ImagiNation – Zwischen Genie und Wahnsinn

ImagiNationDer Rollenspielentwickler James ,Grim‘ Desborough sucht über die Fundraising-Plattform indiegogo.com Sponsoren für sein neues System mit dem klingenden Namen „ImagiNation“. Obwohl die Informationen zum Spiel selbst noch relativ mager sind, bemerkt man bei einem näheren Blick darauf, dass „ImagiNation“ eine durchaus interessante Idee zugrunde liegt.
In der Sektion „Intro“ zum Spiel gibt James Desborough an, selbst unter Depressionen zu leiden. Allerdings ohne dabei pathetisch zu werden oder Selbstmitleid anklingen zu lassen. Viel mehr scheint er gerade diese Depression als kreativen Treibstoff zu sehen, der die Idee zu diesem speziellen Spielsystem erst möglich gemacht hat. Außerdem möchte der Autor von „ImagiNation“ das Spiel gratis zugänglich machen, um auch anderen, die vielleicht mit ähnlichen Problemen kämpfen, einen neuen Zugang zum ernsten Thema der Depression zu ermöglichen.

Das Spiel selbst siedelt sich in einer postapokalyptischen Szenerie an, der Schauplatz sind die Britischen Inseln. Ein Virus, das die Psyche der Menschen angreift und zu zerstören versucht, grassiert im früheren Großbritannien und sorgt für entsprechendes Chaos. Die wenigen Überlebenden haben sich auf kleinere Inseln an der Peripherie der „Wahnsinnszone“ zurückgezogen und versuchen dort zu überleben, während ein letztes Aufgebot von Militär und Regierung eine Lösung für das Problem sucht.
Einzig und allein diejenigen, die bereits ein gewisses Quäntchen Wahnsinn in sich tragen, schaffen es, sich ohne schlimme Konsequenzen in die „Zone“ hinein- und mit heiler Haut wieder hinauszubewegen. Wer also ist wahnsinnig genug, um in einer Welt voller Wahnsinniger zurechtzukommen?

Die Spieler sollen laut Beschreibung Sänger, Autoren, Dichter und andere Künstler verkörpern, die es aufgrund ihres Talents schaffen, in der unwirklichen neuen Welt zurechtzukommen und ihre Geheimnisse zu erforschen. Regeltechnisch soll das System auf dem Fan-Rollenspiel „Neverwhere“ basieren. „Neverwhere“ wiederum basiert auf dem gleichnamigen Roman von Neil Gaiman und ist ebenfalls in London angesiedelt. Das W6-System besteht zu einem Großteil aus Storytelling-Elementen und dem gezielten Einsatz von klassischem Horror.

Großbritannien war ja schon immer ein heißes Pflaster, was dystopische Szenarien angeht, allerdings ist die Idee von „ImagiNation“ meiner Meinung nach gerade für „alte Rollenspielhaudegen“ interessant, da man in der kurz umrissenen Story bereits Bilder vor Augen hat, die man aus anderen Systemen kennt. So werden sich Storytellingliebhaber, die bevorzugt Spiele wie „Vampire“ oder „Scion“ spielen, an dem schlanken ­Regelwerk erfreuen (wenn es wirklich so schlank bleibt). Freunde der gepflegten Postapokalypse, die gerne ­„Shadowrun“ spielen, werden sich eventuell sehr gut mit dem Dreck und Staub eines heruntergekommenen London anfreunden können. Und „Cthulhu“-Spieler, die sich mit den Jahren an den Verlust ihrer eigenen „Sanity“ und der ihrer Charaktere abgefunden haben, könnten in „ImagiNation“ ihre Liebe zum Horror neu entdecken. Und selbst Spieler etablierter Fantasy-Rollenspiele haben freie Hand, was die Gestaltung ohnehin schon verrückter Charakterkonzepte angeht. Warum also nicht einen verrückten Barden außerhalb einer Fantasy-Welt spielen?

Ich persönlich bin sehr gespannt, wie sich dieses ehrgeizige Projekt weiterentwickelt. Noch gibt es sehr spärliche Informationen zum Gesamtkonzept der Welt, doch allein der Brückenschlag zwischen dem ernsten Thema des Verlustes seiner psychischen Stabilität und einem dystopischen Rollenspiel klingt faszinierend. Ein erstes Budget-Ziel wurde bereits erreicht und der Autor ­erwähnt auch, wie wichtig ihm nicht nur die Spenden zur Entwicklung und Veröffentlichung sind, sondern vielmehr, für „ImagiNation“ die ­Werbetrommel zu rühren. Ich wünsche ihm Glück und vielleicht trifft man sich irgendwann zum Würfeln in einem kreativ-verrückten London.

INGRID POINTECKER

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