Pratchett bei Manhattan:
Cover aus den Kerkerdimensionen

Terry Pratchett - „Voll im Bilde“Es erstaunt einen als Fan nicht besonders, wenn die Bücher eines Lieblingsautors in einen anderen Verlag wechseln, vor allem dann nicht, wenn es sich bereits um ältere Romane handelt. Man kann sich aber sehr wohl wundern, was der neue Verlage aus Altbekanntem macht.
Die Augen hatten alle Mühe, das Ausmaß ihres eigenen Entsetzens zu verdeutlichen. Die Hirn-Zunge-Reaktion: „Gott, wie hässlich!“ So oder so ähnlich waren wohl die meisten Reaktionen auf die neuen Cover von „Voll im Bilde“ und „Alles Sense“ des MANHATTAN Verlages, der Pratchetts Scheibenwelt-Romane revolutionär neue Cover illustrieren läßt. Illustrer ist zumindest der Eindruck, der hinterlassen wird. Aus dem wunderschönen Cover zu „Voll im Bilde“, auf dem sowohl Ginger, wie auch die Kurbeldreher und Schnapper abgebildet sind, wurden ein roter Hintergrund und einige grüne Männchen. Der Einfallsreichtum dieser Arbeit verschlägt einem nahezu den Atem.

Terry Pratchett - „Wachen! Wachen!“„I only invented the Discworld, Josh created it.”, hatte Terry Partchett selbst über den im Jahr 2001 verstorbenen Zeichner Josh Kirby gesagt, der bis dahin fünfundzwanzig Cover der Scheibenwelt-Romane entworfen und gezeichnet hatte. Voller Farben und Details zeigten Kirbys Zeichnungen immer das chaotische Treiben auf der Scheibenwelt und hatten stets einen Bezug zum Roman. Passend zu dem Genre stellte Kirby seine Figuren etwas überzogen, aber nie lächerlich dar. Nach seinem Tod übernahm Paul Kidby diese Aufgabe und war ein würdiger Nachfolger mit Covern wie z.B. „Wachen! Wachen!“ (Piper Verlag). Bisher waren die Verlage Heyne, Goldmann und Piper diesen beiden Künstlern treu geblieben. Bei MANHATTAN meint man, nach so langer Zeit mit Traditionen brechen zu müssen. Grund hierfür ist die erhoffte Steigerung von Verkaufszahlen. Schließlich ist Pratchett in Deutschland nicht ganz so erfolgreich wie in England. Anscheinend sind über 4 Mio. verkaufte Exemplare keine vorzeigbare Hausnummer. Die bisherige Aufmachung der Bücher sei ein ausschlaggebender Faktor, so die Meinung der Verantwortlichen beim Verlag. Man will mit der neuen Linie wesentlich mehr Leser erreichen.

Terry Pratchett - „Voll im Bilde“Mittlerweile hat der deutsche Künstler Tom Steyer über fünf neue Motive entworfen. Betrachtet man neben „Voll im Bilde“, „Alles Sense“ noch „Der Club der unsichtbaren Gelehrten“, „Klonk“ und das neue Cover von „Total verhext“ ist wohl die Frage nach dem Bezug zu Fantasy mehr als berechtigt. Im Gegensatz zu den englischen Covern, die zwar mit einfachen, aber warmen und geheimnisvollen Fantasy-Motiven daherkommen, wirken Steyers Werke kalt und unpassend. Die Atmosphäre geht vollständig flöten und das angekündigte „mit witzigen Augenzwinkern“ wird ein trauriger Augenaufschlag. Fast möchte man meinen, dass hier versucht wird, einen neuen deutschen Fantasy-Geschmack zu etablieren, der so farblos sein soll, dass jede Schwarz-weiß-Zeichnung ein völlig verkanntes Farbspektrum abliefert. Anscheinend kann man deutsche Leser mit der langweiligen Abbildung eines Spitzhuts an dem ein alter Fussball zu kleben scheint, so sehr beeindrucken, dass sie voller Verzücken dahinter einen spannenden und unterhaltsamen Fantasy-Roman vermuten. Betrachtet man allerdings andere Neuerscheinungen aus dem Genre, sticht die neue MANHATTAN-Reihe anders hervor. Das zumindest ist gelungen. Man fällt auf. Die Verkaufszahlen werden wohl zeigen, ob die unangenehm neue Art sich auszahlt.

Wenn Bücher aus ihren Einbänden flüchten könnten, würden es einige bestimmt tun und sich in die Obhut ledriger orangebrauner Hände begeben, die sie mit einem verständnisvollen „Ugh!“ zu trösten und versorgen wissen.

JOHANNA KOSMALLA

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2 Antworten auf Pratchett bei Manhattan:
Cover aus den Kerkerdimensionen

  1. Erklärtes Ziel des Verlages war sowieso, den Autor aus den Klauen der Fantasy-Literatur zu befreien (okay, so wurde es nicht gesagt, aber …); da muss die Gestaltung logischerweise auch eher »zeitgeistig« sein. Nur so kauft der Kunde, der sonst Tommy Jaud und sein »Hummeldumm« kauft, auch mal einen Roman von Terry Pratchett.

  2. Jo sagt:

    Glaubt man wirklich, dass ein Autor wie Pratchett aus den Tentakeln der verruchten Fantasyliteratur gerettet werden möchte bzw. kann? Wenn ein selten blödes Erdmännchen in einem teuren Treckingschuh “zeitgeistig” ist, möchte man als gewillter Leser bitte nur noch Zeitreisen in den Vergangenheit machen dürfen.
    Verkaufszahlen hin oder her. Pratchett ist kein Newcomer, sondern ein bekannter Autor, egal ob gelesen oder nicht. Hier sollte ein Verlag mehr Kreativität beweisen und den Leistungen des Schriftstellers gerecht werden.