Metagaming und Schinkennudeln:
Die Teilzeithelden

Annika und Roger Lewin

Die Redaktionsleitung der Teilzeithelden: Annika und Roger Lewin

Rollenspiel ist kein seltenes Thema im Netz. Googelt man „Rollenspiel“, erhält man 10,8 Millionen Fundstellen, der englische Begriff „role playing“ wirft gar 516 Millionen Funde ab. Selbst wenn man 90 Prozent davon abzieht, weil sich dahinter pornografische Inhalte oder Psychologisches zum Thema Psychodrama verbergen, bleiben zig Millionen Seiten übrig. Addiert man zu dieser Inflation den Umstand, daß Blogs ein vermeintlich sterbendes Medium sind, stellt sich die Frage: Kann man heutzutage mit einem Rollenspielblog interessante Inhalte unters Volk bringen und Leser gewinnen? Man kann. Der Beweis hat einen Namen: „Teilzeithelden“.

Am 4. August 2011 startete unter diesem Namen ein Team von Bloggern ein ganz frisches Blog, Stand heute haben die Teilzeithelden 219 Beiträge veröffentlicht und täglich werden es mehr. Meine Aufmerksamkeit erregten sie jedoch nicht zuerst mit Inhalten – meine Zeit als aktiver Spieler liegt 25 Jahre zurück –, sondern mit dem Design ihres WordPress-basierten Blogs: neben dem einfachen, hellen Theme gefiel mir das prägnante Logo auf Anhieb. Und auch der Titel „Teilzeithelden“ hat etwas Entspanntes, das mir sofort zusagte und dazu führte, daß ich spontan ein paar Posts las.

Logo Teilzeithelden

Zur Abwechslung mal kein Fantasy-Barock: Logo der Teilzeithelden

Kompetente Insider

Das mittlerweile zwölfköpfige Team um Annika und Roger Lewin aus Recklinghausen bietet ein breites Themenspektrum und bedient die Interessen von Rollenspielern weit über die engen Grenzen des Spieltisches hinaus. Natürlich beschäftigen sie sich im Kern mit Rollenspielsystemen, bieten dank fundierter Insiderperspektive nützliche Hilfen für Spielleiter und Spieler. Die Redaktion richtet ihren Blick aber auch allgemein auf das phantastische Genre und rezensiert thematisch relevante Bücher und Filme (siehe: 5 Fragen an die Teilzeithelden)

Ein gutes Beispiel für die gründliche Auseinandersetzung mit einem Spielsystem ist „Malmsturm“. Das auf dem Fate-Regelwerk basierende Fantasy-Rollenspiel wird in der Spielszene als erfrischende Neuerung gefeiert, weil Fate mit einigen liebgewonnenen Gewohnheiten anderer Regelwerke bricht. „Malmsturm“ wird nicht nur in einer Rezension besprochen, ergänzt wird die Vorstellung mit einem Blick auf die Malmsturm-Welt. Damit nicht genug: Die Helden veröffentlichen einen ausführlichen Spielbericht, gefolgt von einem zweiten Teil, in dem sie auch das Alchimie-Regelwerk vorstellen. Die Beiträge sind didaktisch gut aufgebaut und gehen so sehr in die Tiefe, das man selbst als Nicht-Routinier sofort versteht, was daran reizvoll ist. Pluspunkt für kompetente Aufbereitung!

Metagaming

Tips für Spielleiter beschränken die Teilzeithelden nicht auf Hinweise auf neuerschienene Regelwerke Marke „DSA-Ergänzung ,Hundesport in Aventurien‘ jetzt erschienen“, hier werden lebensnahe Themen ganz praktisch angepackt: Spielleiter mit writer’s block können sich auf einfühlsame Ratschläge freuen. Allzu stereotypen Szenarien wirken Beiträge entgegen, die sich mit der Frage befassen, wie unübliche Elemente eingebaut werden, Beispiel: Trauer im Rollenspiel – Ratgeber dieser Art hätte ich gern 25 Jahre früher gekannt, als unsere Runde den Tod des Barbaren Borrh nicht verhindern konnte und sein Spieler danach ganz aktiv an unserem Ableben arbeitete.

Unbedingt erwähnen muß ich auch das Notfallköfferchen für vergeßliche Spielleiter, denen plötzlich einfällt, daß sie am Abend eine Runde zu leiten haben – der spannende Countdown erinnert mich an meine eigene Rollenspielzeit, die irgendwann in totaler Improvisation endete: das ist spannend, aber auch ein unglaublicher Streß! So werden die engen thematischen Grenzen des Spielens an sich immer wieder gesprengt; vor allem das „Metagaming“ macht den Reiz dieses Blogs aus. Musik wird schon mal darauf untersucht, ob sie als Soundtrack für den Rollenspielabend dienen kann. Und im Hungerfall hat Annika praktische Tips für die Spielrundenverpflegung parat, Schinkennudeln zum Beispiel – obwohl ich mit ihr gern noch einmal die Sinnhaftigkeit der Verwendung von Margarine in einem Rezept diskutieren möchte, das Sahne enthält …

Für jemanden, der vor 20 Jahren zum letzten Mal einen Rollenspielcon besucht hat (um anschließend im FANDOM OBSERVER launig darüber zu berichten), ist der ausführliche Beitrag über den Alltag auf Conventions nicht nur ein Schenkelklopfer, sondern ein echter Augenöffner – unbedingt alle vier Seiten lesen! Beiträge wie dieser illustrieren sehr schön die Perspektive der Macher: allesamt erfahrene Spieler, aber auch erwachsen geworden und in der Lage, die Balance zwischen Hobby und dem Ernst des Lebens zu wahren und pointiert die Grenzbereiche zu erkunden. Die Innensicht macht die Posts trotz einiger Streuung bei der Sprachqualität enorm glaubwürdig, die gewonnene Distanz wird nicht für Häme ausgenutzt, selbst ironische Blicke auf Spielertypen bleiben fair.

