Großartiger Spagat – Internationaler
Comic-Salon Erlangen 2012

Comicsalon 2012Vom 7. bis 10. Juni war erneut der ­Internationale Comic-Salon im fränkischen Erlangen. Das alle zwei Jahre stattfindende Festival der sogenannten neunten Kunst möchte hierbei das ­gesamte Spektrum an Comics feiern: ­sowohl Manga, als auch frankobelgisch, Graphic-Novels und Superhelden, Alben wie auch Heftchen, Taschenbücher wie digitale Ausgaben.
Gleichzeitig gelingt dem Comic-Salon etwas, was viele Kulturfestivals missen: Er bietet einen niederschwelligen Einstieg in die Themen und schafft auf eine großartige Art und Weise den Spagat zwischen Kunst und Kommerz. Hierbei versteht man sich sowohl als Kulturfestival, wie auch als Messe, bzw. eher nerdige Convention. So gibt es eben nicht nur besagte Messe, sondern auch Ausstellungen, Podien und Panels, Lesungen; auch der Transport von Comicinhalten in andere Formen wie Film und Theater werden behandelt. Der Erfolg gibt hierbei den Veranstaltern Recht: mehr als 25.000 Besucher konnte man an den vier Tagen zählen.
Um dies alles abdecken zu können, gibt es insgesamt 25 Veranstaltungsorte, welche in der Stadt verteilt sind. Glücklicherweise ist Erlangen nicht so groß und diesmal waren beinahe alle Veranstaltungsorte schön an der Fußgängerzone aufgereiht, bzw. konnten problemlos per Fuß erreicht werden. Trotzdem ist es unmöglich stets alles mitzubekommen. Oftmals laufen drei oder vier Veranstaltungen parallel, hinzu kommen noch die vielen Signierstunden.

Comicsalon 2012

Die gut gefüllte Heinrich-Lades-Halle: Insgesamt 140 Aussteller stellten sich den 25.000 Besuchern

Die Comicmesse

Der Hauptbestandteil ist die Comicmesse, welche im Konferenzzentrum der Stadt, der Heinrich-Lades-Halle stattfindet. 140 Aussteller waren anwesend, hierunter so gut wie alle deutschsprachigen Comicverlage. Diese hatten wiederum über 400 Künstler eingeladen, welche weit über tausend Signierstunden abgehalten haben. Der Veranstalter bietet einen tollen Service auf der Webseite, wo ständig aktuelle Infos über Signierstunden (wann, wer und wo) abgerufen werden können. Diese Info wird außerdem auf großen Bildschirmen im Eingangsbereich des Konferenzzentrums sowie über Lautsprecherdurchsagen verteilt.
Die Messe zeigte dieses Jahr vor allem ­eines: Deutschland hat eine blühende ­Comicszene, die anfängt alles und jedes Thema abzudecken: Humor, Superhelden, Action, Fantasy, Anspruchsvolles, Drama, Erotik, Vampire, Politisches, Science Fiction – alles schön gemischt! Auch wenn der Salon in der Außendarstellung ganz gerne eher das Anspruchsvolle in den Vordergrund stellt – es ist nur ein kleiner Teil der Szene. Und dies zeigt die Messe auf eine großartige Art und Weise.

Auffällig war, dass dieses Jahr Panini, Ehapa und Splitter ihre Stände deutlich vergrößert haben und Tokyopop zurück ist. Vermisst wurde leider Mosaik (Zack, Abrafaxe), welche jedoch versprochen haben, in zwei Jahren wieder dabei zu sein. Sehr schön übrigens, dass einige Verlage große Bildschirme an ihren Ständen angebracht haben, auf denen man verfolgen konnte, mit welcher Skizze der jeweilige Künstler das Album veredelt, während man selbst in der Schlange stand. Großartige Idee, die gerade bei den Großverlagen noch stärker eingesetzt werden sollte.

Ausstellungen

Der Comic-Salon versteht sich vor allem auch als Kulturfestival. Dementsprechend sind die Ausstellungen nicht einfach nur Hängungen von Orginal-Zeichnungen, vielmehr versucht man in den Ausstellungen das gezeigte in einen größeren Kontext zu stellen. Erneut ist dies auf fantastische Art- und Weise gelungen.

