastik, Historisches und Regionales, aber auch ein Lyrikband mit dem Titel „Ein Augenblick für zwei“ gehört zu den Neuerscheinungen. Brandneu ist auch de SF-Roman „Alle Zeit der Welt“ von Pia Biundo. Der Sektor Historisches wird repräsentiert von Jörg Olbrichs Roman „Das Geheimnis der Ronneburg“. Im Dezember erschien der phantastische Roman „Im Schatten des Blutmonds“ von Andreas Gross und Hans-Peter Schultes, dessen Ursprung in den Erzählungen über die Fantasywelt Magira liegt (siehe Kurzvorstellung), und bald soll es einen zweiten Teil der „Luuk de Winter“-Serie und eine Sammlung mit Piraten-Kurzgeschichten geben.

Familie Low

Familie Low

Der Verlag Torsten Low ist bereits zum dritten Mal dabei. Verleger-Paar Torsten und Tina Low wurde, wie bereits im Vorjahr unterstützt von Tochter Emily (21 Monate). „Bücherbinden kann sie noch nicht, aber sie lektoriert schon und wirft Manuskripte weg“, so der Vater und Ausbilder. Neu im Verlag sind ein Kurzgeschichtenband über Einhörner (mit minimalistischem Schwarzweiß-Cover) und der humorige Fantasyroman „Aufstieg einer Heldin“ von Mark Staats (mit peppigem Comic-Superheldinnen-Cover).

Das Lesungsprogramm war klein, aber vielseitig. Da es nur einen Lesungsraum und keine parallel laufenden Programmpunkte gab, entfiel für die Zuhörer die Qual der Wahl.

Lesung der Apokalypse

Eine Lesung, die einfach Pflicht ist: der Auftritt der Apokalyptischen Schreiber. Die vier Lokalmatadoren in Mönchskutten mit mehr oder weniger düsteren Kurzgeschichten sind seit Jahren das Aushängeschild des Cons. Diesmal traten sie allerdings in neuer Besetzung auf: „Pest“ (Volker Ilse), „Hunger“ (Thomas Backus) und „Tod“ (Ralph Haselberger) haben sich, nachdem der Vierte im Bunde nun den Kriegsdienst komplett verweigert hat, mit einem neuen „Krieg“ verstärkt: Bernd Rothe in brauner Kutte und mit schwerem Anderthalbhänder stieg mit einer Selbstdarstellung des Herrn der Gemetzel („Ich bin der Krieg – Sie haben mich gerufen?“) in die Kampfhandlungen ein und schlug sich wacker. Abgeräumt hat schließlich „Hunger“-Gus mit seiner brüllend-komischen und umwerfend vorgetragen Story über einen arroganten Arzt, eine dämliche Schwester und einen Organspender, der nach der Operation sein Herz zurückhaben will – Zombiefeeling vom Feinsten. Seine darauf folgende „Bürokratie der Hirntoten“ wies beängstigend realistische Züge auf. Von den Apokalyptikern soll es nächstes Jahr ein Buch geben, zu dem jeder der vier eine umfangreichere Novelle über sein „Arbeitsgebiet“ beisteuert.

Bei der Lesung der „Welt der Geschichten“ stellten Bernd Rothe das neue Programm vor. Es wird demnächst einen Mystery-Thriller namens „Ans Licht“ von Roselinde Dombach und einen Walkürenroman unter dem Titel „Valkrys, die Falkin“ von Petra Hartmann geben.

