Sehr wenig von allem – »Halana und der Turm des Schwarzen Herzogs«

Marco Reuther – »Halana und der Turm des Schwarzen Herzogs«Halana, eine junge Frau zunächst unbekannter Herkunft, hat sich als Kriegerin in ihrem ersten Kampf bereits so viele Meriten erworben, dass sie nun (8 Jahre später) bereits zu den angesehenen Kämpfern im friedliebenden Königreich Engaland zählt. Bis hin zum schurkischen Cosa, Herzog des Nachbarreiches Schwarzland, ist ihr Ruhm gedrungen, verbunden mit einigen Geheiminformationen: sie soll einer Gruppe von Kindern angehören, die aus dem abgeschlossenen Land der Zauberer stammen und somit fähig sein, diese Grenze unbeschadet zu passieren. Jeder andere, der dies versucht, wird von einer magischen Barriere verbrannt. Cosa lässt ihren Sohn Ruff entführen, um sie zu zwingen, ins Zauberland zu reisen und einen Magier anzuheuern, der ihm hilft, Engaland endlich zu erobern; ein Plan, der einige Lücken aufweist und auch sonst anders als erwartet abläuft. Die Zauberer erweisen sich als hoffnungslos überforderter Haufen, außer einem schüchternen namens Prim, der mit Halana gemeinsame Sache macht und dafür bei der Suche nach dem Bruder des „Schlafenden Gottes“ unterstützt werden soll. Die Bande der Häscher wird vom siebenjährigen (!) Ruff und Giula, seiner Hebamme (!!!) ausgeschaltet, so dass sie ins Land der Steppenvölker fliehen können, Halanas und Prims Versuch, zusammen mit einer Gruppen fahrender Artisten in den Turm des Schwarzen Herzogs einzudringen, erbringt nur die Befreiung einer anderen, trotzdem Kriegerin, Sohn und Hebamme wieder vereint werden (überraschend …), und aus recht unerfindlichen Gründen bleiben dennoch so viele ungelöste Probleme und der Wunsch des Herzogs übrig, den Krieg weiterzuführen, dass die Fortsetzung „Halana und der Bruder des Schlafenden Gottes“ droht.

Fantasy ist weltweit und auch in Deutschland „in“. Jeder Leser träumt insgeheim davon, selbst zu schreiben, jeder der durchhält, wird belohnt, wenn er das Ergebnis in Händen hält, und, ist er altmodisch, ist es dann ein handfestes Paperback, ein (in diesem Fall sein erstes) gedrucktes Buch. Jeder Versuch ist lobenswert, auch jeder Verlag, der so etwas herausbringt, zu bewundern. Fantasy/Phantasie ist immer nötig …

„Nothing someone says counts before the word ,but‘ …“
(Benjen Stark in „The Game Of Thrones“ von G.R.R.Martin)

…, but:

Entwickelt man seine Geschichte in einer selbstentworfenen Fantasywelt, sollte wenigstens eine Karte vorhanden sein, und wenn schon nicht im Buch für den Leser, sollte man unterstellen, der Autor hätte beim Schreiben zumindest eine Skizze vor sich gehabt. So reisen seine Figuren hierhin, dorthin, oft auch entgegen der vorher gültigen Richtung; was natürlich auch an der schemenhaft flachen Pseudolandschaft liegen kann; vielleicht sind sie auch nur auf der Flucht vor der Phantasielosigkeit der Namen?

Da gibt es Engaland, Alt-Engaland, die Schlacht am „kleinen Horn“ (entschieden durch eine Stampede von Dickhörnern, die Halana und Freunde ins gegnerische Heer treiben wie weiland, viel besser, Alvarez Kelly…). Und erst die Eigennamen der handelnden Personen: Herzog Cosa, der seinen Vater König Kasim vom Turm stürzt, was seiner Mutter Prinzessin Liebrose in Blau nicht unrecht ist, mit seinem zwergwüchsigen Heerführer Narsus (!), den Häschern Berthold und Ruben, einem Koch namens Hanuman, dem Krieger Ben Halefson, den Zauberern Timtom (Sohn von Tedtim) und Prim, die ebenso in Reinefreude (!!!), der Hauptstadt der Zauberer, leben wie die „Magier des Ersten Gürtels“, Puth’O, Berin’O und Berac’O … O’je!?