Comicsalon 2012

Mit dem iPad unterwegs: Blick auf eine der Ausstellungen

Im Hauptveranstaltungsort, der Heinrich-Lades-Halle, war „Comics aus Arabien“ zu sehen. Originale aus verschiedenen Ländern, z. B. Libanon, Ägypten, Syrien, aber auch Palästina wurden gezeigt. Man wählte einen schönen Querschnitt, teilweise beschäftigten sich diese mit der Situation in den Ländern, auch mit den Revolutionen im vergangenen Jahr. Andere jedoch nahmen andere, humorvolle Themen auf. Informa­tionen konnte sich der Besucher mit Hilfe von QR-Codes auf Smartphones oder Tablet-PCs holen. Hierzu standen zwei Verleihstände bereit, welche iPads verliehen.

Ebenfalls in der Halle wurde „50 Jahre Spider-Man“ mit einer Ausstellung gefeiert. Neben die Originalseiten wurden jeweils auch die fertig gedruckten gestellt. Hinzu kam eine Auswahl von Heften, welche (geschützt in Glasvitrinen) die Entwicklung der Serie im Lauf der Jahre veranschaulichten. Absolutes Highlight der Ausstellung, dürften zwei Originalausgaben von Amazing Fantasy 15, dem ersten Auftreten Spider-Mans, gewesen sein.
Unterhalb war eine sehenswerte Windsor-McCay-Ausstellung über den Schöpfer von Little Nemo. Auch hier wurden gelungen Oringalseiten, neben den gedruckten Zeitungsseiten gestellt. Hinzu kamen die von McCay geschaffenen Trickfilme sowie weitere Arbeiten McCays.

Im Rathaus neben der Lades-Halle wurde in „Vom Leben gezeichnet II“, ähnlich wie vor zwei Jahren ein Querschnitt aktueller Zeitungscomics Made in Germany, gezeigt. Es ist schön, dass es diesmal andere Strips waren und immer noch nicht alles, was derzeit an Strips in Deutschland abgedruckt wird, aufgenommen werden konnte.
Über die Stadt verteilt waren weitere Ausstellungen, z.B. über die Comics „Annas Paradies“ (Splitter Verlag), „Staub der Ahnen“ (avant) sowie Comics aus Russland, Indonesien und Ägypten (Projekte der Goethe-Insti­tute Moskau, Kairo und Jakarta). ­Sehenswert war vor allem die David B. Retrospektive im Kunstmuseum, die Manuele-Fior-Werkschau im Kunstverein sowie die Charles-Burns-Ausstellung in einem leer­stehenden Ladenlokal einer Passage.
Gerade letztere bot nicht nur eine Übersicht über das Werk des amerikanischen Künstlers, in zwei Installationen machte Burns auch klar, woher seine Ideen und Einflüsse kommen.
Auch dieses Jahr bot man wieder Führungen durch die Ausstellungen an. Im Gegensatz zu den Vorsalons, wurde dieses Angebot stark genutzt. Bei der ersten Führung durch die Spider-Man Führung wurden sechzig Teilnehmer gezählt – an eine klassische Führung war also nicht mehr zu denken. Für den nächsten Salon wäre es wünschenswert, hier noch mehr Termine anzubieten. Vor allem an den stark frequentierten Tagen Donnerstag und Samstag.

Panels und Podien

Ergänzend gab es im Rathaus in zwei Sälen, sowie in der Innenstadt in der Stadtbibliothek mehrere Künstlergespräche und ­Podien. Der Großteil wurde gefilmt und ist auf ­splashcomics.de auch im Nachhinein betrachtbar.

Comicbörse

In einem Einkaufszentrum neben der Lades-Halle findet traditionell am Samstag eine Comicbörse statt. Immer wieder eine gute Gelegenheit, Lücken in der Sammlung zu füllen, reisen doch hierzu Händler aus ganz Deutschland sowie dem nahen Ausland an.