„Teilzeithelden“ ist ein monothematisches Blog, das in der Überfülle der Rollenspielseiten im Netz Akzente setzt und auch für Laien attraktiv und gut lesbar daherkommt. Respekt!

MANFRED MÜLLER

Screenshot Teilzeithelden

Vorstellung einer etwas anderen Larp-Gruppe


5 Fragen an die Teilzeithelden

Wer sind die Teilzeithelden?
Wir sind ein Team von Freunden und Bekannten, die ein gemeinsames Hobby und die Faszination für die Phantastik teils seit über 20 Jahren teilen. Dazu gehört für uns alles, von Rollenspielen und Literatur ausgehend, was von dem Genre inspiriert wurde, also Filme, Spiele, Bücher, Events, etc. Jeder von uns hat seine Spezialgebiete, die er/sie betreut. Neben sechs Kernteam-Mitgliedern haben wir sechs Gastautoren, die uns regelmässig mit Content beliefern.

Was machen Teilzeithelden?
Na, über alles, was dem Genre der Phantastik zugehört, schreiben. Rezensionen, Berichte, Gedanken über das Metagaming im Rollenspiel (also Gedanken über die Techniken des Spiels und der Darstellung). Wir machen das auf Hobbybasis, sind also alle Jobs und Familie verpflichtet in unserer Hauptzeit. Angefangen vom Call Center Agent bis hin zum IT-Management ist alles dabei.

Warum tun die Teilzeithelden das?
Geboren wurde die Idee durch die Chefredakteurin Annika, die vorher gerne schon gebloggt hat, aber des Blogtagebuchs müde war und einen Fokus gesucht hat. Ich schlug ihr vor, doch ihr Hobby zum Thema zu machen, doch die Idee war noch nicht rund. Also haben wir uns vorgenommen, das Ganze auf ein höheres Level zu heben und nicht nur ein Blog, sondern eher ein Blogmagazin zu machen. 400 regelmässige Leser, eine Bouncerate von 50%, eine Zeit pro User auf der Seite von ca. fünf Minuten belohnen uns für unsere Idee, vor allem, wenn man bedenkt, dass wir erst seit August 2011 online sind.

Was unterscheidet die Teilzeithelden von anderen?
Vor allem der Teamansatz, denke ich. Wir haben ein eigenes Lektorat, planen unsere Artikel einige Wochen im Voraus, halten Übersicht und wahren so ein gewisses Maß an Professionalität. Das geht ein Stück weit über die anderen Blogs hinaus des Rollenspiel-Sektors und macht uns mit Magazinen vergleichbar. Was uns von anderen Magazinen unterscheidet, ist vermutlich die Häufigkeit und Aktualität. Magazine wie Mephisto oder Zunftblatt sind gut und ordentlich recherchiert, erscheinen aber recht selten.
Würde ich unseren Content auf die Zeit der Erscheinungsperioden umrechnen, bieten wir mehr, wenn auch natürlich fragmentierter. Zu Foren setzen wir uns natürlich durch die eingesetzte Technik ab, Foren sind Sammelbecken großer Communitygruppen, die dort ein gutes Medium zum Diskutieren finden.
Klar, das kann man auch gut bei uns in den Kommentaren, aber ich denke, wer viel besprechen möchte, wird eher in einem Forum besser aufgehoben sein. Über Kommentare freuen wir uns aber immer sehr, letztendlich sind sie ja der Lohn des Bloggers.

Was planen die Teilzeithelden?
Grundsätzlich haben wir den Eindruck, dass trotz der weiter voranschreitenden Vernetzung aller Branchen gerade in der Phantastik immer mehr Inselkönigreiche entstehen. Wir wünschen uns, dass diese Mentalität aufbricht und mehr Vernetzungen kommen. Daher stellen wir auch regelmässig andere Portale und Clubs vor, damit man beginnt, voneinander zu wissen.
Desweiteren werden wir mehr mit Aussenpräsenz glänzen, in dem man uns zB auf Events wie Conventions trifft und auch dort das direkte Gespräch suchen kann. Zusätzlich bauen wir unsere Kontakte zu den Verlagen und Publishern weiter aus. Wir wollen erst noch so richtig Fuß fassen in der Branche und da ist noch etwas Arbeit nötig.

DIE 5 FRAGEN HAT ROGER LEWIN BEANTWORTET

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Über muellermanfred

Manfred schreibt seit 1989 für den Fandom Observer und hat das Heft von 1992 an ein paar Jahre lang als alleiniger Chefredakteur betreut. Kümmert sich heute vor allem um den FO im Internet. Beruf: Grafiker. Fährt gern Rad.
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3 Antworten auf Metagaming und Schinkennudeln:
Die Teilzeithelden

  1. Roger sagt:

    Wir bedanken uns für diese großartige Vorstellung und werden natürlich den FO weiterhin unseren Lesern empfehlen!

  2. Ritsch sagt:

    Danke für den Blogtipp. Klingt echt interessant.

  3. Pingback: Kolumne: Quo vadis, Teilzeithelden? | Teilzeithelden