Und trotzdem sind sie noch besser dran als die Steppenvölker, deren vier größten Clans die Chrrrr, Lrrrk, Zzzzzt und Mrrr darstellen; die nur wenige Brocken Enga sprechen und (als eine Art „running gag“) daher die arme Giulia immerwährend mit „Heb-Hammer-Frau“ titulieren. Ein eher unappetitlicher Ausrutscher ist es auch, „fahrendes Volk“ als die „Sipp“ zu benamsen.
Was Wunder, dass auch die Redeweise der zivilisierten Engalander allem spottet und man neu/jungdeutsche Sätze liest wie: „Armes Mädchen! Dein erster Kampf, dein erster Suff, dein erster Mann“ – „Schönes Fräulein…“ „Pfft!“ – „Tirillie!“ „Schnauze!“. Hauptfigur Halana eingeschlossen und zuvorderst: „Tja, ganz schön blöd für dich, dass Berthold Lusian nicht gleich den Garaus gemacht hat. Und einen Scheiß weißt du!“

Bei ihr könnte man das ja vielleicht noch als eine Art Berufskrankheit verstehen, durch schlechtsitzende Helme, heißt es doch: „Die Helme … der Engaländer (hatten) ein drei Zentimeter breites glänzendes Stahlband in der Mitte … die (Krieger) des Königs (trugen) langgezogene Sechseck-Schilde, 140 Zentimeter lang und in der Mitte 70 Zentimeter breit. Als hätte jemand da ganz genau nachgemessen … oder exakt gezählt, denn: „200 Rösser schossen aus dem Stand wie ein einziges Pferd nach vorn. 800 Hufe donnerten über den Boden, Adrenalin pumpte durch 8000 Liter Pferde- und Menschenblut …“ Leider sind nicht alle sprachlichen Ausrutscher so wunderschön wie „… hätte man eine Stecknadel fallen hören, wie sie die Luft durchschnitt“, dafür aber häufig.

Man könnte es ja für eine Art von Satire halten, aber wenn, dann zu tief verborgen für mich. Aber wenn die todeswunde Schwertschwester sich noch drei Meter weit zu einem flachen Felsen schleppt, um Halana eine Botschaft mit eigenem Blut aufzumalen („Verrat! B+3 Ruff > Cosa will dich erpressen. Liebe Dich – immer. Halana“) … und ihre kalten, halb offenen Lippen lagen direkt bei diesem Namen, als hätte sie ihren letztem Atemzug einem Kuss gewidmet … dann zieht es sich im Leser doch so zusammen wie bei Ruffs Entführern, nachdem ihnen Hebamme und Köchin Giula Gift ins Essen gemischt hat: Der eine, nicht ganz so böse, erhält gleich auch noch ein Gegengift, während Anführer Berthold sich solange eisern aufrechterhält, bis er seinerseits zu dem inzwischen Toten hinkriechen kann, ihm den Magen aufschlitzt, den Klumpen Gegengift herauspult und sich selbst in den Mund stopft. Das ist wirklich Gottvertrauen und fantastisch, aber selbst für Rollenspieler-Anfänger zuviel …

Im Nachwort dankt der Autor „Gabriela …, für die Einblicke in die spannende Kunst des Lektorierens“. Allein das macht sprachlos. Soll heißen: dieses Buch hat sehr wenig an Neuem, Spannendem, Lobenswerten, und selbst das Verbliebene passt nicht zusammen: Namen, Ausdrucksweise, Beschreibung von Personen und Landschaften, Idee, Grundgeschichte, Motivation, Handlungen, Dramatik, Stil, „Grip“.

Ein Versuch. Mehr nicht. Leider keine „Reinefreude“. Man will es dem Autor ja zugestehen: er hängt an seinen Personen, er hatte wohl Spaß, und er hat sich bemüht.
But …

MANFRED ROTH

Marco Reuther – »Halana und der Turm des Schwarzen Herzogs«
Gollenstein-Verlag, Merzig 2012, Paperback/Softcover, 332 Seiten, ISBN: 978-3-86390-008-3
 

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