Preisverleihungen

Auf dem Salon werden mehrere Preise ­verliehen: der ICOM-Independent-Comic-Preis, der Fran-Comic, der Comic-Clash, das Ehapa-Comic-Stipendium sowie der Max-und-Moritz-Preis. Der ICOM-Independent-Comic-Preis wird ausgerichtet vom Interessenverband COMic, einem Verband der Comickünstler. Er wird vergeben an deutschsprachige Eigenproduktionen aus unabhängigen Verlagen (also welche nicht zu einem Konzern gehören). Die Preisträger sind auszugsweise in den Infokästen zu finden. Die Preisverleihung ist bereits am ­Donnerstag, so dass den gesamten Salon über die Preisträger mit der Auszeichnung werben können.

Der Fran-Comic ist ein Preis, welcher die Verwendung von Comics im französisch Unterricht an Schulen fördern soll. Hierbei lesen die Schüler drei verschiedene Comics auf französisch und wählen dann den Besten aus. Der Gewinner erhält eine deutschsprachige Edition. Sieger war „La Marche du Carle“ von Arthur de Ins, erscheint in nächster Zeit im Splitter Verlag.
Eine brillante Idee: 19 Fanzines, extra für den Salon produziert, treten gegeneinander an, im Comic Clash. Welches das beste Fanzine ist, wurde durch vier Stufen ermittelt: Abstimmung einer Jury, des Publikums, der Fanzines untereinander sowie Wettbewerbe auf der Bühne vor der Lades-Halle. Gewinner war hierbei das Oh-Magazin.
Genial war vor allem, dass die Fanzines sich in einem Zelt vor der Halle präsentierten. Der Interessierte bekam hierbei einen bunten Querschnitt durch verschiedene Stile und Macharten angeboten. Und die Wettbewerbe sorgten für gute Unterhaltung, mussten die Teilnehmer doch innerhalb einer Minute z. B. bekannte Figuren wie Nick Knatterton oder das Marsupilami nachzeichnen.
Eine Veranstaltung, die sicherlich den Beteiligten viel Arbeit gemacht hat. Aber hoffentlich auch dafür gesorgt hat, dass ihre Fanzines gut verkauft wurden. Eine Wiederholung in zwei Jahren wäre fantastisch.

Der wichtigste deutschsprachige Comicpreis ist der Max-und-Moritz-Preis. Verliehen von der Stadt Erlangen und einer von dieser ausgewählten Jury. Die Verleihung findet im Rahmen einer großen Gala statt, moderiert von Hella von Sinnen und dem Comicjournalisten Christian Gasser. Als Ort stellt die Stadt hierbei das Markgrafentheater zur Verfügung, ein sehenswertes Barocktheater, welches der Preisverleihung einen würdigen Rahmen verleiht.
Hella von Sinnen überraschte wie auch im Vorjahr mit einer durchaus gelungenen Moderation. Die eigentlich eher als Ulknudel aus dem Unterschichtenfernsehen bekannte Moderatorin überzeugte durch eine gute Vorbereitung und überraschende Fragen. So hat sie zur Vorbereitung sämtliche nominierte Titel gelesen – angesichts der Anzahl und des Umfanges der Werke eine nicht zu unterschätzende Leistung. Einziger Wermutstropfen war, dass sie mit einigen nominierten Titeln nichts anfangen konnte und dies auch deutlich zum Ausdruck brachte. War dies anfangs noch lustig, spätestens beim Gewinner des Publikumspreises „Grablicht“ hätte ich mir mehr Fingerspitzengefühl gewünscht. Aber offensichtlich war dieser Titel auch der Jury zu kommerziell. Sehr schade, war die Preisverleihung doch sehr gelungen und diesmal ohne Längen.

Comicsalon 2012 - Benoît Sokal

Benoît Sokal erfüllt die Autogrammwünsche der Besucher (Foto: Olaf Brill)

Cosplay

Der Comic-Salon schafft wie gesagt den Sprung zwischen Kulturfestival und eher nervigen Inhalten spielen. Zum Wettbewerb kann ich leider nichts sagen, zu diesem Zeitpunkt befand ich mich am anderen Ende der Stadt zu einer Führung durch die Manuele-Fior-Ausstellung.