Aus der Urzeit der ebooks

Wilfried A. Hary

Wilfried A. Hary

Interessant auch die Vorstellung von Wilfried Hary und Hermann Schladt, die etwas aus der Urzeit des eBooks erzählten. Immerhin reklamierte Wilfried Hary den Titel „Erfinder des eBooks“ für sich und erzählte, wie er schon 1986 mit „Disketten-Romanen“ – „Diskomanen“ an die Öffentlichkeit trat. Er blickte auch zurück auf die Auseinandersetzungen mit dem Filmriesen Metro-Goldwyn-Mayer um den Titel „Star Gate“. Eine Geschichte für sich …

Vincent-Preis

Den Schlusspunkt bildeten die Preisverleihungen beziehungsweise Ehrungen des Vincent-Preises (siehe Kasten) und des Marburg-Awards. Der Geschichtenwettstreit um den Marburg-Award brachte dieses Jahr einen unerwarteten Rekord: Hatten sich in den Vorjahren oft lediglich drei oder vier Autoren beteiligt, so reichten diesmal nicht weniger als 23 Autoren ihre Storys ein. Das Thema lautete „Mythenpunk“, gesucht wurden Texte, die ein klassisches Sagenmotiv weiterspannen und ihm eine neue, ungewöhnliche Wendung gaben. Als Sieger kürte die Jury schließlich Tedine Sanss für ihre Geschichte „Der Sagenborn“, Zweite wurde Sabrina Železný mit „Sonderzug nach Vineta“, und Platz drei ging an Nina Sträter für „Wunderschöne Jacobe von Baden“. Der Marburger Verein für Phantastik gab zum Wettbewerb ein 262 Seiten starkes Taschenbuch (Auflage begrenzt auf maximal 50 Exemplare) heraus, das alle eingereichten Beiträge enthielt.

Katastrophen gab es keine, abgesehen davon, dass ein Passant einen Schwächeanfall erlitt und in den Brunnen vor dem Bürgerhaus stürzte. Doch das Con-Team konnte schnell einen Notarzt rufen. Etwas wenig „Laufkundschaft“ kam zwar ins Bürgerhaus, man war unter sich, aber: „Ich bin superzufrieden“, so das Fazit von Organisator Thomas Vaterrodt. „Der glücklichste Moment war, als ich festgestellt habe, dass ich nicht zu viele Getränke gekauft habe.“

PETRA HARTMANN

VINCENT-PREIS 2011

Der Vincent-Preis wird seit 2007 vergeben. Ausgezeichnet werden Autoren, Künstler und Verleger für herausragende Leistungen auf dem Gebiet des Horrors und der unheimlichen Phantastik. Dabei muss es sich nicht unbedingt um lebende Autoren handeln, wie die Nominierung von E.T.A. Hoffmann in der Kategorie „Lebenswerk“ belegt. Der Preis ist undotiert, die Ausgezeichneten erhalten eine Urkunde. Die Sieger 2012 sind:

Bester deutschsprachiger Roman
Jörg Kleudgen& Michael Knoke – „Totenmaar“ (Blitz Verlag)

Bestes internationales Literaturwerk
H. P. Lovecraft – „Chronik des Cthulhu-Mythos 1“ (Festa Verlag)

Beste deutschsprachige Kurzgeschichte
Michael Knoke – „Die Schattenuhr“ (Die Schattenuhr)

Beste Grafik aus dem deutschsprachigem Raum
Mark Freier – „Innsmouth“ (Basilisk Verlag)

Beste deutschsprachige Anthologie/Kurzgeschichtensammlung/Magazin
Nina Horvath – „Die Schattenuhr“
(Anthologie) (Blitz Verlag)

Bestes deutschsprachiges Hörspiel/Hörbuch
Kai Meyer & Marco Göllner – „Die Winterprinzessin“ (Zaubermond Audio)

Sonderpreis
Alisha Bionda für die Förderung junger Autoren und der phantastischen Literatur im Allgemeinen

 

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Eine Antwort auf Marburgcon 2012: Familientreffen mit Zombies, Bestattern und Einhörnern

  1. Ritsch sagt:

    Unbedingt mal in die Leseprobe für “Kaltgeschminkt” reinschauen.
    Zitat: “H. McLiod.
    Bestatter. Bildhauer bei Bedarf.”
    Was für eine Klasse Idee :-)