Comicfilmfestival

Im Rahmen des Comicsalon findet ein kleines, aber feines Comicfestival statt. Aufgeteilt auf die drei Erlanger Kinos werden nicht nur aktuelle Blockbuster und die aus den Jahren zwischen des Salons gezeigt (z. B. The Avengers, X-Men First Class), auch ­haben einige kleinere Comicverfilmungen Premiere. Z. B. „Die Katze des Rabbiners“, ­basierend auf dem Meisterwerk von Joann Sfar – der Film lief interessanterweise gegen das Europameisterschaftsspiel Deutschland gegen Portugal und war trotzdem angenehm gut besucht. Eine Kinoauswertung der guten Verfilmung (Regie führte der Künstler selbst) in Deutschland ist leider sehr unwahrscheinlich.
Außerdem gab es eine Filmnacht mit Episoden aus der ersten Staffel von Walking Dead. Leider lief diese parallel zur Max-und-Moritz-Gala.

Lesungen

Seit es Beamer und Notebooks zu erschwinglichen Preisen gibt, setzen sich auch beim Comic immer mehr Lesungen durch. Hierbei werden die Bilder des Comics auf eine Leinwand projiziert, der Künstler liest dazu aus seinem Werk. Diesmal z.B. Flix aus seinem aktuellen Werk „Don Quijote“, aber auch zwei tschechische Künstler aus ihrem Werk „Alois Nebel“. ­Genutzt werden hierfür gerne Säle des Markgrafen­theaters.

Theater

Relativ neu ist, dass Comics, bzw. Stilmittel des Comics in Theaterstücke verarbeitet werden. Am Markgrafentheater wurde Angstmän sowie Radioaktive Girl gezeigt – die Besucher aus dem normalen Comic-Salon-Publikum sollen eher gering gewesen sein. Ich denke, die Einbeziehung des Theaters soll dem Salon vor allem Publikum aus generell Kulturinteressierten Erlangern akquirieren – keine schlechte Entscheidung, erweitert und bereichert dies doch das ­Publikum.

Wiedersehen in zwei Jahren

Die wichtigste Botschaft des Comic-Salons ist jedoch: der Salon 2014 ist bereits gesichert. Die Stadt schießt zu jedem Salon 250.000 Euro zu – nach Aussage des Kulturdezernenten ist das Budget des veranstaltenden Kulturprojektbüros Erlangen für die nächsten drei Jahre gesichert. Eine sehr gute Nachricht, war doch in den letzten Jahren immer ein wenig Zittern dabei, ob der Salon nicht evtl. unter Sparmaßnahmen ­leiden muss.

Eine weitere gute Nachricht war, dass beim abschließenden Podium sich alle Verlage als zufrieden mit dem diesjährigen Salon gezeigt haben. Einzig das Mangapublikum wurde etwas vermisst. Aber auch hier boten sich die Verlage an, in Zukunft stärker auch Künstler aus Japan einzuladen. Es wäre wünschenswert – denn der Erlanger Comicsalon sollte einen Querschnitt über die gesamte Szene bieten; und evtl. könnte dies helfen, die Gräben zwischen den Leser der einen Stilrichtung und der anderen zu verschließen. Denn Bande Desinee, Manga, Manwha und Comic bedeuten am Ende das gleiche – nur halt in unterschiedlichen Sprachen. Es wäre schön, wenn dies der nächste Comic-Salon noch mehr herausstellen könnte. Mit dem sehr internationialen Programm war man diesmal schon auf einem sehr guten Weg.

PASCAL PHILP

MAX-UND-MORITZ-PREIS

Bester Comic-Strip:
Flix, „Schöne Töchter“ (Der Tagesspiegel)

Auf den Plätzen:
Rick Kirkman und Jerry Scott/Michael Bregel, „Baby Blues“ (Achterbahn)
Barbara Yelin, „Riekes Notizen“, (Frankfurter Rundschau)

ICOM INDEPENDENT-COMIC-PREIS

Bester Independent-Comic:
„Seelenfresser – Erstes Buch: Liebe“ von Schwarwel

Bester Kurzcomic:
„The Quest“ von Till Hafenbrak
in „Biografiktion 3: ABBA“ (Edition Biografikation)

Herausragendes Szenario:
„Trommelfels“ von Marijpol (avant Verlag)

Herausragendes Artwork:
David Füleki

Sonderpreis der Jury für eine bemerkenswerte Comicpublikation:
„Perry – Unser Mann im All“ (Alligatorfarm)

Sonderpreis der Jury für eine besonders Leistung oder Publikation:
Levin Kurio (Weissblech Verlag)

 

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